Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

12.06.11 Pfingsten Joh. 16, 5-15

Predigt am 12.06.2011 (Pfingstsonntag)

über Joh. 16, 5-15

Wenn Tausende aus allen Richtungen in einer Stadt zusammenkommen, um miteinander Gottesdienst zu feiern; wenn sich der Platz schon zwei Stunden vorher füllt und beim Beginn des Gottesdienstes kaum noch ein Platz zu finden ist; wenn Menschen schon im Vorprogramm des Gottesdienstes Lieder und auch Tänze dazu üben; wenn sie dann fröhlich, aber auch nachdenklich miteinander feiern und wenn ihr Gesang von vielen tausend Blechblasinstrumenten getragen wird –

dann, liebe Gemeinde, ist Kirchentag!

 

Am letzten Sonntag ist in Dresden der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag zu Ende gegangen; es waren wohl ca. 120.000 Menschen, die da an beiden Elbufern miteinander den Abschlussgottesdienst gefeiert haben, vor der herrlichen Kulisse der Dresdner Altstadt.

Es waren Menschen, die sich als große Gemeinde erlebt haben – egal, woher sie kamen; es waren Menschen, die erfüllt waren von dem, was sie in den vorangegangenen Tagen gehört, gesehen und erlebt hatten.

„So stelle ich mir Pfingsten vor“ – das ist mir bei diesem Gottesdienst durch den Kopf gegangen; und dazu passte dann auch, dass immer wieder ein frischer Wind wehte, der die Sonnenhitze erträglich machte.

 

Von Sturmbrausen, von Feuerzungen erzählt der Bericht der Apostelgeschichte über das erste Pfingstfest.

Da ereignet sich Neues, Ungewohntes.

Und das macht vielen zuerst einmal Angst.

Der Wind fegt durch alle Ritzen; Unbewegliches gerät in Bewegung.

Doch hier geschieht etwas, was Menschen zusammenführt; sie beginnen, trotz unterschiedlicher Herkunft, einander zu verstehen.

Unbeteiligte Beobachter meinen zwar, sie hätten es mit Betrunkenen zu tun.

Aber es ist etwas anderes, was diese Menschen in Bewegung bringt.

Sie sind erfüllt von Gottes Geist – das versucht die Apostelgeschichte mit solchen Bildern in Worte zu fassen.

 

Mit diesen Bildern vor Augen; in dem „Hochgefühl“, das einem ein Kirchentag vermitteln kann – da klingt der

 

Predigttext, der in diesem Jahr für das Pfingstfest vorgesehen ist, zunächst einmal ziemlich ernüchternd.

Es ist ein Abschnitt aus dem Johannesevangelium, aus den Abschiedsreden Jesu.

Da ist nichts zu hören von fröhlichem Jubel; nichts von beglückender Gemeinschaftserfahrung.

Hier spricht kein „Pfingstprediger“; hier wendet sich der Evangelist Johannes mit den Worten Jesu an die Glieder seiner Gemeinde, die ganz anderes erleben als „pfingstliche Hochgefühle“.

Jesu Abschiedsrede – er erklärt seinen Jüngern, was sie nicht verstehen können.

 

Wir hören aus Johannes 16 die Verse 5 bis 15:

„Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?

Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.

Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun

über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;

über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;

über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;

über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.

Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.

Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.

Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“

 

Mit diesen Abschiedsworten Jesu, liebe Gemeinde, in denen Jesus seinen Jüngern das Kommen des „Trösters“, des „Geistes der Wahrheit“ für die Zukunft ankündigt – mit diesen Worten erinnert der Evangelist Johannes seine Gemeinde an ihre eigene Vergangenheit.

 

Der Geist Gottes ist es, der euch erst zu einer Gemeinde hat werden lassen; der Geist, der nach dem „Weggang“ Jesu gekommen ist, um Menschen zusammenzuführen und zur Gemeinschaft werden zu lassen „in seinem Geist“.

Deshalb nennen wir das Pfingstfest ja auch den Geburtstag der Kirche.

Doch von solcher Anfangsbegeisterung ist in der Gemeinde des Johannes nicht mehr viel übrig geblieben.

Er wendet sich jetzt an Menschen, die sich bedrängt fühlen in einer Welt, die von ihrem Glauben nichts wissen will; die Angst davor haben, aufgrund ihres Vertrauens auf Jesus als den Messias aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Aber so, wie Jesus in seinen Abschiedsworten die Jünger, die sein Weggehen nicht verstehen können, dazu auffordert, zusammen zu bleiben – so sollen auch die jungen Christengemeinden der Sache Jesu nicht den Rücken kehren; auch dann nicht, wenn ihnen strenger Gegenwind ins Gesicht bläst.

Und damit ist unser Text natürlich auch nahe bei uns:

Wir wissen alle, dass Kirchentagserlebnisse keine Alltagserfahrungen sind; manchmal meinen wir, überhaupt nichts zu spüren von Gottes gutem Geist; manchmal fühlen wir uns von allen guten Geistern verlassen; manchmal ist unser Herz voller Trauer, voller Abschiedsgefühle, voller Angst.

Manchmal ist uns die Erfahrung der Jünger nahe, die nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Da hinein hören auch wir heute unseren Predigttext als Aufforderung, eben gerade dann uns nicht abzuwenden von dem, der uns den „Tröster“, den „Geist der Wahrheit“ verspricht.

 

Als christliche Gemeinde sind wir heute keine verfolgte Minderheit. Es muss sich niemand wegen seines christlichen Glaubens verstecken.

Zwar werden unsere Gemeinden kleiner – der demographische Wandel betrifft auch uns.

Aber der Wunsch vieler Eltern ist ungebrochen, ihre Kinder taufen zu lassen – sie mit hinein zu nehmen in die weltweite Gemeinschaft, die sich zu Jesus Christus bekennt.

 

Etwas anderes ist es, was uns mit den ersten Christinnen und Christen, also auch mit denen verbindet, an die sich das Johannesevangelium richtet.

Jesus ist nicht mehr da.

Die Gemeinde kann sich nicht um ihn herum versammeln,

wie es die Jünger taten. Es kann ihn niemand direkt fragen: „Herr, wie ist das eigentlich…?“

 

Doch diesen ersten Christen und uns heute wird mit dem Abschnitt aus dem Johannesevangelium etwas Überraschendes zugesprochen.

Die, die mit Jesus gelebt haben, haben uns nichts voraus.

Denn zu ihnen wird gesagt:

„Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.“

Jesus ist nicht mehr da. Und nur deshalb kommt der „Geist der Wahrheit“, die Kraft Gottes.

 

Es wird einer kommen, hören wir –

der „Tröster“, wie Martin Luther übersetzt hat, der Paraklet, der „Beistand“ könnte man auch sagen;

der Geist der Wahrheit, der das zur Sprache bringt, was er vom Vater und vom Sohn hört.

Jesus muss weggehen, denn nur dann kann dieser Geist kommen, der Veränderung schafft, der der Welt die Augen öffnet.

 

An Pfingsten feiern wir: Gott ist gegenwärtig – in unserer

 

Welt, in unserer Gemeinde, mitten unter uns.

Menschen entscheiden sich, wie damals, den Weg mit ihm zu gehen – in der Kirche, die Jesus Christus als ihren Herrn

anerkennt.

Auf diesen Weg nehmen Sie, liebe Eltern, liebe Patinnen und Paten, Ihre Kinder heute mit.

 

Wir sind nicht „allein zu Haus“ in dieser Kirche.

Gott ist da und lässt mit sich reden – wir nennen es beten;

Gott ist da; er hört zu und er lässt sich hören – im Wort der Bibel; seine Liebe wird erfahrbar im Handeln derer, die aus seinem Geist heraus diese Liebe weiter geben.

Wir müssen unsere Lebensenergie, unsere Kraft, unseren Mut nicht aus uns selbst herausholen.

Gott schickt seinen Geist, der Mut macht – Mut dazu, der Wahrheit seiner Liebe ins Auge zu sehen; Mut dazu, uns allen „Lügengeistern“, allen „Ungeistern“ entgegenzustellen; Mut dazu, einfache Parolen zu hinterfragen und denen zu misstrauen, die behaupten, es gäbe keine Alternativen.

 

Der Tröster, der Heilige Geist Gottes ist da – das wird uns mit den Worten des Johannesevangeliums zugesprochen –

immer da, wo Menschen das Wort vom gekreuzigten und

 

auferstandenen Christus hören und ihm Vertrauen schenken; immer da, wo Menschen – neu oder wieder – beginnen, aus der Liebe Jesu heraus zu leben und zu handeln, sein Wort der Liebe in die Tat umzusetzen.

 

Das muss überhaupt nichts Spektakuläres sein.

Da muss es nicht stürmen und Feuerzungen vom Himmel regnen, wie es uns die Pfingsterzählung aus der Apostelgeschichte bildhaft vor Augen malt.

Da müssen nicht hunderttausende zusammenkommen, um miteinander zu feiern.

Sicher, sie tun gut, diese besonderen Erlebnisse.

Aber letztlich gilt Jesu Wort, dass er da mitten unter uns ist, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen sind.

Zwei oder drei – mehr als einer.

Glauben ist eben keine Privatsache.

Von Gottes Geist bewegtes Leben ist Leben in Gemeinschaft; da ist es einem nicht egal, wie es um den anderen, den Mitmenschen steht – um den Nächsten, wie es in der Bibel heißt.

 

Leben aus dem bewegenden Geist Gottes heraus – das kann auch ganz klein und unscheinbar sein:

Ein mutmachendes Wort, wo Angst einem die Luft zum Atmen nahm; ein Zeichen des Friedens, wo Sprachlosigkeit und Hass sich breit gemacht haben; eine Geste des Verstehens, die neues Vertrauen wachsen lässt.

 

Doch auch für diesen unspektakulären Geist, auch wenn er nicht mit Sturm und Feuerzungen kommt, gilt:

Er kann manches durcheinander bringen – aufwirbeln und

in Bewegung bringen, was festgefahren war.

Die Botschaft Jesu, an die er uns erinnert,

die Wahrheit, die er über uns und unsere Welt zu sagen hat, bringt Bewegung in erstarrte Strukturen.

Der Geist Gottes bringt frischen Wind – und er ist zugleich ein unbequemer, ja störender, eben unberechenbarer Gast.

 

Wir brauchen solche Bewegung – in unserer Welt, in unseren Gemeinden, in unseren Familien, in unserem Leben.

Deshalb werden wir nicht müde zu bitten:

„O komm, du Geist der Wahrheit, und kehre bei uns ein,

verbreite Licht und Klarheit, verbanne Trug und Schein.

Gieß aus dein heilig Feuer, rühr Herz und Lippen an,

dass jeglicher getreuer den Herrn bekennen kann.“

Amen.

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