Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

02.01.11 Röm 12,21

Predigt am 02.01.2011 über Römer 12, 21

 Pf. Matthias Bauschert

„Was ist unser Ziel für das kommende Jahr?“

So, liebe Gemeinde, wird in vielen Betrieben und Einrichtungen immer wieder gefragt; auch Kirchengemeinderäte beraten darüber, welche Ziele in einzelnen Arbeitsbereichen der Kirchengemeinde angestrebt und erreicht werden sollen.

In Personalentwicklungsgesprächen treffen Vorgesetzte und Angestellte eine gemeinsame Zielvereinbarung.

 

Wie immer am Anfang eines neuen Jahres soll auch heute die Jahreslosung Thema dieser Neujahrspredigt sein.

Und ist eine Jahreslosung nicht auch ein bisschen so etwas wie eine „Zielvorgabe“?

Zumindest zeigt sie eine Richtung an, in der wir uns gemeinsam bewegen wollen; ein Thema, das uns alle begleiten soll.

Die Jahreslosung ist verbreitet im ganzen deutschsprachigen Raum; eingeführt wurde sie in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts.

Als offizielle Geburtsstunde gilt das Jahr 1934 – und wenn

wir uns vergegenwärtigen, dass damals gerade die Nazi-Diktatur begonnen hatte, bekommt dieses „Losungswort“ für das Jahr 1934 aus 1. Petrus 1, 25 eine ganz besondere Bedeutung, einen Bekenntnischarakter: „Des Herrn Wort aber bleibet in Ewigkeit.“

Gottes Wort überdauert auch „tausendjährige“ Reiche.

Auf den einen Herrn setzen Christen ihr Vertrauen, und nicht auf die Herren der Welt.

Wenn das keine gute „Zielvorgabe“ für Christen war in einer Zeit, in der ganz anderes an erster Stelle stand!

 

Heute werden die Jahreslosungen von einer ökumenischen Arbeitsgemeinschaft festgelegt, etwa für drei Jahre im Voraus.

Sie nehmen also nicht Bezug zu ganz konkreten politischen oder gesellschaftlichen Themen, aber sie werden natürlich aus der Stimmung einer bestimmten Zeit heraus ausgewählt.

Wir könnten jetzt wieder das Ratespiel machen wie im vergangenen Jahr – erinnern Sie sich noch an das Bibelwort, das uns durchs Jahr 2010 begleitet hat? …

„Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ (Joh. 14, 1)

 

Mir ist im Lauf des Jahres die Ermutigung immer wichtiger geworden, die in diesem Bibelwort steckt – der Zuspruch, dass der Glaube, das Vertrauen auf Gott, Grund genug ist, sich nicht schrecken zu lassen von dem, was unerwartet und unbekannt auf einen zukommt – „Euer Herz erschrecke nicht!“

 

Das Wort, das uns ins neue Jahr mitgegeben wird, hat demgegenüber einen deutlichen Aufforderungscharakter – weniger Zuspruch, eher Anspruch.

Aber so ist das ja auch mit den Zielen, die man sich setzt: Sie sollen einen ja auch herausfordern!

In Römer 12, 21 schreibt Paulus:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

 

Dieser Vers, liebe Gemeinde, steht am Ende eines Abschnitts, in dem Paulus über das Zusammenleben der Menschen in der Gemeinde und darüber hinaus spricht.

Unsere Jahreslosung ist so etwas wie eine Zusammenfassung all dieser Gedanken über friedlichen Umgang miteinander und den Verzicht auf Rache.  „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

 

So klar verständlich diese Worte klingen, so schwer, so unmöglich scheint es oft zu sein, sie umzusetzen.

Einfach und klar, mit wenigen Worten sagt Paulus, worauf es ankommt; dieser Satz ist so etwas wie eine klare Handlungsanweisung für unser Tun und Lassen.

 

Zuerst das „Lassen“ – lass dich nicht überwinden, nicht besiegen vom Bösen.

Das kommt uns aus vielen Zusammenhängen bekannt vor, aber da klingt es dann doch ein bisschen anders:

Lass dich nicht unterkriegen; lass dich nicht einschüchtern; lass dir nicht alles gefallen!

Und als Fortsetzung hören wir: Wehr dich! Du hast das Recht dazu. Zeig dem andern deutlich, wo seine Grenzen sind.

 

Die Aufforderung dazu, was zu tun ist, geht bei Paulus aber in eine ganz andere Richtung:

„Überwinde, besiege das Böse mit Gutem!“

Geht das überhaupt? Kann das mehr sein als ein frommer Wunsch?

Kann man so leben in unserer Welt, in der es doch mehr und mehr darum zu gehen scheint, sich gegen andere

 

durchzusetzen? Kann man sich das überhaupt leisten –

Böses mit Gutem zu vergelten?

Und war das zur Zeit des Paulus so viel anders? Musste da nicht auch jeder selbst danach schauen, wo er bleibt?

 

Ich denke, eine urmenschliche Vorstellung von „Gerechtigkeit“ verbirgt sich in dem Satz „Wie du mir, so ich dir“.

Das alttestamentliche „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ müssen wir in diesem Zusammenhang weniger als Erlaubnis zur Rache verstehen, sondern als Schutz dessen, der einem anderen etwas angetan hat: Der Geschädigte hat lediglich das Recht, ihm den gleichen Schaden zuzufügen; wem etwas gestohlen wurde, der darf dem anderen nicht das Leben nehmen. Damit werden ausufernde Rachegelüste begrenzt; eine endlose Spirale von Gewalt und Gegengewalt kann so gar nicht in Gang kommen.

 

Die Aufforderung des Paulus geht aber weit darüber hinaus.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Hinter diesen Worten des Paulus steht natürlich Jesu Rede von der Feindesliebe –  „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen“ (Mt. 5, 44) – und seine Aufforderung:

 

„Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar“ (Mt. 5, 39).

 

Die Jahreslosung 2011 als „Zielvorgabe“ für dieses Jahr, das gerade begonnen hat, macht es uns nicht leicht!

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

 

Wir könnten jetzt ja zunächst einmal eine Grundsatzdiskussion darüber anfangen, was das eigentlich ist – Gut und Böse. So klar lässt sich das manchmal gar nicht trennen.

Und doch wird uns hier zugetraut, dass uns das, wenn es darauf ankommt, gelingt.

Und ich denke, wir wissen meistens schon ganz genau, was jeweils „gut“ oder „böse“ ist; was dem Guten dient und was nur Leid und Schmerz hervorruft.

Und wenn wir ehrlich sind, dann suchen wir „Böses“ auch nicht immer nur bei den anderen, und „Gutes“ bei uns selbst; wir wissen ganz genau, was alles auch in uns steckt!

 

Das Hauptproblem unserer Jahreslosung ist sicher nicht diese geforderte Unterscheidung von Gut und Böse – das

wird uns gelingen, das traut uns Paulus zu!

Die Schwierigkeit steckt in der Forderung, Böses eben nicht mit Bösem zu vergelten, sondern mit Gutem zu überwinden – und das Böse damit zu besiegen.

 

Ich merke, wie ich hier gedanklich an Grenzen stoße.

Mir kommen Menschen in den Sinn, die sich mit ihrem Leben dafür einsetzten, ein unendlich böses Regime zu beenden – ich denke an die Verschwörer des 20. Juli 1944.

Sie wussten, dass sie Menschen töten mussten und sie waren bereit, diese Schuld auf sich zu nehmen.

Aber wie hätte hier die von Paulus geforderte Lösung aussehen sollen, Böses mit Gutem zu überwinden?

Offensichtlich gibt es doch Situationen, wo das „Gute“, also die Rettung vieler Menschenleben, eine Tat fordert, die selbst gemeinhin als „böse“ bezeichnet wird.

 

Aber das sind Extremsituationen; Gott bewahre uns davor, solche Entscheidungen treffen zu müssen!

Für uns wird die alltägliche Herausforderung der Jahreslosung eine ganz andere sein – eine Aufgabe, der wir uns Tag für Tag des beginnenden Jahres aufs Neue stellen müssen:

Wie schaffen wir es, nicht in das alte Muster des „Wie du

mir, so ich dir“ zurückzufallen?

Wie schaffen wir es, auf Böses nicht mit Bösem zu antworten – das böse Wort nicht zurückzugeben; über einen, der schlecht über uns redet, nicht auch Schlechtes zu sagen; den nicht auflaufen zu lassen, der uns eine wichtige Information vorenthalten hat?

 

Wir wissen alle, wie schwer uns das fällt.

Mir wird die Jahreslosung, mir wird dieses Pauluswort – das merke ich mehr und mehr – eine echte Herausforderung, es einfach auszuprobieren; das, was mir zunächst unmöglich erscheint, einfach zu tun.

Wie das aussehen kann?

Ich nehme mir vor, mir diesen Bibelvers immer wieder vor Augen zu halten; damit das leichter gelingt, gibt es auch in diesem Jahr wieder den kleinen Kalender für den Geldbeutel.

Ich nehme mir vor, diesen Vers zu „verinnerlichen“, so dass ich dann, wenn es darauf ankommt, nicht immer wieder in die gleiche Falle tappe: „Wie du mir, so ich dir“. Sondern dass es mir dann gelingt, erst einmal mich zurückzunehmen, sozusagen aus der Situation herauszugehen und mir von außen anzusehen, was da eigentlich gerade passiert. Und dann das böse Wort hinunterzuschlucken und mir ein

 

„gutes“ zu überlegen.

Ich nehme mir vor, immer wieder mit anderen darüber ins Gespräch zu kommen, was das denn heißen könnte – Böses mit Gutem zu überwinden; gemeinsam nach „guten“ Wegen zu suchen, die meist nicht so offensichtlich sind.

Ich nehme mir vor, mir selbst keine Denkverbote aufzuerlegen und mir auch von anderen nicht sagen zu lassen, dass das alles utopisch sei, dass so unsere Welt und unser Zusammenleben nicht funktioniere.

Ich nehme mir vor, mich wirklich auf diese Herausforderung, vor die mich unsere Jahreslosung mit den Worten des Paulus stellt, einzulassen:

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

 

So zu leben, so zu handeln kommt nicht einfach aus uns selbst heraus – das wissen wir.

Letztlich geht es darum, unser Leben, unser Tun und Lassen im Vertrauen auf den Gott zu gestalten, dessen Liebe auch durch uns Gestalt gewinnen, Wirklichkeit werden will; es geht darum, das weiterzugeben, was uns geschenkt ist.

Wer sich selbst geborgen weiß in Gottes Liebe, wer sich von ihr umfangen und getragen weiß, muss nicht um jeden Preis

 

sich selbst behaupten; muss nicht auf „Teufel komm raus“ alles dafür einsetzen, nur ja nicht nachzugeben oder zurückzustecken.

Wo Menschen sich den Teufelskreisen des Bösen widersetzen, kann Neues wachsen.

Gottes Reich mitten unter uns wird nicht erkämpft – doch da, wo Menschen im Vertrauen auf den Gott, der es gut mit uns meint, wo Menschen trotz allem Bösen Wege der Liebe, Wege zum Frieden suchen – da blitzt es auf; da beginnt es zu wachsen und zu gedeihen.

 

Ja, liebe Gemeinde, das ist wahrlich ein hohes Ziel, das uns da mit dieser Jahreslosung gesteckt ist.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Das ist eine Einladung zum Leben, zur Liebe, zum Frieden.

Und es ist eine gute Losung für ein gutes neues Jahr.

Amen.

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