Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

16.03.08 Hebräer 12,1–3

Palmsonntag
16. März 2008
Hebräer 12,1–3

Lektor Gunther Schaible

Liebe Gemeinde!

„Alle Welt läuft ihm nach!“ Mit diesen Worten endet das Evangelium, das über dem Palmsonntag steht. Wir haben es in der Schriftlesung gehört (Johannes 12, 12 – 19).

„Alle Welt läuft ihm nach!“ Sie läuft dem nach, der sein bislang größtes Wunder voll-bracht hat: Jesus hat Lazarus von den Toten auferweckt.

„Alle Welt läuft ihm nach!“ Heute mag das in anderen Teilen der Welt der Fall sein,
bei uns in Westeuropa sehen wir nicht allzu viel davon. Es sind hier nicht gerade die großen Massen, die Jesus am Palmsonntag mit Palmzweigen und Lobgesängen entgegengehen und ihm begeistert fröhlich entgegen rufen:
„Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Wo sind den hier die Massen?
Viele von uns westeuropäischen Christen sind müde geworden, schwach geworden im Glauben und verzagt in der Nachfolge.

Viele von uns wissen nicht mehr so recht, was sie an ihrem Glauben haben
und was sie von ihrem Glauben erwarten können und dürfen.
Damit sind wir in guter Gesellschaft mit der Gemeinde, an die unser heutiger Predigttext aus dem Hebräerbrief gerichtet ist.

Auch diese Gemeinde hat schon einmal bessere Tage gesehen: Tage der Erleuchtung, in denen sie ganz erfüllt war von der machtvollen Zuwendung, die ihr Gott in seinem Sohn geschenkt hat; Tage, in denen die Gemeinde selbst das Leiden um Jesu Christi willen mit Freude erduldete.

Jetzt aber sind Teile der Gemeinde dabei, sich von ihr abzuwenden.
Das kommt uns irgendwie bekannt vor!

Auch viele Christen heute achten die Liebe Gottes in Jesus Christus gering und wenden sich anderen Göttern, Gurus und Sonstigem zu. Hier spreche ich nicht von anderen Reli-gionen, sondern von Alltäglichem, dem Auto, dem Fernseher und seinen sogenannten Helden, den Sonntagsbrötchen, dem wichtigen Sonntagmorgensport.

Die Gemeinde des Hebräerbriefes sieht nichts von der Zuwendung Gottes, nicht, weil sie es nicht sehen will.
Sie sieht nichts, weil sie nicht sehen kann.
Sie sieht mit dem äußeren Auge und nicht mit dem inneren.
Sie übersieht die Güte Gottes, die ihr geschieht.
Sie sieht allein die Diskriminierung, die sie um ihres Glaubens willen zu erdulden hat.
Sie steht abseits, am Rande der Gesellschaft, Anfeindungen preisgegeben, verachtet.

Das ist für Menschen nicht leicht auszuhalten. Deshalb trennen sich manche von der Gemeinde und gehen zurück in die Mitte der Gesellschaft. Statt Gott in der Mitte der Gemeinde zu loben, passen sie sich den Werten der Nichtchristen an.

Hören wir unseren heutigen Predigttext, Hebräer 12,1–3:

Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns able-gen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Be-ginner und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, damit ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

Was hat der Hebräerbrief einer Gemeinde zu sagen, die in ihrer Müdigkeit der unseren durchaus ähnlich ist?
Er stellt der Gemeinde in immer neuen Worten das vor Augen, was sie offenbar verges-sen hat: das große Heil, das ihr Gott in Jesus Christus geschenkt hat.

Was ungewiss, fraglich, zweifelhaft geworden ist, das muss der Gemeinde neu bewusst gemacht werden:
Ja, in Jesus Christus haben wir Zugang zum lebendigen Gott;
durch ihn stehen wir bereits in Gottes Gegenwart,
durch ihn sind wir schon ganz nah am Thron Gottes.
Nimm das doch zur Kenntnis, liebe Gemeinde, lass es wahr sein!

Die meisten werden das gerne hören.
Der Hebräerbrief hat seiner Gemeinde dann aber noch etwas zu sagen, was unserer heuti-gen Bedürfnislage eher wenig entspricht.

Es findet sich kein Wort des Verständnisses dafür, wie schwer es doch ist, als Christ zu leben. Kein Wort davon, dass Gott uns trotz aller unserer Fehler liebt.

Nein, der Hebräerbrief fordert die Christen zu nichts anderem als zu einem harten Stück Arbeit auf. Sie sollen mit Geduld und Ausdauer darum kämpfen, sich trotz der Benachtei-ligungen, die sie erfahren, an die Gemeinde zu halten und hier die Zuwendung Gottes in Jesus Christus finden!

Als Christen in Deutschland sind wir in vielerlei Hinsicht in einer anderen Situation als die Gemeinde damals. Kaum jemand leidet hier wegen seines Christseins oder wird deshalb von der Gesellschaft diskriminiert. Die führenden Repräsentanten unseres Staa-tes sind bekennende Christen.

Aber eines ist uns heute und den Christen damals sicher gemeinsam:
Wir wollen voll und ganz dazugehören.
Wir wollen mitmischen, wenn die Gesellschaft ihre großen Themen diskutiert und ze-lebriert: das Wetter, den Fußball und die Politik!
Hier werden auch wir Christen richtig lebendig und emotional.
Oft viel lebendiger, als wenn wir Gottesdienst feiern oder über unseren Glauben reden.
Was ist schon ein Gottesdienst im Vergleich zu einem Stadionbesuch?

Aber die Sache geht in Wirklichkeit viel tiefer. Viele entfernen sich schleichend von der Gemeinde und ihrem Glauben. Und auch die, die sich zur Gemeinde halten, unterschei-den sich in ihren Werten und Normen, in ihren Lebensentscheidungen und in ihrer Le-bensweise nicht mehr von Nichtchristen.
Ehebruch und Scheidungen, Steuerhinterziehung und Raffgier, die Missachtung der E-lenden und Schwachen, Fluchen und Diskriminieren zeigen sich auch bei Christen.

Wir passen uns auch im Negativen an die Gesellschaft an.
Um uns vor uns selbst zu rechtfertigen, berufen wir uns dafür manchmal sogar auf Gott selbst. Wir sagen dann: „Unsere Gottesbeziehung ist das eine und unser Verhalten das andere. Dass Gott uns liebt, ist entscheidend, unser Verhalten ist für Gott allenfalls dritt-rangig.“

Das mögen wir so halten. Der Widerspruch des Hebräerbriefes ist uns hier aber gewiss.

Er ist sich sicher: Wer durch Jesus in die Gottesnähe eingetreten ist, widersteht der Ver-suchung, sich stromlinienförmig in die Gesellschaft einzupassen.

Wir leben aus dem Wort Gottes. Wir hören das Wort der Gnade und orientieren uns in unserem Glauben und in unserem Leben an ihm.

Das mag sich für uns wie ein frommer Wunsch anhören. Wir merken ständig, wie An-spruch und Wirklichkeit in unserem Leben auseinanderklaffen.

Für den Hebräerbrief und besonders für unseren Predigttext ist dies aber alles andere als ein frommer Wunsch. Er ist ganz fest davon überzeugt, dass unser Leben ein Spiegel un-serer Gottesbeziehung sein kann. Wir sind nicht dazu verdammt, uns unserer Zeit in al-lem und jedem anzupassen, in der Sünde schon gar nicht.
Wir können widerstehen, nicht nur eine kurze Zeit lang, sondern grundsätzlich.

Das klingt für viele wohl wie von einem anderen Stern, schlicht unmöglich.
Wir glauben gerne an unsere Unmöglichkeit; der Hebräerbrief dagegen spricht von dem, was möglich ist: Natürlich können Christen widerstehen – können wir widerstehen! Na-türlich können wir auf das Wort Gottes hören und es tun, auch dann, wenn es aller menschlichen Vernunft zuwiderläuft.

Zwei Gründe nennt der Verfasser des Briefes dafür: die Wolke der Zeugen und das Vorbild Jesus. Ihr könnt widerstehen, nicht weil dies an eurer Nasenspitze ablesbar wä-re oder an eurem Herzen, sondern weil Menschen das ganz einfach können.
Punkt!

Die Menge der Zeugen beweist das ohne Wenn und Aber. Das ganze Alte Testament bezeugt das: Von Abel und Noah über Abraham und Sara, Mose und die Israeliten, Da-vid und Samuel, über Daniel und die drei Jünglinge im Feuerofen bis hin zu den mak-kabäischen Frauen – sie alle beweisen es: Es ist menschenmöglich, auf Gottes Wort zu hören und es zu tun.

Nicht, dass das ein Zuckerschlecken wäre; im Gegenteil.

Es führt oft ins Ungewisse. Es erfordert die ganze Kraft eines Menschen und ist oft ge-fährlich, ja lebensgefährlich!

Deshalb ist in unserem Predigttext von einem Kampf die Rede, der nur mit Geduld und Ausdauer zu bestehen ist. Aber, und darauf kommt hier alles an: Der Kampf ist zu ge-winnen. Wie die alttestamentlichen Zeugen können auch wir Christen das Wort Gottes hören und danach handeln.

Damit dies wirklich gelingt, ist aber noch ein Zweites wichtig: Jesus ist uns auf diesem Weg vorangegangen. Er hat uns den Weg geebnet. Er hat uns vorgemacht, wie wir un-sere Kämpfe bestehen können.

Das war ein entsetzlicher Weg. Ein Weg der Demütigung, der Erniedrigung und des Todeskampfes am Kreuz. Diesen Weg ist Jesus gegangen, weil er wusste, dass dies der Weg zur Gottesnähe ist: Jesus erduldete das Kreuz und achtete die Schande gering und hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes.

Jesus ist uns diesen Weg vorausgegangen. Er hat sich nicht darum geschert, dass der Weg zum Kreuz in den Augen der allermeisten seiner Zeitgenossen nichts als Schmach und Schande war. Nicht zufällig haben sie den Gekreuzigten verspottet.
Am Kreuz ist Jesus selbst zum verachteten Außenseiter geworden.

Auf diesen Weg Jesu sollen wir schauen. Dann können auch wir unsere Wege gehen, auch die Wege, die uns vielleicht in den Augen mancher Zeitgenossen dem Zeitgeist entfremden und uns in manchem zu Außenseitern machen.

Im Aufsehen auf Jesus ist dieser Weg möglich.
Wir können ihn gehen, weil Jesus ihn gebahnt und vollendet hat.
Wir können ihn gehen, weil Jesus diesen Weg mit uns geht.
Es ist kein einfacher Weg, es ist der Weg der Kreuzesnachfolge.

Aber wir dürfen nicht vergessen: Dieser Weg führt in die Freude. Jesus hat die Schande des Kreuzes erduldet, weil dahinter die Freude lag, die Freude der Auferstehung, die Freude, zur Rechten Gottes zu sitzen.

Solche Freude ist auch uns verheißen. Wir spüren diese Freude manchmal schon jetzt,
nicht vollkommen, aber in leiser Vorahnung. Dann nämlich, wenn wir auf unserem Weg der Schwachheit der Macht Jesu begegnen.

So wie damals die Menge in Jerusalem, die angesichts der Auferweckung des Lazarus ganz und gar überwältigt war. Dann ist wirklich die Zeit, fröhlich zu rufen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!

Wir wissen es nur zu gut, das ist nicht der Alltag unseres Glaubens. Der Alltag unseres Glaubens ist das Hören des Wortes Gottes und der Versuch, das Gehörte zu befolgen.

Ich merke: ich rede schon wieder viel zu defensiv. Ich rede von einem Versuch.
Der Hebräerbrief redet vom Tun, er redet davon, dass das Tun des Wortes Gottes mög-lich ist! Diese Gewissheit durchzieht den ganzen Hebräerbrief. Die Wolke der Zeugen ist uns auf diesem Weg vorausgegangen, Jesus ist ihn gegangen und hat ihn vollendet.

Ermahnungen treffen wie so oft die Falschen. Sie sind ja alle da und lassen sich das Wort auslegen und Sie befolgen auch die Weisungen. Besonders heute haben wir viele Mitarbeiter der Gemeinde im Gottesdienst. Wir gehen ja diesen Weg.

Jesus ist öffentlich unter dem Kreuz seinen Weg gegangen, er wurde öffentlich verhöhnt und vor aller Augen gekreuzigt.

Auch wir müssen unseren geistlichen Weg öffentlich gehen und uns in die Reihe der Gotteszeugen vor aller Augen einreihen. Wir dürfen den Weg aber nicht gehen als Mahner und Sektierer, sondern als Vorbilder mit der Gewissheit auf Gottes Reich.

Jesus wird diesen Weg mit uns gehen. Amen.
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