Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

16.01.11 Mose 33, 17b-23

Predigt am 16.01.2011 über 2. Mose 33, 17b-23

 Wer, liebe Gemeinde, kennt nicht Michelangelos Bild von der Erschaffung des Menschen!

Der ausgestreckte Zeigefinger Gottes, der fast zärtlich die Hand des Menschen berührt, den er ins Leben ruft.

In den Osterferien des vergangenen Jahres war ich in Rom und habe da auch zum ersten Mal die Sixtinische Kapelle besucht. Der Trubel im Vatikan war fürchterlich, stundenlanges Schlangestehen und dann heftiges Gedränge in den einzelnen Räumen. Aber die farbenprächtigen Bilder an der Decke der Sixtinischen Kapelle waren schon beeindruckend – und im Zentrum eben das Bild von der Erschaffung des Menschen.

 

Ich hatte mir immer überlegt, woher die seltsamen Vorstellungen von Gott als einem alten Mann mit langem Bart kommen – zumindest der Vorstellung Michelangelos entspricht offensichtlich dieses Bild!

 

Doch auch wenn Martin Luther das sogenannte „Bilderverbot“ aus der Zählung der 10 Gebote herausgenommen hat, hat es natürlich trotzdem seine Bedeutung, wenn es in 2. Mose 20, 4 und 5 heißt:

„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“

 

Auf diesen letzten Satz kommt es hauptsächlich an: Das Gebot will verhindern, dass Menschen ihre Vorstellung von Gott an irgendeine Gestalt binden; dass sie sie bannen wollen in einer Figur, die doch immer nur das Ergebnis ihrer eigenen Gedanken, Ideen und Vorstellungen sein kann.

 

Die Darstellung Michelangelos ist nur eine in der Reihe vieler Bilder, die Menschen sich von Gott machen.

Wir sind, ob wir es wollen oder nicht, darauf angewiesen, uns in irgendeiner Form ein „Bild“ zu machen, wenn wir uns etwas vorstellen wollen.

Aber das erklärt natürlich noch lange nicht, warum Gott ein alter Mann mit Bart sein soll.

Vielleicht überlegen wir einmal kurz, welche Bilder von Gott wir in uns tragen.

Wie sieht er bei uns aus? Oder sie? …

 

Natürlich haben diese Überlegungen mit unserem heutigen Predigttext zu tun.

Da hören wir von Mose, der Gott darum bittet, ihn sehen zu dürfen. Und das wird erzählt im Anschluss an die Geschichte vom „Golden Kalb“, in der Menschen sich ihr „Gottesbild“ gegossen haben; im Anschluss an die Geschichte, die ja in besonderer Weise gerade das Bilderverbot illustrieren soll.

 

Wir hören aus 2. Mose 33 die Verse 17b-23:

„Du hast Gnade vor meinen Augen gefunden, und ich kenne dich mit Namen. 18 Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.  21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.

22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. 23 Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

Dem Mose, liebe Gemeinde, wird etwas gewährt, was mancher von uns sich vielleicht auch wünschen mag – Gott so unvorstellbar nahe zu kommen.

Ihn sehen zu können und nicht sein Vertrauen auf einen unsichtbaren Gott setzen zu müssen.

In den Versen vor unserem Textabschnitt wird sogar davon erzählt, dass Gott mit Mose „von Angesicht zu Angesicht“ redete, „wie ein Mann mit seinem Freund“ (Ex. 33, 11).

Demgegenüber klingt das, was wir gerade gehört haben, fast wie eine „Richtigstellung“; solche Nähe „von Angesicht zu Angesicht“, solch ein Gespräch zwischen Gott und Mensch sozusagen „unter vier Augen“ ist doch gar nicht möglich. Mehr als dieses „Hinterherschauen“ kann und darf nicht sein!

 

Mose spielt eine besondere Rolle in der Geschichte des Volks Israel. Die Erzählung vom schreienden Baby, ausgesetzt im Schilfkorb, kennt jedes Kind – zumindest, wenn zu Hause Geschichten aus der Kinderbibel vorgelesen werden oder wenn es den Religionsunterricht und die Kinderkirche besucht.

Mose ist die zentrale Figur der Befreiungsgeschichte Israels.

Er ist der von Gott berufene Anführer, der die Menschen aus

 

der Sklaverei in die Freiheit führt.

Aber er ist kein „Heiliger“.

Als junger Mann hatte er einen ägyptischen Aufseher erschlagen und war geflohen.

Aus dem brennenden Dornbusch heraus hört er dann Gottes Stimme, die ihn auffordert, zum Pharao zu gehen und die Israeliten aus Ägypten wegzuführen.

Doch zunächst will er nicht: „Wer bin ich schon, dass ich einen solchen Auftrag ausführen soll?“, fragt er zweifelnd.

Und Zweifel begleiten ihn auch später, als er mit dem Volk unterwegs ist auf der Wanderung durch die Wüste.

Die „Fleischtöpfe Ägyptens“ haben sie hinter sich gelassen; und je länger die Reise geht, umso größer und lauter wird das Murren des Volkes – auch gegen Mose.

Du hast uns von dort weggeführt; eigentlich ging es uns doch aber ganz gut – wenigstens hatten wir genug zu essen!

Je länger die Reise geht, desto unsicherer wird Mose über seinen eigenen Auftrag; umso fraglicher wird ihm sein „Gottvertrauen“, aufgrund dessen er gewagt hatte, was ihm zuvor unvorstellbar gewesen wäre:

Menschen zu überzeugen und sie mitzunehmen auf einen Weg ins Unbekannte; hinzustehen vor den Pharao, den König, und ihn herauszufordern; seine Stimme zu erheben und frei heraus zu reden; als Anführer voraus zu gehen und stark zu sein.

 

Mose sucht Vergewisserung.

„Lass mich sehen, Gott, dass mein Vertrauen nicht grundlos ist; lass mich dich sehen, damit ich mir ein Bild von dir machen kann; damit ich weiß, wer du bist. Lass mich dich sehen, damit mein Glaube neuen Halt findet!“

So oder so ähnlich könnte Mose sein Anliegen vorgebracht haben.

 

Dieser Mose, liebe Gemeinde, ist uns vielleicht manchmal gar nicht so fern –

dieser Mann, dem zwar Großes zugetraut wird, der sich selbst aber nicht so recht traut;

dieser Mensch, der schlimme Fehler gemacht hat und der doch eine neue Chance bekommt;

dieser Mose, der sich vertrauensvoll auf einen Weg mit Gott einlässt und den dann doch immer wieder Zweifel plagen.

 

Deshalb erzählt diese Geschichte von Mose, der Gott sehen will, eben auch von uns – von unserem Leben mit allem Auf und Ab; von unseren Fehlern und unseren Zweifeln; aber

auch von unserer Sehnsucht danach, dem nahe zu sein, den zu „sehen“, der unser Leben trägt; von unserer Suche nach dem Grund unserer Hoffnung, unseres Vertrauens, unseres Glaubens.

 

Welche Antwort bekommt Mose, welche Antwort bekommen wir?

Keine einfache; nicht die, die wir vielleicht gern hätten.

Aber schauen wir genauer hin:

 

Gott wendet sich dem Mose zu und bestätigt ihn darin, dass er „Gnade gefunden hat vor seinen Augen“. Gott wiederholt also seine „Zuwendung“ – du bist mir nicht egal, ich wende mich nicht von dir ab.

Mehr noch: Ich kenne dich beim Namen.

Der Name, der eigene Name ist etwas ganz Besonderes.

Um den Namen Gottes geht es in den Mosegeschichten immer wieder.

„Ich werde sein, der ich sein werde“ – so stellt sich Gott aus dem brennenden Dornbusch heraus vor; man kann auch übersetzen: Ich bin der „Ich-bin-da“.

In unserem Textabschnitt kommt jetzt so etwas wie eine weitere Namensergänzung dazu; zumindest ist es eine

 

Beschreibung dessen, wie Gott ist: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Nomen est omen; Namen sind nicht einfach Schall und Rauch!

 

Und das gilt auch für Mose, den Gott beim Namen kennt.

Mose – das ist, in freier Übersetzung, der „Herausgezogene“, der aus dem Wasser Gerettete; und dieser Herausgezogene wird zum „Herausziehenden“, zum Befreier derer, die Hoffnung und Mut verloren haben.

Auch wenn das Leben in der Knechtschaft Sicherheit bot und zumindest einen vollen Bauch – warum sonst sollten sie sich immer wieder danach zurücksehnen!? – Mose wurde zu dem, der sie „herauszog“ auf den Weg der Freiheit.

Und auch zu dem, der sie „wegzog“ von ihrer Vorstellung, in einem „Goldenen Kalb“ greifbare Sicherheit zu haben.

Mose, der Herausgezogene, der Herausziehende – ich kenne dich beim Namen!

 

Das alles ist die erste Antwort auf die Bitte des Mose, Gott sehen zu dürfen.

Und es ist auch für uns eine Antwort: Als auf den Namen

Gottes Getaufte dürfen wir es mit den Worten des Propheten Jesaja auch uns gesagt sein lassen: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

 

Aber das ist nicht die ganze Antwort.

Sehen kannst du mich nicht, sagt Gott. Aber „es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.“

In einer anderen Übersetzung heißt es: „Hier neben mir ist noch Platz.“

Was für ein Bild, liebe Gemeinde!

Der Mensch, der Gott „sehen“ möchte, wird eingeladen auf den Platz neben ihm.

Neben mir ist Platz – hier ist dein Platz!

Leben in der Nähe Gottes – das ist es, was Gott dem Mose verspricht, auch wenn er das Sehen von Angesicht zu Angesicht verweigert.

Doch an diesem Platz in der Nähe Gottes steckt der Mensch auch in einer „Klemme“ – so hat es unser ehemaliger Dekan Hans-Frieder Rabus in einem Buch über Mose unter dem Titel „Zärtlichkeit und Zorn. Der Mann Mose“ formuliert.

Eingeklemmt in einen Felsspalt steht er da – aber eben doch unter dem Schutz der Hand Gottes.

Ein Mensch in der Klemme und Gottes Hand über ihm!

 

Was Menschen in die Klemme bringt, wo wir selbst in der Klemme stecken, das kennen wir nur allzu gut –

da sind Sorgen und Ängste, wenn wir nicht wissen, wie unser Leben weitergehen wird; da ist die Not eines Menschen, der uns wichtig ist und dem wir nicht helfen können; da ist das Erschrecken über grenzenloses Leid in unserer Welt…

Gerade dem Menschen in der Klemme ist Gott ganz nahe; gerade für ihn ist noch ein Platz frei neben Gott!

In der Dunkelheit der Felskluft, geborgen unter Gottes Hand.

 

Und die Nähe Gottes, seine „Herrlichkeit“, wie es im Bibeltext heißt, seine Kraft – die sehen wir, die spüren wir erst im „Nachhinein“, im „Nach-Sehen“.

Gott lässt sich nicht festmachen, schon gar nicht in unseren Bildern; wir können nicht sagen: er ist hier, oder er ist dort. Das einzige, was wir, im Blick auf unsere Mosegeschichte, sagen können, ist das: Gott ist uns voraus; er geht vor uns her; und wenn es dunkel wird um uns herum, wenn wir in der Klemme stecken, hält er seine schützende Hand über uns. Aber er lässt sich nicht festhalten – nicht in den Bildern, die wir uns von ihm machen und auch nicht in unseren Glaubenssätzen und –vorstellungen.

 

Gott geht vor uns her.

Und wer sich auf den Weg des Glaubens einlässt, ist und bleibt ein ihm „Nachfolgender“.

 

Ja, liebe Gemeinde, das ist nicht sehr „konkret“, nicht wirklich „greifbar“.

Manchmal wäre uns vielleicht auch ein „Goldenes Kalb“ lieber, das wir vor uns hinstellen könnten und sagen: „Seht her, das ist unser Gott!“

Ich wage allerdings zu behaupten, dass wir so manches Goldene Kalb haben, das wir „vergöttern“, auch wenn wir es nie so bezeichnen würden –

unsere Vorstellung von immerwährender Jugendlichkeit und Gesundheit zum Beispiel; unser Vertrauen auf andauerndes Wachstum, das unseren Reichtum sichert; die Statussymbole, die uns wichtig sind…

 

Und wieder einmal merken wir: Biblische Geschichten sind nicht (nur) Erzählungen aus einer vergangenen Zeit; vielmehr stecken darin tiefe Wahrheiten, die auch mit unserem Leben zu tun haben –

die Sehnsucht, Gott nahe zu sein, ihn sehen zu können ist genauso wenig Vergangenheit wie die Gefahr, ihn in eigenen

 

Bildern und Vorstellungen festhalten zu wollen.

Aber deshalb gilt auch das andere noch heute, auch für uns – der Zuspruch, den Mose zu hören bekommt: „Hier neben mir ist noch Platz.“

 

Dieses „Gottesbild“, liebe Gemeinde, möchte ich mitnehmen; das Bild von dem Gott, an dessen Seite Platz für mich ist mit allem, was mich beschäftigt – mit meinen Sorgen und mit meiner Freude am Leben; mit meinen Ängsten und mit meinem Mut, neues zu wagen.

Dieses Gottesbild soll mich begleiten; und die Erinnerung an das, was wir an Weihnachten gefeiert haben –auch wenn der Alltag wieder begonnen hat, befinden wir uns ja doch noch in der Weihnachtszeit:

Die Erinnerung daran, dass Gott sich im Reden, Leben und Handeln des Jesus von Nazareth noch einmal ganz anders gezeigt hat – als Mensch unter Menschen, als Gott mit menschlichem Angesicht.

„Der Himmel, der kommt“, formuliert der Schweizer Theologe Kurt Marti in einem hoffnungsvollen Text, „der Himmel, der kommt, …das ist der Gott mit dem Antlitz des Menschen. Amen.

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