Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

13.05.12 Kol. 4, 2-6

Predigt am 13.05.2012 (Rogate) über Kol. 4, 2-6
 
Liebe Gemeinde,
 
auf die Frage „Was ist das Gebet?“ haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden an den beiden Konfirmationssonntagen mit den Worten aus Martin Luthers Katechismus geantwortet: „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“
 
In dieser knappen Zusammenfassung steckt einiges drin:
„Ein Reden des Herzens mit Gott“ – das Herz als unser Innerstes, als unser Zentrum; das „Herz“ als das, was uns als Person ausmacht.
Von innen heraus redet der Betende, die Betende mit Gott; und das müssen keine „hörbaren“ Worte sein wie hier im Gottesdienst, wenn der Pfarrer laut betet oder wir alle gemeinsam bei Psalm und Vaterunser.
„Ein Reden des Herzens mit Gott“ – wer betet, weiß sich in einer Verbindung mit Gott; wer betet, vertraut darauf, dass sein Gebet nicht ins Leere geht.
 
Neben dieser grundlegenden Beschreibung enthält Luthers
Erklärung zum Gebet auch eine kurze Auflistung verschiedener „Gebetsformen“:
Wer betet, bittet Gott um etwas. Und dieses Bittgebet ist es wohl auch, das die meisten Enttäuschungen hervorruft – zumindest dann, wenn es missverstanden wird als Aufzählung meiner Wünsche, deren Erfüllung ich von Gott erwarte. Werden sie nicht erfüllt, meine Wünsche und Sehnsüchte, dann – so meinen viele – lohnt sich das Beten auch nicht.
Mir ist Jesu Bittgebet in Gethsemane eingefallen: „Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir…“ – und dann: „…doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“
(Lukas 22, 42)
Jesus bittet, ja; aber er sieht auch und lässt zu, dass Gottes Wille ein anderer sein kann als seine Vorstellungen und Wünsche. Und trotzdem hält er fest an seinem Vertrauen zu Gott.
 
Die zweite Form des Gebets, die hier angesprochen wird, ist die Fürbitte.
Wir kennen das Fürbittengebet aus dem Gottesdienst, in dem sich unser Blick und unser Herz weiten über die eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinaus.
 
Im Fürbittengebet bringen wir vor Gott, was uns auf dem
Herzen liegt, wenn wir an Menschen in Nah und Fern denken; wir sprechen Ungerechtigkeiten in der Welt genauso an wie das Leid der kranken Nachbarin.
Auch im stillen Gebet beten wir „miteinander und füreinander“. „Sie müssen mir in Zukunft mehr Zeit lassen zum stillen Gebet“, hat mir einmal jemand nach dem Gottesdienst gesagt, „denn ich habe ein neues Enkelkind bekommen.“
Ja, im Fürbittengebet bringen wir die vor Gott, die uns am Herzen liegen – und die, deren Leid uns von Ferne berührt.
 
Als drittes spricht Luther vom Dankgebet; wer dankt, lebt aus der Gewissheit heraus, dass er als „Beschenkter“ lebt; ich habe mir mein Leben nicht selbst gegeben.
Und bei allem, was wir biologisch und evolutionstheoretisch erklären können, bleibt doch das Staunen über das Wunder der Schöpfung –
das erlebt, wer zum ersten Mal ein kleines Kind im Arm hält; das erlebt, wer im Frühling mit offenen Sinnen die Blütenpracht der Bäume und ihren Duft wahrnimmt; das erlebt, wer seinen Blick in die Weite schweifen lässt von einem Berggipfel aus oder am Rand des Meeres.
In unserem Gesangbuch ist so ein Dankgebet abgedruckt,
 
das aus tiefstem Herzen kommt, – ein Gebet aus Westafrika:
„Herr, ich werfe meine Freude wie Vögel an den Himmel.
Die Nacht ist verflattert, und ich freue mich am Licht.
Deine Sonne hat den Tau weggebrannt vom Gras und von unseren Herzen. Was da aus uns kommt, was da um uns ist an diesem Morgen, das ist Dank.
Herr, ich bin fröhlich heute am Morgen.
Die Vögel und Engel singen, und ich jubiliere auch.
Das All und unsere Herzen sind offen für deine Gnade.
Ich fühle meinen Körper und danke.
Die Sonne brennt meine Haut, ich danke.
Das Meer rollt gegen den Strand, ich danke.
Die Gischt klatscht gegen unser Haus, ich danke.
Herr, ich freue mich an der Schöpfung und dass du dahinter bist und daneben und davor und darüber und in uns.
Ich freue mich, Herr, ich freue mich und freue mich.“
(EG S. 815)
Dankbarkeit mit allen Sinnen – ein Reden des Herzens mit Gott!
 
Die letzte Kategorie in Luthers Erklärung ist uns wohl am wenigsten geläufig, die Anbetung.
Am ehesten fallen mir dazu Loblieder ein, die wir singen
 
und Psalmen, die wir beten – wie zum Beispiel das Lied vom Anfang des Gottesdienstes, in dem wir uns miteinander singend daran erinnert haben: „Nun sollen wir loben, den Höchsten dort oben…“.
Oder der Psalm 146, der mit den Worten beginnt:
„Halleluja! Lobe den Herrn, meine Seele! Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.“
Anbetung hat, wie der Dank, damit zu tun, dass ich mein eigenes Leben in einer Beziehung zu dem Gott sehe und verstehe, der es mir geschenkt hat.
 
Was ist das Gebet?
„Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“
Und was ist das Gebet für mich – was kann es, was soll es sein?
Beten, so habe ich den Eindruck, das tut man oder man tut es nicht – aber man redet nicht gern darüber.
Das Beten ist eine persönliche Sache, etwas Intimes.
Und das hat ja auch seine Berechtigung; Jesus empfiehlt als Ort des Gebets „das stille Kämmerlein“. Es gehört nicht an die „Straßenecken“, nicht in die Öffentlichkeit.
Bete nicht, damit andere sehen, wie fromm du bist, sondern weil du in Verbindung bleiben willst mit Gott, deinem Vater im Himmel.
Für solches „Reden mit Gott“ ist jeder Ort geeignet, an dem ich zur Ruhe komme – also natürlich auch der Kirchenraum und das gemeinsame Gebet im Gottesdienst.
 
Was ist das Gebet für mich?
Darüber nachzudenken lädt uns das Thema des Sonntags „Rogate – betet“ ein.
Verschiedene Formen des Gebets haben wir uns angeschaut, angeregt durch Martin Luthers Erklärungen.
Aber was das für uns selbst heißt, für unsere eigene Gebetspraxis, das kann nur jede und jeder für sich beantworten. Nehmen wir in diese Überlegungen noch die Gedanken des Predigttextes für den heutigen Sonntag mit hinein.
Ich lese aus Kolosser 4 die Verse 2 bis 6:
 
„Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung! Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.“
 
Von „Beharrlichkeit im Gebet“ spricht dieser Text des Apostels, aus dem Gefängnis heraus geschrieben.
Beharrlich sein, dran bleiben am Gebet – und eben nicht nur dann und wann, wenn es einem gerade nötig erscheint.
Beharrlichkeit und Geduld – das haben wir in vielem heute verlernt.
Wenn etwas nicht gleich von Erfolg gekrönt ist, dann lassen wir es bleiben und wenden uns anderem zu.
Wir „klicken weg“, was nicht sofort unseren Wünschen entspricht.
Aber, das wird deutlich in unserem Text aus dem Kolosserbrief: Das Gebet braucht etwas anderes.
Es braucht Ausdauer, Geduld und eben Beharrlichkeit.
Beten ist wie eine Beziehung, in die man hineinwachsen muss.
Und damit ist das Gebet auch nichts mehr, dem wir einen
festen, eingegrenzten Ort in unserem Leben zuweisen müssten – sei es zeitlich oder räumlich.
Das Gebet begleitet uns – egal, wo wir sind, ganz gleich, was wir tun.
 
Und in diesem Zusammenhang spricht der Apostel auch hier, wie wir es vorhin im Taufspruch gehört haben, von der Wachsamkeit:
Wach und aufmerksam zu leben, kann helfen, ganz anderes – Neues – wahrzunehmen;
und so können wir lernen, all das, was wir erleben – alles, was uns das Leben schön und reich macht und was wir so oft für selbstverständlich nehmen – mit Gott in Verbindung zu bringen, der uns unser Leben mit allem, was dazugehört, geschenkt hat.
 
Der Apostel spricht von einer „offenen Tür“.
Er spricht von der Bitte darum, dass Gott eine Tür öffne, durch die sein Wort zu hören ist.
Das ist ein schönes Bild dafür, was das Gebet sein kann:
eine Verbindung zwischen Gott und uns Menschen, die nicht durch eine zugeschlagene Tür unterbrochen wird;
eine Verbindung, die immer besteht –
und nicht nur für ein paar Minuten am Tag oder eben dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich es jetzt brauche.
 
Dazu braucht es Übung, Beharrlichkeit.
Eine tägliche Bereitschaft, das, was ich tue, „betend“ zu tun – also im Gegenüber zu Gott.
Wer so mit einer offenen Tür lebt, im Hinhören auf das Wort Gottes, nimmt sein Leben anders wahr:
Wir entdecken neu, dass Essen und Trinken, dass das „täglich Brot“ nichts Selbstverständliches ist; wir freuen uns darüber, dass wir genug zu essen haben – schmackhafte und gesunde Nahrung.
Und was spricht dagegen, das in einem Gebet auszusprechen, in einem Tischgebet vor dem Essen?
Aber indem wir neu entdecken, was Essen für uns bedeutet, können wir den Skandal nicht übersehen, dass auch heute nicht alle Menschen satt werden, dass vielen das Nötigste zum Leben fehlt.
Und auch das wird Eingang finden in unser Gebet – in Bitte und Fürbitte, in unser Gespräch mit Gott durch die offene Tür: Zeig uns, wo wir helfen, was wir tun können; hilf du, wo uns die Hände gebunden sind.
 
Wir entdecken neu, was es heißt, zu lieben und geliebt zu werden. Im Gegenüber zu Gott, im Gespräch durch die offene Tür kann ich immer wieder, so ganz nebenbei, ihm
 
danken für die Menschen, die er mir an die Seite gestellt
hat.
Und ich weiß: Wo Beziehungen gestört sind, wo ich einsam bin, da ist er mir nah.
Auch da, wo ich leide; auch da, wo Krankheit oder Angst mir allen Mut nehmen, bekommt mein Leben eine neue Perspektive – den Blick auf die offene Tür, durch die mir das Wort Gottes, durch die mir Gott selbst begegnet.
 
Leben mit dem Blick auf die offene Tür – das ist ein Leben in der Beharrlichkeit des Gebets.
Wer so lebt, wird zu einem Mitwisser dessen, was der Apostel das „Geheimnis Christi“ nennt.
Was das meint, macht er an anderer Stelle deutlich:
„In Jesus Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“. (Kol. 2,9)
Das heißt: Mehr als das, was in ihm begegnet, was von ihm ausstrahlt, ist von Gott nicht zu haben, nicht zu sehen oder zu begreifen.
Das „Geheimnis Christi“ ist die Menschenfreundlichkeit Gottes, die in ihm sichtbar und begreifbar wird.
Das ist kein Geheimnis, das geheim gehalten werden soll; es ist keine christliche „Geheimlehre“.
 
Nein, es soll offenbar werden; einsichtig für alle.
Es weiter zu geben ist Aufgabe des Apostels, ist Aufgabe aller, die davon ergriffen worden sind.
In Christus ist die Menschenfreundlichkeit Gottes greifbar geworden; in ihm ist sichtbar geworden, dass der Gott, der es gut mit uns meint, kein ferner Gott ist.
 
Um davon so zu erzählen, dass es auch gehört wird, braucht es Witz und Würze.
Eine Suppe ohne Salz schmeckt fad.
Deshalb möchte ich Ihnen zu der Frage, wo in unserem Leben das Gebet denn seinen Platz hat, einen kleinen Witz erzählen – falls Sie sich daran erinnern, den vor sechs Jahren schon einmal gehört zu haben, haben Sie ein gutes Gedächtnis!
Ein Mönch, der gerne einmal eine gute Zigarre rauchte – und das dauert ja seine Zeit! – will von seinem Abt wissen, ob er auch während des Betens rauchen dürfe.
Empört wehrt der Abt dieses Ansinnen ab.
Ein anderer, auch er einer guten Zigarre nicht abgeneigt, will ebenfalls sein Glück versuchen.
„Das brauchst du gar nicht zu probieren“, meint sein Klosterbruder. „Der Abt erlaubt es sowieso nicht.“
So geht also der andere zum Abt hinein und kommt schmunzelnd wieder heraus.
„Er hat es mir erlaubt“, sagt er. „Was“, fragt der andere erstaunt, dass du beim Beten rauchst?“ „Nein“, sagt er, „ich habe ihn gefragt, ob ich beim Rauchen beten darf – und das konnte er mir nicht verweigern!“
 
Gott schenke uns die rechten Worte zur rechten Zeit – uns als Gemeinde bei unseren Veranstaltungen, Veröffentlichungen und Gottesdiensten.
Und jedem und jeder einzelnen von uns, wenn wir erzählen wollen von unserem Glauben, unserem Vertrauen.
Vor allem aber schenke er uns Geduld und Wachsamkeit, Ausdauer und Beharrlichkeit zu einem Leben, das getragen ist vom Gebet, vom Gespräch mit ihm.
 
Amen.
 
Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de