Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

01.01.09 Jahreslosung 2009

Predigt am 01.01.2009 über die Jahreslosung
Lukas 18, 27

Pf. Matthias Bauschert




„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“
Dieses Bibelwort, liebe Gemeinde, erwartet uns an der Schwelle des neuen Jahrs und soll uns als Jahreslosung durch das Jahr 2009 begleiten.
In unseren „Unmöglichkeiten“ Gottes „Möglichkeiten“ zu entdecken – das kann uns das ganze Jahr über zu denken geben;
das Bibelwort lädt uns ein, dran zu denken und dar-über nachzudenken.
Und so ist eine Jahrslosung nichts an-deres, als eben ein „Denkspruch“ für ein Jahr! Martin Luther hat einmal gesagt, das Wort Gottes sei wie ein Kräutlein:
„Je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“
Also fangen wir heute an, es „zu reiben“, darüber nachzudenken, damit es uns dann begleitet und seinen Duft entfaltet im neuen Jahr, das heute begonnen hat.
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott mög-lich.
Jesus selbst hat diesen Satz gesagt. So jedenfalls lässt es sich bei Lukas 18,27 nachlesen, und Matthäus und Mar-kus erzählen es ganz ähnlich.
Vorausgegangen war dem die Begegnung mit einem jungen Mann, der viele Güter hatte – die Erzählung vom „reichen Jüngling“.
Dieser Mann war auf Jesus zugegangen und hatte ihn gefragt:
„Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewi-ge Leben ererbe?“
Er machte sich also durchaus Gedanken über sein Leben, über Sinn und Ziel des Lebens und nicht zuletzt über das ewige Leben. Jesus erinnert ihn zunächst an die Zehn Gebote, die Regeln für ein gutes Leben und Zusammenleben; und so antwortet er: „Du kennst die Gebote:
Du sollst nicht ehebrechen;
du sollst nicht töten;
du sollst nicht stehlen;
du sollst nicht falsch Zeugnis reden;
du sollst deinen Vater und deine Mut-ter ehren.“

Die Gebote bilden die Grundlage dafür, dass unser Leben gelingen kann – aber sie sind nicht alles. Denn als der reiche Mann beteuert, dass er die Gebote von Jugend auf gehalten hat, sagt Jesus zu ihm: „Es fehlt dir noch eines.
Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach.“
Das Halten der Regeln ist das eine, die Haltung der Hingabe aber noch mehr. Doch darauf kommt es an, sagt Jesus: Alles, allen Besitz, das ganze Leben in den Dienst der Nachfolge stellen.
Als der reiche Mann sich daraufhin traurig abwendet, sagt Jesus: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme.“ Das ist so eindeutig, dass es fast zum Sprichwort geworden ist. Selbst bei uns, wo es keine Kamele gibt, steht einem das Bild klar vor Augen: Dass ein Kamel durch die kleine Öffnung einer Nadel geht – unmöglich! Und auch wenn man das „Kamel“ für einen Übersetzungs-fehler hält und die Ansicht vertritt, hier müsste „Seil“ oder „Tau“ stehen – was für Fischer damals ja nahe liegend wäre – verliert das Bild nichts von seiner Aussagekraft.
Entsprechend ist auch die Reaktion: Entsetzte Blicke, Fragen:
Wer kann dann selig werden?
Aber daran hatten sie wohl nicht gedacht, dass das Unmögliche nicht unmöglich ist – bei Gott. Am Schluss dieser Erzählung sagt Jesus den Satz, der zu unserer Jahreslosung geworden ist:
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“
Was bei den Menschen unmöglich ist...
Da fallen mir am Anfang des Jahres als Erstes die vielen guten Vorsätze ein.
Gehören Sie auch zu denen, die solche guten Vorsätze für das neue Jahr haben?
Viele nehmen sich vor, im neuen Jahr auch in ihrem Leben etwas neu zu gestalten und schlechte Gewohnheiten abzulegen. „Das ist meine letzte Zigarette am Silvesterabend, ab morgen rauche ich nicht mehr“, verspricht einer, und der zweite nimmt sich vor, weniger zu trinken. Mehr Zeit für die Kinder, mehr Sport oder weniger Fernsehen – die Vorsätze sind vielfältig. Vielleicht nimmt sich ja auch jemand vor, Rendite und Ge-winnmaximierung nicht mehr über alles zu stellen; die Menschen zu sehen hinter den Zahlen!
Es gibt aber auch welche, die sagen: „Gute Vorsätze gibt es bei mir nicht mehr. Ich halte das ja doch nicht ein.“ Und es stimmt ja: die meisten guten Vorsätze sind nach wenigen Tagen oder spätestens nach ein paar Wochen längst wieder vergessen. Wahrscheinlich ist es realistisch, auf gute Vorsätze zu verzichten. In den meisten Fällen ist es unmöglich, den guten Vorsatz einzuhalten oder gar durchzuhalten.
Was bei den Menschen unmöglich ist...
Aber eigentlich ist es schade, wenn man sich nichts Neues vornimmt für das neue Jahr. Denn dann geht es einfach so weiter, wie es im vergangenen war. Nichts Neues unter der Sonne, es bleibt beim alten Trott. Kein Versuch, etwas anders zu machen, wahrscheinlich auch keine großen Erwartungen an das neue Jahr, keine Hoffnungen, Wünsche, Träume.
Doch: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.
Das klingt für mich wie eine Einladung, es doch wenigstens zu probieren. Nicht alles beim Alten zu lassen. Den Jahres-wechsel als eine gute Chance zu sehen, Neues zuzulassen. Nicht aus eigener Kraft, aber im Vertrauen auf Gott kann das Unmögliche möglich werden, kann das neue Jahr wirklich Neues bringen.
So wird der Jahreswechsel zur Chance, das eigene Leben im Vertrauen auf Gott neu werden zu lassen.
Nicht nur eine neue Zahl zu schreiben, sondern wirklich Neues anzufangen. Im Nachdenken über die Jahreslosung kann ich mich fragen: Was kann neu werden in meinem Leben in diesem Jahr?
Was bei den Menschen unmöglich ist...
Das ragt aber auch weit über das private Leben hinaus. Für Menschen unmöglich – so lassen sich derzeit fast alle Versuche charakterisieren, unsere Welt besser zu gestalten. Die Politik erscheint zunehmend hilflos gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit. Da werden zwar Hunderte von Milliarden eingesetzt – man staunt, wo dieses Geld herkommt! –, um Banken und Wirtschaft zu stützen; und doch weiß niemand, ob dieses Geld nicht einfach verdampft wie der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein.
Wegen des Klimawandels ist im vergangenen Jahr sehr viel über alternative Energien gesprochen worden. Doch gleich gerät Biosprit in Verruf, den Hunger auf der Welt zu vergrößern; und wenn das wirklich so ist, dann können wir doch nicht darauf unsere Zukunft bauen wollen! Auch an der Atomkraft scheiden sich weiterhin die Geister. Es wird viel geredet, aber es tut sich fast nichts. Immer noch ist die Zahl der Autos mit alternativem Antrieb verschwindend gering. Nicht viel anders ist es mit den großen Reformvorhaben. Seien es die Bildungspolitik, die Gesundheitsreform oder die Diskussion um den Mindestlohn: Gute Ansätze werden in der Debatte zerrieben, und am Ende gibt es kaum spürbare Veränderungen.
Ganz zu schweigen von den großen weltweiten Herausforderungen: Das Wachsen der Weltbevölkerung, Hunger und Katastrophen, der Unfriede und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen.
Für Menschen unmöglich – das scheint unsere hoffnungslose Lage zu sein.
Was heißt es da, auf Gott zu vertrauen, bei dem das Unmögliche möglich ist?
Vaclav Havel, der Schriftsteller und langjährige Präsident Tschechiens, hat einmal gesagt: „Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen:
Politik ist nicht die Kunst des Mögli-chen, sondern des Unmöglichen.“
Vielleicht ist es ja wirklich so: Die so genannte „Realpolitik“ hat keine Chance mehr, Veränderung kann nur noch so geschehen, dass man versucht, das Unmögliche zu realisie-ren, möglich zu machen. In diesem Jahr ist der große Umbruch im Osten 20 Jahre her, und – außer den Kindern und Jugendlichen – können wir uns alle noch gut daran erinnern; das ist ein Datum in unserer Geschichte, das sich ins „kollektive Gedächtnis“ eingebrannt hat: Der Fall der Mauer, die Öffnung der Grenzen, die Vereini-gung der beiden deutschen Staaten und die Umgestaltung des früheren Ostblocks – was 1989 möglich wurde, hatten vorher doch alle für unmöglich gehalten.
Im Sommer 1987 – also nur zwei Jahre vor dieser unglaublichen, „unmöglichen“ Veränderung, war ich für einige Wochen zu einem diakonischen Praktikum in der DDR. Erich Honecker war in diesem Jahr als Staatsgast in der BRD. Ein Ende der DDR war unvorstellbar; es ging um kleine Schritte aufeinander zu, um kleine Verbesserungen.

Und dann das Jahr 1989 mit diesen radikalen Veränderungen, die doch friedlich verliefen. Von diesen Erfahrungen ist auch die Einstellung Vaclav Havels geprägt – dass Politik die Kunst des Unmöglichen ist. Solche Veränderungen kann man nicht herbeizwingen, aber nur das „Unmögliche“ eröffnet Chancen für die Zukunft.
Gut, wenn man dabei auf Gott vertrauen kann.
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“
Als Jahreslosung ist dieses Wort ein paradoxer Wegweiser, es zeigt einen unmöglichen Weg, eine „unmögliche Möglichkeit“. Das Mögliche ist zu wenig für das neue Jahr, aber das Unmögliche kann ich nicht machen. Es kann mir nur geschenkt werden. Gott traut uns zu, diesen „unmöglichen“ Weg zu gehen. Er traut uns zu, dass Neues geschehen kann, weil das Unmögliche bei ihm möglich ist.
Im Rückblick entdecken wir das manchmal auch, dass das geht: Da gab es Situationen im Leben, in denen ich gedacht habe: Das schaffe ich nie. Das halte ich nicht durch. Doch dann war die Kraft dafür da. Gott hat das Unmögliche möglich gemacht. Mit solchem Gottvertrauen möchte ich ins neue Jahr gehen.
Gott traut es uns zu. Was wollen Sie tun, wenn das Unmögliche sich realisieren lässt im neuen Jahr? Ich nehme an, einigen macht der Gedanke auch Angst.
Bevor alles neu wird, belassen es viele doch lieber beim Alten. Andere stecken vielleicht voller Ideen und Tatendrang, wollen gleich die Ärmel hochkrempeln und alles neu ma-chen. „Was würden Sie tun, wenn Sie das neue Jahr regieren könnten?“
Mit dieser Frage ist ein Gedicht des deutschen Dichters Joachim Ringelnatz (1883-1934) zum Jahreswechsel überschrieben.
Es stammt aus dem Jahr 1928 – hier seine Antwort:
„Ich würde vor Aufregung wahrscheinlich die ersten Nächte schlaflos verbringen und darauf tagelang ängstlich und kleinlich Ganz dumme, selbstsüchtige Pläne schwingen. Dann – hoffentlich – aber laut lachen und endlich den lieben Gott abends leise Bitten, doch wieder nach seiner Weise das neue Jahr göttlich selber zu machen.“

So wünsche ich es uns: Dass wir im neuen Jahr alles von Gott erwarten.
Jeder der 365 Tage ist ein Geschenk an uns, voll großer oder kleiner Wunder und Überraschungen. Wenn wir dafür offen sind, kann das Unmögliche geschehen, und die Jahreslosung kann uns zur Verheißung werden:
„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“

So sei es – Amen.

Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de