Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

15.03.09 Lukas 9, 57-62

Predigt am 15.03.2009 über Lukas 9, 57-62 - Pfarrer Bauschert


„Wo warst du, Gott“ –
so, liebe Gemeinde, stand es in großen Buchstaben auf einem Plakat, das einer aufgestellt hat vor der Albertville-Realschule in Winnenden nach dem schrecklichen Amoklauf vom vergangenen Mittwoch.
Wo warst du, Gott –
als Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen, Passanten keine Chance hatten, den tödlichen Schüssen auszuweichen?
Wo warst du, Gott –
als dieser offensichtlich verzweifelte Jugendliche sich auf den Weg gemacht hat in seine ehemalige Schule, um mög-lichst viele Menschen zu töten?
Wo warst du, Gott –
als dieser Tim aufgewachsen ist, vom Kind zum Jugendlichen – mitten unter uns – und als er begonnen hat, seinen Weg zu gehen, der dann so endete?
Gott, wo warst du; Gott, wo bist du!?

Verzweifelte, ratlose Fragen, die nicht nur die stellen, die miterlebt haben, was da geschehen ist; Fragen, die uns alle bewegen, weil wir diesen unbegreiflichen Gewaltausbruch nicht verstehen, nicht erklären können.

Wenn Unerklärliches passiert, wenn brüchig wird, worauf wir uns verlassen, suchen wir nach Halt. Viele fragen dann nach Gott.
Und trotz der verzweifelten Frage, in der ja auch die Anklage steckt: „Gott, du warst nicht da!“ – oder vielleicht sogar ja gerade deshalb – strömen Hunderte von Menschen in die Trauer- und Gedenkgottesdienste.
Hier hoffen sie, Antworten zu finden, Trost, Halt in der Gemeinschaft.
Ich fühle mich erinnert an den Gottesdienst nach dem 11. September 2001: Wenn Unerklärliches geschieht, wenn Unerträgliches unser Vertrauen erschüttert, dann suchen Men-schen nach Zuspruch und Hoffnung, die sie sich selbst nicht geben können; die sie nicht finden in belanglosen Geschwätzigkeiten von Internet-Chats oder in Heiler-Welt-Romantik seichter Fernsehunterhaltung.
Und doch sind wir zuerst einmal eine Gemeinschaft der Ratlosen, der Sprachlosen.
Das gilt es auszuhalten!
Es gibt keine schnellen, keine einfachen Erklärungen; es gibt keinen schnellen Trost ohne die Gefahr, dass er als billige Vertröstung empfunden wird.

Winnenden ist nicht weit weg von uns.
Es gibt Menschen hier bei uns, die Schülerinnen und Schü-ler kennen, die die betroffene Schule besuchen.
Es ist unsere Region, unsere Umgebung, in der das Uner-klärliche geschehen ist.
Das bringt es uns näher, als es Presseberichte sonst tun könnten.

Und natürlich bringen wir das alles heute mit in den Gottesdienst – unsere eigenen Fragen, unsere Zweifel, unsere Angst und unsere Sorgen auch.
Wir können das nicht einfach ablegen.
Aber trotzdem lade ich Sie ein, jetzt auf die Worte zu hören, die für heute als Predigttext vorgesehen sind.
Worte Jesu, die zunächst einmal recht hart, ja fast „unmenschlich“ klingen;
Worte aber auch, die uns ins Nachdenken darüber bringen, was es heißt, als Menschen zu leben, die an jedem Tag ihres Lebens nach Gott suchen.
Es geht um das Stichwort „Nachfolge“; es geht um die Frage
danach, welche Konsequenzen es hat für unser Leben, für unseren Alltag, wenn wir „Jesus auf der Spur bleiben“.

Wir hören aus Lukas 9 die Verse 57-62:
„Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst.
Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Men-schensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.
Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begra-ben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht ge-schickt für das Reich Gottes.“

Was für uns, liebe Gemeinde – sesshafte Christenmenschen einer württembergischen Gemeinde – wie eine Zumutung klingt, kann auf andere durchaus befreiend wirken.

Eine Zumutung für uns:
Wir haben den Platz, „wo wir unser Haupt hinlegen“.
Unsere Wohnung, unser „Nest“.
Und auch als Gemeinde haben wir Räume, die wir uns „wohnlich“ eingerichtet haben – unsere Kirche hier, unser Gemeindezentrum, das jetzt ja bald renoviert werden soll, damit man sich darin noch wohler fühlt; aber auch die Gruppen und Kreise, die Gemeinschaften, in denen wir zu Hause sind.
Vom Schiff, das sich Gemeinde nennt, wird in dem bekannten Lied aus den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhun-derts gesungen – vom Schiff, das ja geradezu ein Symbol fürs Unterwegssein ist.
Dieses Schiff, heißt es da, „liegt oft im Hafen fest, weil sich’s in Sicherheit und Ruh bequemer leben lässt. Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit, und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.“

Den, der Jesus folgen will, warnt er vor einem Leben in der Nachfolge: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ Ich bin heimatlos, sagt Jesus – und wer mir nachfolgt, dem geht es genauso!

Ja, das ist eine Zumutung für uns.
Denn wir fühlen uns wohl, wie und wo wir uns eingerichtet haben.
Doch wenn ich diesen Ruf Jesu zum Aufbruch, zum Unterwegssein höre, beginne ich darüber nachzudenken, dass das, woran ich hänge – meine Wohnung, der Ort, an dem ich zu Hause bin, meine Kirche – letztendlich und im wahrsten Sinn des Wortes „unbeweglich“ ist (auch unbeweglich macht?) – eine „Immobilie“.
Hat meine „Sesshaftigkeit“ Auswirkungen auf meinen Glauben? Bin ich für den Ruf zur „Ausfahrt“, zum Aufbruch, zur Nachfolge bereit?
Der Predigttext, der vom Wanderprediger Jesus erzählt, stellt uns vor solche Fragen.
Und sie klingen wie Zumutungen für unsere Ohren.

Aber wie ist das für Menschen, die das, was ihnen Heimat war, verloren haben?
Deren Haus zerstört wurde, die fliehen mussten oder ver-trieben wurden?
Nicht nur in der Zeit des 2. Weltkriegs, auch heute erleben und erleiden Menschen diesen Verlust von Heimat, der sie entwurzelt.

In solchen Extremsituationen kann, was für uns eine Zumutung ist, Halt und Trost geben.
Menschen, für die eine Welt zusammengebrochen ist, sehen in dieser Trümmerlandschaft den an ihrer Seite, der selbst heimatlos ist, unterwegs.
Und der gerade in diesem Unterwegssein die Nähe Gottes findet und sie anderen nahe bringt.
Solche Heimatlosigkeit gibt es natürlich auch im übertrage-nen Sinn:
Wenn Beziehungen zerbrechen, wenn das Leben von gelieb-ten Menschen zu Ende geht, dann kann einem der Halt im eigenen Leben verloren gehen – das, was bisher Heimat war und Geborgenheit gab.
Dann kann neue Hoffnung geben, was jetzt wie eine Zumu-tung klingt: Leben, Gottes Liebe und Zuwendung sind nicht gebunden an die Räume, in denen wir uns eingerichtet ha-ben. Jesus selbst wird zum Zeugen dafür, dass gerade dort, wo solcher Halt verloren gegangen ist, neuer Halt – Lebens-halt – zu finden ist.

Wir wissen alle, wie wichtig der Gang ans Grab eines lieben Menschen ist; wie wichtig es ist, einen Ort der Trauer zu haben und sich verabschieden zu können.

Da klingt es besonders hart, was Jesus dem sagt, der – be-vor er sich mit ihm auf den Weg macht – erst noch seinen Vater begraben will.
„Lass die Toten ihre Toten begraben!“
Das kann doch nicht sein, denke ich.
Ist Jesus so herzlos?
Und diese Forderung war damals so unverständlich wie heute; es ist sogar Teil der Erfüllung des 4. Gebots – eben die Eltern zu ehren –, für ein angemessenes, ein würdiges Begräbnis zu sorgen.
Kennt Jesus die Gefühle von Menschen nicht, die einen An-gehörigen verloren haben, frage ich mich?
So hart das klingt, so sehr wir es als eine Zumutung empfin-den, was wir da hören – gerade auch im Blick auf die Ereig-nisse der letzten Woche – geht es letztlich um eine Ände-rung des Blickwinkels: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, sagt der Psalmbeter in dem Vers, der dem heutigen Sonntag Okuli (Augen) seinen Namen gegeben hat (Psalm 25, 15).
Weg von dem, was den Blick gefangen nimmt, wieder nach vorn zu sehen – das kann lebensrettend sein.
Denn die Bilder von Tod und Verderben haben eine krankmachende Kraft.

Das wissen wir alle; und deshalb ist es so wichtig, dass Menschen, die Schreckliches miterlebt haben, begleitet werden – vielleicht auch über lange Zeit – in der Aufarbeitung dessen, was sie nicht loslässt.
Ich verstehe die Aufforderung Jesu so:
Lass dich vom Tod nicht gefangen nehmen; wende deinen Blick nach vorn.
„Geh hin und verkündige das Reich Gottes!“, sagt er.
Erzähle von dem Gott des Lebens, der es gut mit uns meint; und lass dich selbst wieder mit hinein nehmen in seinen Lebensstrom.

Was für uns wie eine Zumutung klingt, kann für andere eine befreiende Wirkung haben – das gilt auch hier.
Kürzlich hat mir jemand erzählt von den Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegszeit.
Dass sie keine Gelegenheit hatten, ermordete Angehörige zu bestatten – das ist zu einer Last geworden, die bis heute drückt.
Hier kann Jesu Aufforderung zur Entlastung werden:
Dieses Leid, diese Erinnerung an Tod und Verderben darf dich nicht festhalten.
Öffne dich für Worte des Lebens; geh den Weg des Lebens.

So schwer das ist im Blick auf die Ereignisse in Winnenden, so unvorstellbar das jetzt erscheint für die Angehörigen der Ermordeten –
sie und wir alle sind darauf angewiesen, dass wir herausge-holt werden aus allem, was uns im „Tod“ gefangen nimmt; dass uns die Augen neu geöffnet werden für Gottes Lebenskraft, wo wir sie nicht mehr sehen;
dass wir selbst uns abwenden von der Last des Todes und uns auf den Weg machen ins Leben, das der uns schenken will, der uns Gottes Liebe nahe bringt.

Das heute voller Zuversicht zu verkünden, fällt mir schwer.
Aber an der Hoffnung darauf will ich festhalten – trotz al-lem, was jetzt nicht nur dagegen spricht, sondern wie die Frage auf dem Plakat in Winnenden laut in unseren Ohren klingt – „Gott, wo warst du!?“

Und dann gibt es da ja noch das dritte „Blitzlicht“, das erhellen kann, wie ernst Jesus es mit der Nachfolge meint.
Dass, wer den Pflug bedient, nicht nach hinten schauen kann, das leuchtet auch uns heute ein, die wir von der Landwirtschaft damals wenig verstehen.
Wie soll einer gerade Furchen ins Erdreich ziehen, wenn er

nicht nach vorne schaut, um die Richtung einzuhalten?
Andererseits kann ich diesen Blick nach hinten gut verste-hen; manchmal mache ich das ganz bewusst, wenn ich durch den Schnee wandere – es ist doch schön, sich die ei-genen Spuren anzusehen.
Aber mit dem Bild vom Pflügen weist Jesus darauf hin: Schau nicht nach hinten auf die Spuren, die du hinterlässt – Menschen wollen sich ja gern mit dem, was sie geleistet oder gebaut haben, unsterblich machen.
Viel wichtiger ist es, dass du nach vorn siehst; dass du den Blick für Gottes Reich nicht verlierst; dass du in meiner Spur bleibst.
Sich nicht von denen verabschieden zu dürfen, die einem lieb und wert sind, klingt natürlich sehr hart.
Aber auch hier geht es wieder darum, nicht im Gewohnten verhaftet zu bleiben.
Jesus nachzufolgen, aufzubrechen auf dem Weg in Gottes Reich, heißt eben in aller Konsequenz und Ernsthaftigkeit, Neues zu wagen und Altes hinter sich zu lassen.

Ich muss gestehen: Im Blick auf die Menschen, mit denen ich lebe, finde ich diese Forderung Jesu eine unerträgliche Zumutung.

Da bin ich viel zu sehr sesshafter Mitteleuropäer, um diese Worte des Wanderpredigers Jesus für mich gelten lassen zu können.
Der Blick auf die Beziehungen, in denen Menschen leben, macht in aller Radikalität deutlich, was Jesus meint.
Und da merke ich, dass da schon etwas drinsteckt, was mich in meiner sesshaften Bequemlichkeit hinterfragt.
Es gibt so vieles, was ich nicht loslassen möchte – meinen Besitz, das ganze Umfeld, in dem ich mich wohlig eingerich-tet habe.
Ich werde daran erinnert, dass das Nicht-Loslassen-Können mir auch den Blick nach vorne verstellt;
dass, wer nach hinten schaut, nicht aufbrechen kann, nicht unterwegs sein kann auf dem Weg des Lebens, das immer auch offen sein muss für Neues.

Zumutungen bleiben.
Für mich ist dieser Text mit seinem ernsthaften Ruf zur Nachfolge Jesu eine bleibende Anfrage.
Aber gerade im Blick auf das, was uns heute belastet, möch-te ich mich ermutigen lassen, offen sein zu können für Jesu Weg der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit.
Gott, wo warst du? Gott, wo bist du?

Lass uns nicht müde werden, dich zu suchen.
Lass uns dich finden – auch bei unseren kleinen Schritten nach vorn, die wir in Jesu Spur tun können.
Lass dein Reich des Friedens anbrechen mitten unter uns und erfülle uns mit deiner Hoffnung.

Amen.
Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de