Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

07.12.08 Lukas 21, 25-33

Predigt am 07.12.2008 (2. Advent)
über Lukas 21, 25-33
Pf.Matthias Bauschert

Beleuchtete Einkaufsstraßen und Lichterketten überall, Glühweinduft und Einkaufsstress –
all das, liebe Gemeinde, verbinden wir mit der Adventszeit, die immer mehr, auch in unserem Sprachgebrauch, zur „Vorweihnachtszeit“ geworden ist.
Hauptsache, die Weihnachtsmärkte und die Einkaufspassagen vermitteln die richtige wohlige Stimmung – notfalls schafft man dann sogar Schnee von weit her!
Ich frage mich manchmal im Advent, auf wen oder was wir uns da eigentlich vorbereiten; wen oder was wir eigentlich erwarten.
Geht es einfach um eine Unterbrechung des Alltags – und danach ist wieder alles wie vorher?
Freuen wir uns auf das alljährliche „Feuerwerk der Gefühle“ – angeheizt durch „Weihnachtsmusik“ (oder was sich dafür hält) im Radio und schmalzige Fernsehfilme – und sind dann hinterher doch wieder enttäuscht, weil sich unsere Erwartungen nicht erfüllt haben?
Die Gefühlsduselei, die sich mit Advent und Weihnachten verbindet, diese ganze Vermarktung der „Heimeligkeit“ wird mir manchmal richtig unheimlich!

Von solchen Gefühlen ist der Predigttext aus dem Lukasevangelium, der für den heutigen 2. Advent vorgesehen ist, weit entfernt.
Nicht glückselige Weihnachtserwartung ist hier das Thema, sondern die Vorstellung einer Begrenzung der Zeit, die mit dem Wiederkommen Jesu Christi zu ihrem Ende und Ziel kommt.
Endzeiterwartung, die die Zeichen der Zeit deutet und zu verstehen sucht.
Hören wir aus Lukas 21 die Verse 25 bis 33:
„Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.
Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist.
So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“

Ja, liebe Gemeinde, solche Gedanken sind weit weg von unserer Wirklichkeit; nicht nur zu unserer Vorstellung von Advent und Weihnachten passen sie nicht – auch sonst passt das nicht mehr zu unserem Weltbild – die Zeichen des Himmels zu deuten und daran das baldige Kommen Jesu ablesen zu wollen.
Das Lukasevangelium greift Bilder und Vorstellungen seiner Zeit auf; wir würden den Evangelisten falsch verstehen, wollten wir seine Worte als „Zukunftsweissagung“ deuten. Was Lukas schreibt, was Jesus sagt, benennt in Bildern Ängste und Sorgen der Menschen:
worauf wir uns verlassen – die Welt, in der wir leben; die Erde, auf der wir uns bewegen – all das ist brüchig.

In Frieden leben und von der Arbeit seiner Hände leben können –
wie schnell kann das vorbei sein;
gesund alt werden dürfen – dafür gibt es keine Garantie;
Beziehungen, die uns tragen – wie oft zerbrechen sie.
Es ist ein Gefühl – nein, nicht nur ein Gefühl – es ist die Erfahrung, die Menschen immer wieder machen, dass, worauf sie sich verlassen und was ihnen Halt geben soll, oft keinen dauerhaften Bestand hat.

„Zeichen des Himmels“, auch Erdbeben und Überschwemmungen, wären nicht die Bilder, die uns heute in den Sinn kämen, wenn wir die Zerbrechlichkeit all dessen darstellen wollten, worauf wir uns verlassen.
Wir würden heute anders formulieren, vielleicht so:
„Große Bankhäuser werden zusammenbrechen, Börsenkurse ins Bodenlose sinken, Billionen Dollar einfach verschwinden. Länder werden bankrott gehen, die Wirtschaft zum Erlahmen kommen, Produktionsbänder stillstehen.
Hunger und Armut werden zunehmen; Menschen werden ihre Arbeit verlieren und damit ihre Hoffnung. Vielen ist das Erschrecken und die Furcht ins Gesicht geschrieben vor dem, was kommen wird.“
Das ließe sich noch lange fortsetzen.

Aber es wird deutlich und sie spüren es auch so, welche Gefühle, welche Ängste und Sorgen die Menschen wohl auch damals geprägt haben –
die Angst davor, dass brüchig und zerbrechlich ist, worauf man sich verlässt.

Dass dieser Text, der an solche existentiellen Grundängste rührt, zum Predigttext im Advent geworden ist, sagt einiges über die Bedeutung dieser Zeit aus.
Es geht um mehr als um die Vorbereitung eines besinnlichen Weihnachtsfests, bei dem wir uns – oft allzu sentimental verklärt – an die Geburt des Kindes im Stall erinnern.
Es geht um die Frage, wie wir heute „erwartungsvoll“ leben – voller Erwartung darauf, dass trotz all dieser Zerbrechlichkeit, trotz aller (sicher auch begründeten Zukunftsängste) unser Leben Halt findet; dass wir Halt finden, der nicht zerbricht.

Für eine Antwort auf diese Frage finde ich in unserem Text drei Anhaltspunkte, drei Sätze und Bilder, die ich festhalten, an denen ich mich halten will.

Da ist zum einen der Satz, der auch als Wochenspruch über der zweiten Adventswoche steht:
„Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Noch einmal – das ist keine „Zukunftsweissagung“.
Wenn all dies anfängt zu geschehen, was euch Angst macht…
Gab es überhaupt eine Zeit, liebe Gemeinde, in der nichts dergleichen „angefangen hat zu geschehen“?
Es ist heute nicht nur die Angst vor dem Zusammenbrechen der Wirtschaft – die liegt nur besonders nahe.
Es ist auch – immer noch und immer wieder – die Angst vor Terror und Gewalt.
Es war – so lange ist das noch gar nicht her! – vor einigen Jahren die Angst um den Frieden zwischen Ost und West.
Es waren Kriege durch die Jahrhunderte, Machtwillkür und Unterdrückung; Hungersnöte und Krankheiten, die Millionen von Menschen hinweggerafft haben; es war die Suche nach „Sündenböcken“ (und da haben auch Christenmenschen viel Schuld auf sich geladen!), um erklären zu können, was nicht erklärbar war – die Juden, die Hexen, die Türken, die Roten…
Zur Zeit Jesu und der ersten Christen gab es im römischen Weltreich keinen Platz für diesen neuen Glauben; Menschen, die sich darauf eingelassen hatten, mussten um das Zusammenbrechen ihrer Welt fürchten.

Wer Angst hat, wer von Sorgen niedergedrückt wird, senkt den Blick.
Da mitten hinein hören wir heute:
„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Aufsehen, aufrecht dastehen –
wer den Kopf hebt und den Blick schweifen lässt, sieht mehr, sieht Neues, sieht weiter;
wer aufrecht dasteht, bietet den Sorgen, die auf den Schultern lasten, weniger „Auflagefläche“.
Bis zu einem gewissen Grad kann meine veränderte Körperhaltung, mein gehobener Blick, auch meine „innere“ Haltung verändern – Leib und Seele gehören untrennbar zusammen.
Dazu werden wir hier geradezu aufgefordert:
„Seht auf und erhebt eure Häupter!“

Aber letztlich kommt es auf den Nebensatz an, auf das, was
danach kommt: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“
Weil der nahe ist, der euch „herauslösen“ kann aus all dem, was euch gefangen nimmt und Angst macht;
weil der, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern und dessen Wiederkunft wir erhoffen, auch heute mitten unter uns ist; nicht weit weg, sondern ganz nah –
mittendrin dabei, wo uns das Leben schwer ist.
Sich vertrauensvoll darauf einzulassen, dass das stimmt – auch heute, auch für mich – erfüllt den „inneren“ Menschen mit neuer Hoffnung und richtet den „äußeren“ auf.
So lässt sich eine neue Sicht gewinnen, so gelingt der Blick über den Horizont hinaus.
Davon erzählt folgende kleine Geschichte:
Ein protestantischer Missionar in der Südsee musste sein neugeborenes Kind beerdigen. Ein Junge, der dabei zusah, sagte zu dem Missionar: „Ich sehe dich gar nicht weinen.“ Darauf antwortete der Vater: „Wir werden uns wieder sehen; unser Kind ist bei Gott.“ Und der Junge erwiderte: „Ja, ich hörte es: Ihr Christen schaut über den Horizont hinaus.“
Über den Horizont hinaussehen – aufsehen, den Kopf heben, einen weiten Blick bekommen.
Das, liebe Gemeinde, ist „adventliche Erwartungshaltung“.

Der zweite „Anhaltspunkt“ ist das Gleichnis Jesu vom Feigenbaum – zur Erinnerung, es ging um die Frage: Wie können wir heute erwartungsvoll leben.
Angstmachende, erschütternde „Endzeitbilder“ stehen am Anfang unseres Textes – Bilder, die die Unsicherheit, die Unverfügbarkeit unseres Lebens aufgreifen.
Da mittendrin steht Jesu Gleichnis vom Feigenbaum, dessen Ausschlagen im Frühling den nahenden Sommer ankündigt; wenn der Baum neu austreibt, wenn er frisches Grün hervorbringt, dann wisst ihr, in welcher Zeit ihr euch befindet.
Jetzt im Winter, da sind die meisten Bäume kahl; und wenn wir nicht wüssten, dass auf den Winter Frühling und Sommer folgen, wenn wir es nicht schon erlebt und erfahren hätten, dass auf die Kälte auch wieder die Wärme folgt –
wir könnten resignieren bei diesem tristen, feuchtkalten Wetter, das uns steif und unbeweglicher macht und das sich aufs Gemüt schlägt.
So ist es doch auch im Leben.
Menschen, die von den Stürmen des Lebens hin und her geworfen werden, fühlen sich oft kraftlos, morsch und dürr. Sie können sich kaum vorstellen, dass ihr Leben noch einmal anders wird.
Ihr Denken und Fühlen ist so davon bestimmt, dass sie erinnert werden müssen – an den Frühling und den Sommer des Lebens; dass ihnen kleine Zeichen von neuem aufkeimendem Leben gezeigt und erfahrbar gemacht werden müssen, damit sie anfangen können zu hoffen.

Dieses positive, dieses Bild voll Leben verwendet Jesus, um die Menschen aufmerksam zu machen für das nahende Reich Gottes.
Da ist nichts, was Angst machen müsste; da gibt es keinen Grund, den Blick zu senken, gebeugt durchs Leben gehen.
Seht aufsprießen, was jetzt wächst; freut euch auf die süße Frucht, die der ausschlagende Feigenbaum verheißt.
Sicher – die „Zeichen“, von denen in unserem Text die Rede ist; die Unsicherheiten, die unser Leben beschweren, vermitteln eher ein Gefühl von Kälte und Trostlosigkeit.
Aber genau da mitten drin bricht neue Hoffnung hervor;
genau da strahlt die Verheißung des nahen Reiches Gottes neu auf.
Und dieses Bild von der Nähe Gottes verbindet sich mit Licht und Wärme des Sommers, der alle Finsternis hinter sich lässt; es verbindet sich mit dem süßen Geschmack reifer Feigen, der alles, was bitter war, vergessen lässt.
Heute erwartungsvoll leben – ja, ich will mir solche Bilder nicht verschütten lassen von all dem, was Angst macht!

Und dann ist da noch das dritte Wort, an dem ich mich „festhalten“ will:
„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“
Wie viele Machthaber haben ihre Macht verloren in den letzten beiden Jahrtausenden!
Wie viele Reiche, wie viele Schreckensherrschaften auch sind untergegangen in dieser Zeit.
Wie viele „kleine Welten“ sind eingestürzt für Menschen, deren Beziehungen zerbrochen sind oder die Angehörige verloren haben.
Wir erleben, dass nichts ewig währt – Himmel und Erde werden vergehen.
Diesem Ende, von dem wir alle wissen, das wir alle erleben und erleiden, diesem „Vergehen“ wird ein „Bestehen“ gegenübergestellt – etwas, das bleibt und Bestand hat.
„Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“

Jesu Worte; Wort Gottes, das alles ins Leben rief.
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott.
Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit…“ (Joh. 1, 1-3.14).
Worte des Lebens. Worte, die heilen – heil machen.
Worte, die nicht vergehen.
„Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende“.

Erwartungsvoll, adventlich leben heißt, solchen Worten Vertrauen zu schenken; die Hoffnung nicht loszulassen, dass wahr wird, was verheißen ist; dass Gottes Liebe größer ist als aller Hass; dass aufgerichtet wird, was niedergedrückt ist; dass Frieden erlebbar wird für alle – Friede, der mehr ist als ein bisschen weihnachtliche Friedensstimmung.

Gott stärke uns den Rücken, wenn uns die Kraft fehlt.
Er lasse uns aufrecht gehen und öffne uns die Augen.
Er schenke uns den erwartungsvollen, adventlichen Blick über den Horizont hinaus.

Amen.


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