Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

01.01.08 Jahreslosung 08

Predigt am 01.01.2008 über Johannes 14,19
Pf. Matthias Bauschert


Sicher haben Sie auch schon viele gute Worte gehört oder gesagt, liebe Gemeinde –
heute Nacht, zum Jahreswechsel, oder heute Früh, am ers-ten Morgen des neuen Jahres.
„Rosh Hashana“, Kopf des Jahres – so heißt der Neu-jahrstag (der allerdings nach dem jüdischen Kalender nicht am 1. Januar gefeiert wird) auf hebräisch.
Aus dem Wunsch für einen guten Jahresanfang, einen guten „Rosch“, wurde der bei uns weit verbreitete „Gute Rutsch“, der also mit vereisten Straßen in dieser Jahreszeit über-haupt nichts zu tun hat.
Gute Wünsche geben wir uns mit auf den Weg an der Schwelle zum neuen Jahr – ich wünsche dir ein friedliches, ein glückliches, ein gesundes, ein erfolgreiches Jahr;
ich wünsche dir, dass es genauso gut wird wie das alte – oder dass es gerade besser wird;
ich wünsche dir Mut für die neuen Schritte, die du gehen wirst und Ausdauer für alles, was du dir vorgenommen hast;
ich wünsche dir den Segen Gottes, dass er dich begleite im neuen Jahr.

Auf seine Art formuliert der Schweizer Theologe Kurt Marti solche guten Wünsche:

Dass du dir glückst
Dass dir das Glück anderer glücke
Dass durch dich ein oder zwei Menschen besser sich glücken
Dass Glück dich nicht blende für das Unglück von anderen
Dass du dir glückst auch im Unglück
Dass eine Welt werde wo zusammen viele sich glücken
können

Da wird deutlich, dass die guten Wünsche, die ich für mich selbst habe im neuen Jahr oder die andere mir zusprechen;
dass es glückliches Leben, Leben in Fülle, für mich nicht losgelöst gibt von den Menschen, mit denen ich zusammen lebe, die mit mir leben auf dieser Erde.

So etwas wie ein Neujahrswunsch, wie ein Versprechen zum Beginn des neuen Jahres ist auch die Jahreslosung, die uns für 2008 mit auf den Weg gegeben wird.
Für die Wolfgangkirche ist das ein ganz besonderes Bibel-wort, ist es doch an der Außenmauer, auf dem Weg zum Friedhof, eingemeißelt:
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“


Wir haben also in diesem Jahr die Jahreslosung nicht nur
hier im Gemeindezentrum vor Augen, sondern immer auch dann, wenn wir an unserer Kirche vorbei auf den Friedhof gehen – „Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“

Dieses Jesus-Wort aus Johannes 14, 19 ist Teil der so ge-nannten Abschiedsreden Jesu.
Jesus spricht denen, die um ihn trauern, denen, deren Hoff-nungen mit seinem Kreuzestod zerplatzen wie Seifenblasen, neuen Mut zu – Lebensmut.
„Euer Herz erschrecke nicht; glaubt an Gott und glaubt an mich!“
So beginnen die Abschiedsreden.
Erschreckt nicht; wo ihr jetzt nur Tod, Ende, Abbruch seht – da ist Leben, neues Leben.
„Ich lebe, und ihr sollt auch leben!“

Diese Jahreslosung, dieses Wort, das uns durch das ganze Jahr begleiten soll, ist für mich mehr als ein guter Wunsch.
Es ist ein Versprechen, ein österlicher Zuspruch.
Es ist ein Wort, an dem wir uns festhalten können, auch und gerade dann, wenn uns ganz Anderes vor Augen steht.

„Ich lebe“ – das sagt Jesus zu seinen Freunden, den Jün-gern, die nicht wahrhaben wollen, dass ihn sein Weg ans Kreuz führt.
„Ich lebe“ – damit bestärkt der Evangelist Johannes seine Leserinnen und Leser in ihrem Vertrauen zu Jesus Christus, in ihrem Glauben an den, der gestorben und auferstanden ist.
„Ich lebe“ – dieses Osterwort hören wir heute, am Beginn eines neuen Jahres, und dazu den Zuspruch:
„Und ihr sollt auch leben“; oder, anders übersetzt:
Ihr werdet leben!

Die Freunde Jesu haben seinen bevorstehenden Tod vor Augen, die Männer und Frauen der ersten Christengemein-den müssen immer wieder neu lernen, darauf zu vertrauen, dass der Tod Jesu am Kreuz kein Schlusspunkt, sondern ein Neuanfang war – Beginn eines Lebens voller Hoffnung über alle Grenzen der Todesmacht hinweg.

Solche österliche Hoffnung wird uns heute mit auf den Weg ins neue Jahr gegeben.
Wenn eine Jahreslosung einen Sinn haben soll, dann doch den, dass sie uns immer wieder vor Augen steht, bei allem,

was uns im neuen Jahr begegnen wird; bei allem, was wir jetzt noch nicht kennen.

Ihr sollt leben, ihr werdet leben!
Das ist uns als christliche Gemeinde gesagt, als Teil der weltweiten Christenheit, die ihr Vertrauen setzt auf den auf-erstandenen Jesus Christus.
Das hören wir als Christenmenschen, die immer wieder den Mut verlieren, weil so vielen das Leben in ihrer Gemeinde, in ihrer Kirche egal ist oder weil sie ihr ganz den Rücken kehren.
„Ihr sollt leben!“ – gebt euch nicht der Resignation hin; bringt eure Gaben ein, eure Gedanken, eure Phantasie und arbeitet mit am Bau der Gemeinde Jesu Christi.
„Ihr werdet leben!“ – auch da, wo ihr die Grenzen der Machbarkeit erkennt (und letztlich ist alles Gemeinde-wachstum Gabe, Geschenk Gottes!), auch da bleibt das Ver-sprechen Jesu bestehen: „Wo zwei oder drei zusammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Ihr sollt leben, ihr werdet leben!
Das ist uns in einer Welt gesagt, die in so vielem lebens-feindlich ist.

Wir kennen die Schreckensnachrichten über Umweltzerstö-rungen; wir wissen um die Schwierigkeiten der internatio-nalen Gemeinschaft, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen.
Und wir kennen unsere eigene Bequemlichkeit, in der wir nicht bereit sind, auf lieb gewonnene Gewohnheiten, auf Luxus, den wir für selbstverständlich halten, zu verzichten.
„Ihr sollt leben!“ – also werdet nicht müde, nach Lösungen zu suchen, unser aller Lebensgrundlagen zu erhalten.
„Ihr werdet leben!“ – hinter aller Machbarkeit, hinter allen Projekten und Programmen, die wir erdenken und umset-zen, steht Gottes großes Ja, der uns das Leben schenkt und es erhält.
Die Welt, in der wir leben, ist Gottes Schöpfung, wie wir selbst es sind.
Die Erde zu bebauen und zu bewahren – dazu haben wir den Auftrag. Gott traut uns Großes zu – und er lässt uns darin nicht allein.

Ihr sollt leben, ihr werdet leben!
Das ist jedem und jeder von uns ganz persönlich gesagt.
Auch am Beginn eines neuen Jahres sollten wir uns nichts vormachen –

trotz aller guten Wünsche werden Stunden und Tage kom-men, in denen uns das Leben schwer wird –
wenn wir den Anforderungen nicht gerecht werden, die an-dere an uns haben;
wenn Beziehungen zerbrechen, die einmal so hoffnungsvoll begonnen haben;
wenn Ältere und Jüngere einander nicht mehr verstehen und sich dann auch nichts mehr zu sagen haben;
wenn eine Krankheit alle Pläne durchkreuzt;
wenn der Tod uns einen lieben Menschen entreißt.

Gerade in solchen schweren Stunden und Tagen sollten wir die Jahreslosung vor Augen haben.
Mitten hinein in alles Dunkle, in alle Fragen und Zweifel begegnet uns diese Zusage, der göttliche Zuspruch wie ein „Rettungsring“, wenn einem der Boden unter den Füßen zu verschwinden droht.
Ihr sollt, ihr könnt, ihr werdet leben – auch wenn alles, was jetzt gerade euer Leben bestimmt, dem entgegenzustehen scheint.
Jesu Lebenswort ist begründet in seinem eigenen Sieg über den Tod – und es gibt nichts, was diesem Leben, das er uns verspricht, wieder eine Grenze setzen könnte;

das gilt schon hier und jetzt, mitten in unserem Leben, und dann in Ewigkeit.

Ich möchte mich an den Zuspruch Jesu halten und damit voller Hoffnung den Weg ins Jahr 2008 beginnen – mit al-lem Neuen und Unbekannten, das es bringen wird.

Mit guten Wünschen haben wir begonnen; gute Wünsche des Theologen Jörg Zink sollen am Schluss stehen:

Ich wünsche dir nicht
ein Leben ohne Entbehrung,
ein Leben ohne Schmerz,
ein Leben ohne Störung.
Was solltest du tun
mit einem solchen Leben?

Ich wünsche dir aber
dass du bewahrt sein mögest
an Leib und Seele.
Dass dich einer trägt und schützt
und dich durch alles, was dir geschieht,
deinem Ziel entgegen führt.

Dass du unberührt bleiben mögest
von Trauer,
unberührt vom Schicksal anderer Menschen,
das wünsche ich dir nicht.
So unbedacht sollte man nicht wünschen.


Ich wünsche dir aber,
dass dich immer wieder
etwas berührt,
das ich dir nicht so recht beschreiben kann.
Es heißt „Gnade“.
Gnade ist ein altes Wort,
aber wer sie erfährt,
für den ist sie wie Morgenlicht.

Man kann sie nicht wollen
und nicht erzwingen,
aber wenn sie dich berührt,
dann weißt du: Es ist gut.

Es ist gut, weil der, der sich uns gnädig zuwendet, derselbe ist, der uns zuspricht: „Ich lebe, und ihr sollt, ihr werdet auch leben!“

Amen.


EG 115,1.2.5.6; Jesus lebt, mit ihm auch ich
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