Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

12.07.09 Gemeindefest 09

Ansprache im Gottesdienst zum Gemeindefest am 12. Juli 2009

Pfarrer Bauschert

„Singen – bewegen – Freunde treffen“.
Unter dieses Motto, liebe Gemeinde, hat der Vorbereitungskreis das Gemeindefest gestellt, das heute Morgen mit dem Gottesdienst beginnt.
Und damit ist mir auch ein Thema für die Predigt vorgege-ben: „Singen – bewegen – Freunde treffen“.

„Wo man singt, da lass dich ruhig nieder; böse Menschen haben keine Lieder“, weiß der Volksmund – und hat damit nur bedingt Recht!
Wir wissen alle, dass es auch Lieder gibt, die Böses wollen; seien es Lieder, die nicht gesungen, sondern eher gegrölt werden; oder aber Lieder, die zwar Melodien haben, die nichts Böses ahnen lassen, deren Text aber voll böser Hetze und Häme steckt.

Aber es stimmt schon: „Singen“ verbinden wir zunächst einmal mit fröhlichen Menschen, mit ansteckender Freude, mit mitreißenden Melodien, die auch unter die Haut gehen können.
Zwei neuere Lieder haben wir gerade vom Chor gesungen gehört; zwei Lieder, die in der langen Tradition des gesun-genen Gotteslobs stehen.
Unsere Bibel ist voll davon:
Vom ersten Musiker wird schon im 4. Kapitel des 1. Mosebuchs erzählt: Jubal, ein Nachkomme Kains, ist der „Stammvater“ aller Zither- und Flötenspieler;
Mose und Mirjam singen nach der Rettung am Schilf-meer;
die Psalmen fordern auf zum Lobgesang: „Singet Gott, lob-singet seinem Namen“ (Psalm 68, 5). „Singet dem Herrn ein neues Lied!“ (Psalm 96, 1).
Im Epheserbrief (5, 19) lesen wir: „Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern; singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“
Und im Jakobusbrief (5, 13) heißt es: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“
Singen als Gotteslob – das gehört zu unserer Glaubensge-schichte von Anfang an dazu.
Der Mensch als von Gott ins Leben gerufene „Person“ ist – im wahrsten Wortsinn – von Gottes Schöpferkraft „durchklungen“: Per-sonare – das heißt übersetzt nichts anderes als „durchklingen“.

Der Theologe Klaus-Peter Hertzsch hat verschiedene bibli-sche Geschichten in Balladen umgeschrieben.
Bei ihm wird auch der Prophet Jona – an der dunkelsten Stelle seines Lebens, ganz unten, im Bauch des Fisches, der ihn verschlungen hat – zu einem großen Sänger vor dem Herrn:
„Dort saß er, glitschig, aber froh:
denn nass war er ja sowieso.
Da hat er in des Bauches Nacht
ein schönes Lied sich ausgedacht.
Das sang er laut und sang er gern.
er lobte damit Gott den Herrn.
Der Fischbauch war wie ein Gewölbe:
das Echo sang noch mal dasselbe.
Die Stimme schwang, das Echo klang,
der ganze Fisch war voll Gesang.“

Unser Glaubensleben, unser Gemeindeleben wäre arm ohne Lieder, ohne Gesang.
Melodien wecken Erinnerungen: „Das Tauflied haben wir früher schon gesungen, das hat für uns eine besondere Bedeutung“.
In gemeinsam gesungenen Liedern können wir uns gebor-gen fühlen, ja sogar Trost finden. Ich ermutige Menschen immer, auch bei Trauergottesdiensten zu singen – oder sich
zumindest in die Musik mit hinein nehmen zu lassen, wenn es einem selbst den Hals zuschnürt und man nicht singen kann.
Was wäre ein Gottesdienst ohne fröhliche oder nachdenkliche oder auch klagende Lieder; ohne Lieder, die einem das Herz aufgehen lassen und die es einem ermöglichen, wieder den Blick zu heben?

Ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, werdet jetzt vielleicht denken: Das mit den Liedern und mit der Musik ist ja gut und schön – aber das, was im Gottesdienst gesungen wird, entspricht nicht der Musik, die wir gern hören.
Und manche von den Älteren denken das vielleicht auch.
Das ist schon richtig.
Die Ansichten darüber, was gute, was schöne Musik ist, gehen immer wieder auseinander. Und da verändert sich natürlich auch der Geschmack im Lauf der Jahrhunderte (wir haben Lieder in unserem Gesangbuch, die hunderte von Jahren alt sind!) und auch im Lauf eines einzelnen Menschenlebens.
Manchmal können einen aber auch die ganz alten Melodien ergreifen – wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.
Wir Menschen haben eine Geschichte; und auch die Musik,
die heute gemacht wird, die ihr gerne hört, ist nicht einfach so vom Himmel gefallen; auch sie hat eine Vorgeschichte.
Weil sich der Musikgeschmack verändert, muss und wird es auch immer wieder neue Lieder geben: „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“, hat der Chor vorhin gesungen.
Ich kann euch versprechen: Auf dem Konfi-Camp, das diese Woche beginnt, werden wir neue Lieder singen, begleitet von unserer Band.

Das „Singen“ ist ein Teil des Gemeindefestmottos – es ist heute wichtig und wir werden im Lauf des Tages noch mehrfach Gelegenheit dazu haben; und es hat eine Bedeutung für uns als christliche Gemeinde.
„Ich sing dir (Gott) mein Lied – in ihm klingt mein Leben“.

Das „Singen“ schließt das zweite schon fast mit ein, kann es zumindest auslösen: „Singen – bewegen – Freunde treffen“.
Das lässt sich ja immer wieder beobachten: Wenn Men-schen fröhlich singen, dann können sie kaum noch still sitzen; der Fuß beginnt zu wippen oder man fängt an, in die Hände zu klatschen.
Aufzustehen und zu tanzen entspricht nicht ganz unserer schwäbischen Mentalität, aber wir kennen den mitreißen-den Gesang von Gospelchören, bei denen es kaum noch jemanden auf dem Stuhl hält.

Das Stichwort „bewegen“ möchte ich jetzt aber unter einem anderen Gesichtspunkt betrachten.
Im Blick auf die christliche Gemeinde, im Blick auf uns als Menschen, die etwas bewegen wollen, geht es zuerst einmal um die Frage, wer oder was uns eigentlich in Bewegung bringt.

Vor wenigen Wochen haben wir das Pfingstfest gefeiert.
Die Pfingstgeschichte erzählt genau davon, wie Menschen in Bewegung kommen; sie erzählt davon, wie ihnen Gottes Geist als frischer Wind neuen Mut macht; wie sie aufstehen und hinausgehen und andere an dem Teil haben lassen, was ihnen das Herz froh macht.

Wenn wir als Christenmenschen etwas bewegen wollen (und davon gehe ich aus, denn Leben ist Bewegung); wenn wir also etwas bewegen wollen – in unserer Gemeinde, in unserer Kirche, in unserer Gesellschaft –, dann ist es wichtig, dass wir uns immer wieder zuerst daran erinnern lassen, dass wir selbst „bewegt“ worden sind; dass wir selbst ein
Teil der großen Bewegung sind, die von Gottes Geist erfüllt ist – einer Bewegung, in die die drei kleinen Kinder, die heute getauft wurden, mit hinein genommen werden; einer Bewegung, zu der ihr, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, auch dazu gehört und die ihr, wenn ihr euch konfirmieren lasst, auch in Zukunft mitgestalten wollt.
Wir können etwas bewegen, wenn und weil wir uns selbst bewegen lassen.
Das ist für mich etwas Grundlegendes an unserem Glauben – etwas, das auch grundlegend wichtig ist für unser Tun und
Lassen in unseren christlichen Gemeinden:
Bewegung ist nicht Selbstzweck – es geht dabei nicht nach dem Motto: Hauptsache, es ist was los.
Wer sich vom Geist Gottes bewegen lässt, wird nicht müde, nach den Wegen zu suchen, die heute gegangen werden müssen, nach Wegen des Friedens und der Gerechtigkeit.
Von Gottes Geist bewegt muss ich nicht auf meinem Standpunkt verharren, sondern kann neue Schritte wagen; von Gottes Geist bewegt, muss ich mich nicht zurückziehen oder mich gar in mich selbst verkriechen, sondern ich kann auf andere zugehen.

Und damit kommen wir zum dritten Teil unseres Mottos,
das nicht nur als Überschrift über diesem Tag steht, sondern das auch für den Alltag des Gemeindelebens gelten soll: „Singen – bewegen – Freunde treffen“.
Es ist schön, wenn man Menschen begegnet, die einem „freundlich“ gesonnen sind, mit denen man auf einer Wel-lenlänge ist.
Ja, heute soll so ein Tag sein, an dem wir einander freund-lich begegnen, wenn wir miteinander feiern.
Zwei Überlegungen sind mir dabei aber im Blick auf eine, auf unsere christliche Gemeinde noch wichtig:
Zum einen: Freundinnen und Freunde sind Menschen, die wir uns heraussuchen; mit denen wir gern zusammen sind, weil uns gemeinsame Interessen verbinden.
Im biblischen Sprachgebrauch wird dagegen, wenn es um die Gemeinde geht, eher von „Brüdern und Schwestern“ gesprochen. Das ist uns heute etwas fremd geworden; auch im Kollegenkreis werde ich eher selten als „Bruder Bauschert“ angesprochen.
Aber die Bezeichnung derer, die mit mir zur Gemeinschaft der christlichen Gemeinde gehören als „Brüder und Schwestern“, macht etwas deutlich: Durch die Taufe gehören wir alle zu dieser Gemeinschaft – und eben nicht nur die, die wir uns heraussuchen würden;

wir tragen alle den „Christusnamen“, so wie Geschwister verbunden sind durch einen gemeinsamen Nachnamen.
Freundinnen und Freunde suche ich mir aus – zu Brüdern und Schwestern werden wir ohne unser eigenes Zutun!
Dass daraus eine „Gemeinschaft“ wird, ist eine bleibende und große Aufgabe – und, wo es gelingt, immer auch ein Geschenk des Geistes Gottes.

Und noch ein zweites:
So schön es ist, Freunde zu treffen – als christliche Gemeinde wollen wir dem nachfolgen, der uns auffordert, unsere „Feinde zu lieben“.
Wir stehen also immer vor dem Anspruch, uns gerade auch denen zu öffnen, mit denen wir sonst eher nichts zu tun haben wollen.
Eine christliche Gemeinde ist keine „Kuschelgruppe“, sie ist auch keine „Neigungsgruppe“ Gleichgesinnter.
Gemeinde im Sinn Jesu Christi wird und muss immer wieder an ihrer Offenheit gemessen werden; an ihrer Bereitschaft, daran mitzuarbeiten, dass – wie es in einem Lied heißt – „aus Fremden Freunde werden“.

Singen – bewegen – Freunde treffen!

Lasst uns heute fröhlich miteinander feiern und singen,
liebe Schwestern und Brüder –
im Vertrauen darauf, dass Gott selbst es ist, der uns mit seinem Geist bewegt.

Amen.
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