Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

14.06.09 Lukas 16, 19-31

Predigt am 14.06.2009 über Lukas 16, 19-31 - Pfarrer Bauschert


Was, liebe Gemeinde, wird wohl das Wort sein, das in den letzten Monaten zu den am häufigsten ausgesprochenen gehörte?
Ich vermute einmal, dass der Begriff „Wirtschaftskrise“ auf einem vorderen Platz landen würde.
Ausgelöst von Finanzgeschäften, die wohl niemand von uns durchschaut, sind weltweit dramatische Folgen davon zu spüren – Firmen bekommen keine Kredite mehr und/oder verlieren ihre Aufträge, Betriebe gehen pleite, Menschen verlieren ihre Arbeit, von der sie leben.

Wenn von der Zeit vor dieser globalen Krise gesprochen wird, dann klingt das manchmal so, als ob die Welt da noch in Ordnung gewesen sei.
Aber es war eine Welt, in der mit Finanzspekulationen Millionen „verdient“ wurden, während es auf der anderen Seite zum Himmel schreiende Armut gab und gibt – Bischof Huber hat einmal die Frage gestellt, ob es wirklich möglich ist, dass jemand um so viel mehr und besser arbeitet, dass er das 200fache und mehr „verdient“.
Das sind unethische Löhne: die einen sind zu gering, die anderen zu hoch!
Es war eine Welt, in der Aktienkurse stiegen, gerade weil Tausende von Menschen ihre Arbeit verloren haben;
eine Welt, in der die glitzernden Fassaden der Konsum- und
Finanztempel Vielen den Blick verstellten für die andere Seite der Wirklichkeit;
eine Welt, die nicht nur gespalten war (und ist!) in reiche und in arme Länder, sondern in der die Spaltung in „oben“ und „unten“ auch innerhalb der Gesellschaften ganz normal war.

Den Texten der Bibel wird ja manchmal unterstellt, sie hätten mit uns und unserer modernen Lebenswirklichkeit nichts mehr zu tun – sie seien alt und verstaubt, eben aus einer anderen Zeit.
Ob das auch für den heutigen Predigttext gilt?
Er erzählt von einem Reichen und von einem Armen – vom reichen Mann und vom armen Lazarus.
Ich lese aus Lukas 16 die Verse 19 bis 31:
„19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Pur-pur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus,
der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehr-te, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche
aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.
24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Was-ser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.
25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gu-tes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt. 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinü-ber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sen-dest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.
29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abra-ham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstün-de.“

Größer, liebe Gemeinde, könnte der Gegensatz nicht sein, als er hier geschildert wird:
Da ist der eine, der namenlose Reiche, der in Saus und Braus lebt – er trägt nur Maßanzüge aus feinsten italieni-schen Stoffen, kauft nur in edelsten Boutiquen ein; sein Haus am See ist umgeben von einem riesigen Park, der von angestellten Gärtnern gepflegt wird; ein großer Fuhrpark steht ihm zur Verfügung, er kann sich kaufen, was er und wann er es will – wir kennen die Attribute grenzenlosen Reichtums unserer Zeit.
Ich fühle mich erinnert an einen Werbespot – ich meine, es ging um den Kauf von Lottoscheinen: Da verlässt eine Frau etwas gelangweilt den Swimmingpool und sagt zu ihrem Mann: „Ich gehe jetzt los und kaufe mir ein neues Auto“. Und seine Reaktion darauf: „Bringst du mir eins mit?!“
Ein reicher Mann – er lebte alle Tage herrlich und in Freuden; er lebte so, wie Menschen sich früher das Schlaraffenland vorstellten; er lebte so, wie manche es heute sich erträumen, wenn doch endlich der ersehnte Lottogewinn ein-
mal sie treffen würde.

Und dann der andere, der arme Lazarus.
Er ist nicht nur arm, sondern auch krank.
Die Verbindung von Armut und Krankheit wird auch bei uns mehr und mehr zum Thema.
Wer von seinem Lohn sowieso schon kaum leben kann, verzichtet eben auf einen Arztbesuch, um sich die Praxisgebühr zu sparen.
Lazarus scheint durch alle sozialen Netze gefallen zu sein.
Es gibt niemanden, der seine Wunden versorgt.
Leben muss er von dem, was vom Tisch des Reichen fällt –
auf Fußbodenmosaiken römisch-hellenistischer Paläste ist bildhaft dargestellt, welcher Überfluss da auf dem Boden liegt: Geflügelreste, Obst, Fische, Brot, Fleischstücke. Man ist stolz auf den Reichtum, der sich solchen Überfluss leisten kann.
Mir fallen unsere Müllberge ein – das Viele, was wir weg-werfen. Noch immer leben wir in einer Überflussgesell-

schaft: Schnell gekauft – es gibt ja alles und überall; schnell verbraucht oder schon wieder kaputt – viele Geräte sind ja schon so gebaut, dass sie nicht lange halten; und dann schnell weggeworfen und etwas Neues angeschafft!
In manchen Ländern leben Menschen vom Müll, den andere wegwerfen – ja sie leben sogar auf dem Müll!

Wer bei uns nicht mehr „mithalten“ kann – und es werden, das haben Untersuchungen gezeigt, immer mehr – kleidet sich ein in der Kleiderkammer der Diakonie, kauft ein im Tafelladen, geht zum Obdachlosenessen; und wenn es gar nicht reicht, dann setzt er sich an den Straßenrand und hält die Hand auf.
Es ist gut und nötig, dass es solche Einrichtungen für Menschen gibt, die darauf angewiesen sind; und es ist auch richtig, dass wir als Kirche den Blick dafür nicht verlieren, was getan werden muss.
So wird es im kommenden Jahr auch in Ludwigsburg in der Friedenskirche für ein paar Wochen das Angebot einer „Vesperkirche“ geben.
Aber Lazarus braucht mehr als Lazarette!
Der Zustand der Trennung zwischen Arm und Reich darf nicht einfach festgeschrieben werden.

Nun aber zurück zu unserem Text.
Da fällt zunächst einmal zweierlei auf:
Das Eine: Die Situation des Reichen und des Armen wird nicht gewertet; es wird einfach beschrieben, erzählt: so ist das.
Da ist der Reiche, da ist der Arme – und sie haben nichts miteinander zu tun. Der Reiche nimmt den Armen einfach nicht wahr.
Problematisch ist diese Beziehungslosigkeit; wenn Men-schen einander übersehen, können sie auch nicht wahr-nehmen, was dem anderen fehlt.
Und wer sich das, was er sieht, zu Herzen gehen lässt, wird nicht mehr einfach so tun können, als sei alles in Ordnung.

Und das Andere:
Nur eine der beiden handelnden Personen trägt einen Na-men – und was für einen!
Der Reiche bleibt namenlos – weil er für „den Reichtum“ schlechthin steht? Oder geht es um „Datenschutz“, dass niemand bloßgestellt wird?
Lazarus dagegen wird namentlich genannt; und sein Name bedeutet: „Gott hilft“.
Ein Name hilft, Beziehung herzustellen.

Wer einen Namen trägt und mit seinem Namen angespro-chen wird, ist nicht mehr einfach „der da“ – der Penner da, der am Straßenrand.
Ein Name verleiht Würde, Menschenwürde; wenn auch das, was von Lazarus erzählt wird, deutlich macht, wie seine Würde trotzdem mit Füßen getreten wird.
Aber trotz allem steht mit seinem Namen dahinter die zuversichtliche Hoffnung: Gott hilft.

Davon erzählt unsere Geschichte im Weiteren anschaulich:
Was dem Lazarus bisher verwehrt war, wird ihm im Tod zuteil: liebevoll geborgen, von Engeln dorthin getragen, liegt er jetzt in Abrahams Schoß. Das hätte er sich im Leben einmal gewünscht – auf Händen getragen zu werden!
Und das, obwohl noch im Tod der Unterschied von arm und reich hervorgehoben wird: Der Reiche wird begraben, würdig bestattet in einem Felsengrab. Davon ist bei Lazarus nicht die Rede – Arme werden einfach verscharrt.
Auch das ist heute wieder ein Thema, wenn es um die Frage einer würdevollen Trauerfeier für Menschen geht, die keine Angehörigen mehr hatten und auch kein Vermögen, um eine Bestattung zu bezahlen. Da ist es schon passiert, dass Gemeindepfarrer nicht einmal informiert wurden!

Die Urne wurde einfach anonym beigesetzt.

Es gibt, so vermittelt unser Gleichnis, doch so etwas wie eine „ausgleichende Gerechtigkeit“.
Aber da stellt sich natürlich sofort auch die Frage:
Ist das, was wir da hören, nicht einfach eine Vertröstung aufs „Jenseits“? Wenn es dir hier im Leben schlecht geht, dann kannst du ja wenigstens darauf hoffen, später einmal versorgt zu sein!
Ja, man kann das als eine billige Vertröstung verstehen; aber in dieser Hoffnung auf Gerechtigkeit nach dem Tod steckt auch ein tiefer Trost: Das, was ein Menschenleben jetzt ausmacht, das auch, was es jetzt beschwert, gerät nicht einfach in Vergessenheit.
Meine „Armut“ jetzt – welcher Art sie auch immer sein mag – legt mein Leben nicht ein für allemal fest – schon gar nicht über den Tod hinaus!
Und mit meinem „Reichtum“ hier kann ich mir keinen Platz im Himmel, in „Abrahams Schoß“ erkaufen.

Aber um eine Ausmalung dieses „Jenseits“ geht es in unserem Gleichnis gar nicht.
Sondern es geht um die Frage, wie hier und jetzt mit den

Unterschieden von Reichtum und Armut umgegangen wird; es geht um die Frage, welche Verantwortung an grenzenlosem Reichtum hängt; wie er eingesetzt werden kann zum Wohl aller.
Das, was hier vom „Jenseits“, vom Leben nach dem Tod erzählt wird, soll uns die Augen öffnen für das Leben vor dem Tod!

Es wird erzählt mit den Bildern von Himmel und Hölle – Bilder, mit denen wir Protestanten uns – zu Recht! – schwer tun.
Es sind Bilder, die versuchen, Konsequenzen unseres Han-delns, unseres Tuns und Lassens auszumalen.
Es wird nicht gesagt, dass Reichtum in die „Hölle“ führt – also dass Folge von Reichtum ewige Qual sei.
Der Reiche ist an diesem Ort, weil er bisher nicht in der Lage war, zu „sehen“ – den Armen vor seiner Tür wahrzunehmen in seiner Not.
Erst jetzt gehen dem reichen, jetzt sehr armen (weil gequältem) Mann zum ersten Mal die Augen auf – und er sieht Lazarus von ferne im Schoß Abrahams.
Hätte er doch früher einmal die Augen aufgemacht!
Hätte er sich doch früher einmal berühren lassen von der

Not des anderen.
Jetzt redet er von Mitleid, von Erbarmen – aber er denkt wieder nur an sich.

Das Gleichnis Jesu will eine Warnung sein –
eine Warnung davor, sich wie der Reiche nur um sich selbst, nur um das eigene Wohlergehen, nur um die eigene „Gewinnmaximierung“ zu drehen – und dabei nicht mehr wahrzunehmen, wie groß die Not direkt vor der eigenen Haustür ist.
Die Gefahr solchen Reichtums steckt in uns allen – auch wenn wir uns selbst nicht als „reich“ bezeichnen würden:
die Gefahr, immer mehr haben zu wollen und immer weniger die um uns herum zu sehen.
Ganz schnell wird dieses Streben nach immer mehr Besitz zum einzigen Lebenszweck; für unser Gleichnis ist klar, dass, wer so lebt, sich auf einem „Höllenweg“ befindet.

Der Reiche im Gleichnis will jetzt wenigstens seinen Brü-dern das gleiche Schicksal ersparen; ihnen will er eine Warnung zukommen lassen – in Form eines Boten aus dem „Totenreich“.
Das wird ihm verwehrt.

Denn warum sollten sie dem glauben?
Sie haben, was sie brauchen, um den rechten Weg gehen zu können: Die Schriften der Bibel, Mose und die Propheten.
Da ist zu hören von dem Leben, das Gott uns schenkt, und von der Verantwortung, die wir haben – ihm gegenüber und untereinander.
Da ist zu hören von regelmäßiger Entschuldung, da wird Unrecht und Ungerechtigkeit beim Namen genannt und angeprangert.

Und wir haben darüber hinaus die Worte Jesu, der die Barmherzigen selig preist und die, die sich einsetzen für Frieden und Gerechtigkeit.

Handeln oder Nicht-Handeln,
Tun oder Lassen,
Not wahrnehmen oder einfach übersehen:
All das hat Konsequenzen.
Das Gleichnis Jesu lädt uns ein, Augen und Herzen offen zu halten, damit wir gemeinsam den Weg der Gerechtigkeit gehen können.
Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de