Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

17.01.09 Römer 12, 9-16

Predigt am 17.01.2009 über Römer 12, 9-16
Pfarrer Bauschert


Die Weihnachtsfesttage, liebe Gemeinde, und die Tage des Jahreswechsels, haben etwas für sich – auch für den Prediger: Da kann man sich gut vorstellen, mit welchen Gefühlen, mit welchen Erwartungen Menschen in den Gottesdienst kommen.
Heute ist das anders; den Gottesdienst am heutigen zweiten Sonntag nach dem Epiphaniasfest feiern wir zwar noch im Rahmen des Weihnachtsfestkreises, aber, davon gehe ich aus: Niemand von Ihnen hat eine konkrete Erwartung, was das Thema des Gottesdienstes betrifft.

Und so bietet uns heute der Predigttext so etwas wie eine allgemeine Betrachtung christlichen Lebens – eine Zusammenstellung allerdings, die es in sich hat.
Der Apostel Paulus listet in diesem Briefabschnitt an die Gemeinde in Rom all das auf, was aus seiner Sicht unabdingbar zum Leben einer christlichen Gemeinde dazugehört. Beinahe atemlos reiht er aneinander, was auch uns heute Stoff zum Nachdenken gibt.
Wir hören aus Römer 12 die Verse 9 – 16:

„9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche, (die geschwisterliche) Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor.
11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.
14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.
15 Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug.“

Wer, liebe Gemeinde, lässt sich schon gern ermahnen?
Wer lässt sich gern überschütten mit Forderungen?
Das kennen wir doch alle, dass andere an dem, was wir tun, etwas auszusetzen haben; dass sie mehr von uns erwarten.
Da ermahnt die Lehrerin ihre Schüler, der Chef seine Angestellten, die Mutter ihre Kinder.
Tu dies, lass das! Da hast du dir wohl wieder überhaupt nichts dabei gedacht! Usw., usw. …
Nein, ermahnen lassen wir uns nicht gern.

Und eine ganze Liste von Ermahnungen und Forderungen
hören wir heute mit diesem Briefabschnitt als Predigttext.

Wichtig ist zunächst einmal, dass wir uns klar machen:
Für Paulus haben diese Mahnungen einen Hintergrund, einen Untergrund, eine Grundlage.
Alles, was er von der christlichen Gemeinde fordert – man könnte auch sagen: Alles, was er ihr zutraut – all das kann nicht mehr sein als ein Widerspiegeln dessen, was im Leben Jesu Christi Wirklichkeit geworden ist.
Wenn er am Anfang unseres Textabschnittes betont und gleich zweimal von der Liebe spricht, dann ist diese menschliche Liebe einzig und allein begründet in der Liebe, die durch Christi Leben und Handeln offenbar und sichtbar geworden ist.
Ihr sollt, ihr könnt liebevoll miteinander umgehen – weil Gott euch in Jesus Christus seine Liebe gezeigt hat.
Das ist und bleibt für Paulus die unumstößliche Grundlage seiner Überlegungen.
Auf diesem Fundament formuliert er seine „Forderungen“, formuliert er das, was er Menschen in der christlichen Gemeinde zutraut.
Und dann also gleich am Anfang – und sozusagen als

Überschrift über alles Folgende:
„Eure Liebe sei ohne Falsch.“ In einer neueren Bibelübersetzung heißt es: „Eure Liebe sei ohne Hintergedanken.“
Das versteht sich doch eigentlich von selbst – und doch muss es immer wieder gesagt werden!
Wie oft wird Liebe nur gespielt und geheuchelt; wie oft wird mit dem „Deckmäntelchen der Liebe“ zugedeckt, was dringend ans Tageslicht müsste; wie oft dient, was Liebe genannt wird, dazu, sich selbst in ein besseres Licht zu rücken.
Aber wahre Liebe hat keinen Platz für Hintergedanken.

Was heißt das für das Leben in einer Gemeinde?
Paulus nennt selbst eine erste Konkretisierung:
„Hasst das Böse, hängt dem Guten an.“
Manchmal, das wissen wir alle, ist es gar nicht so leicht, zu unterscheiden, was denn nun gut ist und was böse.
Doch oft wissen wir es ganz genau – im Licht der Liebe werden uns die Augen geöffnet.
Es kann nicht gut sein, wenn Menschen niedergemacht werden, vielleicht auch so ganz nebenbei durch verletzende Bemerkungen. Gut ist, was Menschen aufbaut und ermutigt.
Es kann nicht gut sein, wenn Menschen auf ihre Schwächen festgelegt werden. Gut ist, wenn niemand verstecken muss,

was ihn im Innersten ausmacht – was ihn freut und vielleicht auch belastet.
Wir erinnern uns alle an den tragischen Suizid des Fußballers Robert Enke. Groß waren der Aufschrei und die Erkenntnis, dass es doch nicht sein kann, dass ein Mensch seelische Qualen verstecken muss.
Wie wären wohl die Reaktionen gewesen, wenn er sich geöffnet hätte; was hätte das für seine Karriere bedeutet?
Und wie sieht es in unseren Gemeinden aus? – Erinnern wir uns: Paulus schreibt seine Überlegungen als „Mahnungen“ an eine christliche Gemeinde.
Lassen wir zu, dass Menschen sich öffnen?
Schaffen wir es, Schwächen anderer nicht auszunützen?
Wehren wir uns vehement gegen Gerede oder gar Intrigen?
„Hasst das Böse, hängt dem Guten an.“
Was Paulus fordert, was er uns zutraut, ist und bleibt Aufgabe und Herausforderung für uns alle!

Besonders betont Paulus die brüderliche, die geschwisterliche Liebe untereinander; sie soll von Herzen kommen.
Der Umgang der Gemeindeglieder untereinander soll „geschwisterlicher Liebe“ entsprechen; Menschen in der christlichen Gemeinde sollen einander lieben wie Brüder und Schwestern.
Geschwister leben in einer Beziehung, die sie sich nicht selbst herausgesucht haben. Sie wachsen auf in einer Familie, in die sie hineingeboren wurden.
Als Geschwister kommt man nicht automatisch und immer gut miteinander aus – mal liegen die Interessen zu weit auseinander, mal ist der Altersunterschied zu groß.
Geschwister verbindet aber, vor allem im Kinder- und Jugendalter, vieles: gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen; dieselben Wertvorstellungen, die sie von ihren Eltern vermittelt bekommen; das Erleben von Gemeinschaft und das Wissen darum, dass da jemand ist, auf den man sich bedingungslos verlassen kann.
Geschwister sucht man sich nicht aus – anders als den Partner, die Partnerin fürs Leben; eine Familie ist deshalb keine „Neigungsgruppe“, sondern eine Gemeinschaft, in die man hineingestellt und an deren Gestaltung man beteiligt ist.

So bekommt der Begriff der geschwisterlichen Liebe im Blick auf eine christliche Gemeinde für mich eine ganz besondere Bedeutung.
Auch hier werde ich „hineingeboren“, durch die Taufe hineingenommen in eine Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Menschen, die ich mir selbst vielleicht nicht herausge-

sucht hätte; in eine Gemeinschaft; die schon lange vor mir und ohne mich existiert hat; in eine Gemeinschaft, die nicht nur aus Menschen mit gleichen Interessen und Vorstellungen besteht; in eine Gemeinschaft aus Jüngeren und Älteren, Frömmeren und weniger Frommen, Überzeugten und Zweifelnden, Suchenden und solchen, die Halt gefunden haben.
Menschen in christlichen Gemeinden sind so verschieden, wie Menschen auch sonst unterschiedlich sind; aber sie sind verbunden im gemeinsamen Vertrauen auf Jesus Christus, der der Herr der Kirche ist. Direkt vor unserem Textabschnitt spricht Paulus von der Gemeinde als „Leib in Christus“ – viele Verschiedene, aber eins in Christus.

Diese Liebe untereinander, aus der heraus Menschen in einer christlichen Gemeinde miteinander leben und miteinander umgehen sollen, ist die Grundlage für alles Weitere, was Paulus schreibt.
Gegenseitige Ehrerbietung – das klingt für Jüngere heute ungewohnt und meint doch etwas ganz Wichtiges:
Einander mit Achtung und Respekt zu begegnen nimmt die Würde Ernst, die jeder Mensch von Gott bekommen hat.
Wer die Menschenwürde mit Füßen tritt, missachtet die

Gottebenbildlichkeit des Menschen; wer Menschen herabsetzt und entwürdigt, missachtet Gott selbst.
Natürlich hat solches Handeln keinen Platz in einer christlichen Gemeinde – und doch fühlt Paulus sich schon damals veranlasst, es zu betonen!

Im Weiteren geht es dann um unser Tun, um das Handeln, das einem Leben in Liebe entspricht.
Offensichtlich hat Paulus den Eindruck, dass er hier gegen menschliches Beharrungsvermögen, gegen unsere Trägheit etwas sagen muss: „Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn.“
Es geht um „Beweglichkeit“; es geht darum, das, was im Licht der Liebe zu tun nötig ist, auch umzusetzen.
Nicht blinder Aktionismus ist gefordert, nicht überstürztes Handeln – aber eben auch nicht bequemes Sich-Zurück-lehnen, gemütliches Abwarten. Tut und setzt um, was dran ist. Und gerade darin „dient ihr dem Herrn“.

Der folgende Vers, in vielen Bibeln fett gedruckt, könnte auch ein Jahreslosungstext sein – vielleicht war er sogar schon mal dran? „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“

Vergesst nicht die Hoffnung, von der ihr lebt; das ist eine Quelle der Freude auch dann, wenn nicht alles glatt geht. Verliert die Geduld nicht und das Vertrauen auf Jesus Christus, auch dann, wenn Schweres euer Leben erschüttert.
Haltet fest am Gebet; bleibt im „Gespräch“ mit Gott, der eurem Leben Halt gibt und neue Kraft, wo alle anderen „Kraftquellen“ versiegen.
Auch an solche „Selbstverständlichkeiten“ müssen wir Christenmenschen immer wieder erinnert werden!

Mit zwei ganz konkreten Aufgaben erinnert Paulus die christliche Gemeinde an ihre Verantwortung für andere:
„Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft.“
Mit den „Nöten der Heiligen“ sind die Probleme der verarmten Christen in Palästina gemeint.
Schon damals fordert Paulus also die christliche Gemeinde dazu auf, notleidende Schwestern und Brüder nicht zu vergessen.
Und diese Solidarität – nicht nur, aber auch unter Christen – ist, wie wir alle wissen, bis heute nötig.
In der Kirchengemeinderatssitzung in der kommenden Woche werden wir beschließen, welches so genannte „Welt-

missionsprojekt“ wir von unserer Gemeinde aus in diesem Jahr unterstützen werden. Da fließen Kirchensteuermittel hinein; aber genauso groß ist die Summe, die wir aus Spenden und Opfern aufbringen müssen.

Die Aufforderung zur Gastfreundschaft bekommt für uns heute eine etwas andere Bedeutung als für die christliche Gemeinde in Rom. Sicher, bei Kirchentagen oder ähnlichen Veranstaltungen geht es ganz konkret darum, christliche Glaubensgeschwister in der eigenen Wohnung aufzunehmen. Damals in der Welthauptstadt Rom dürfte es viele Durchreisende gegeben haben, die auf Unterkunft angewiesen waren. Die Gastfreundschaft wird für Paulus zu einem ganz besonderen Zeichen des Glaubens und der Liebe.

Wenn wir heute von den „Nöten der Heiligen“ und von der Notwendigkeit der „Gastfreundschaft“ hören, kommt uns natürlich noch anderes in den Sinn:
Wir denken an Christen, die ihren Glauben nicht offen leben können; die sich verstecken müssen und offen bedroht werden.
Und wir sehen Menschen vor uns, die vor der Armut und dem Leid in ihrer Heimat fliehen in der Hoffnung auf

Leben und Freiheit hier bei uns in Europa.
Wie sieht es da mit unserer Gastfreundschaft aus?
Und wieder stellen wir fest: Die Mahnungen des Paulus an die Gemeinde in Rom sind und bleiben aktuell bis heute!

Das gilt auch für das Folgende:
„Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.“
Paulus hält fest an der Feindesliebe, für die sich Jesus stark gemacht hat.
Wer so denkt, redet und handelt eckt an in der Welt – damals wie heute.
„Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen.“
Das ist ein Zitat aus der Neujahrspredigt von Bischöfin Käßmann, die große Wellen geschlagen hat.
Wer von gängigen Denkmustern abweicht, dem oder der wird von anderen schnell Naivität unterstellt.
Aber es kann doch nicht sein, dass es Denk- und Redeverbote gibt; es darf nicht sein, wenn wir die Worte des Apostels Paulus ernst nehmen, dass wir der Logik des Freund-Feind-Schemas zustimmen, ohne nach anderen, nach neuen

Wegen des Zusammenlebens zu suchen.
„Segnet, die euch verfolgen; segnet, und flucht nicht.“
Das ist kein leichter Weg – der Weg der Liebe ist steinig.

Wenn Paulus die Christen in Rom auffordert: „Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden“, dann steht uns heute das Leid der Menschen in Haiti vor Augen.
Die Katastrophe eines solch verheerenden Erdbebens erschreckt uns alle. Das „Weinen mit den Weinenden“ muss aber zum Handeln führen, das Hilfe möglich macht.
Wer, wie wir alle, nicht selbst Hand anlegen kann, hat doch die Möglichkeit, durch Spenden dazu beizutragen, dass andere helfen können.
Das Erdbeben hat aber noch eine ganz andere Katastrophe wieder in unser Bewusstsein gerufen: Die grenzenlose Armut in einem Land, das in unserer Berichterstattung kaum noch vorkam.
Nicht nur einzelne große Katastrophen sollten unser Mit-Leid auslösen – das „Weinen mit den Weinenden“ – und dann auch unser Handeln, sondern eben auch die andauernden und alltäglichen Katastrophen von Hunger, Armut und Ungerechtigkeit in unserer Welt.
Unsere Welt ist kleiner geworden.

Wir können heute die Augen nicht mehr verschließen vor der Not unserer fernen Brüder und Schwestern.

Wir wissen alle, wie schwer es ist, konkret zu helfen.
Was wir tun können, mag uns vorkommen, wie ein Tropfen auf den heißen Stein.
Mir ist zum Schluss noch einmal der Gedanke wichtig, dass Paulus uns Christenmenschen nicht nur ermahnt, so und so zu leben, dies oder das zu tun; dass er uns nicht mit Forderungen überschüttet; sondern dass er uns zutraut, auf der Grundlage der Liebe Gottes zu uns Möglichkeiten zu finden, dieser Liebe entsprechend zu handeln und zu leben.

Dazu sind wir eingeladen, als Brüder und Schwestern im Glauben: Im Vertrauen auf Jesus Christus nicht müde zu werden, nach dem zu suchen, was Leben und Liebe nicht behindert, sondern fördert.

Amen.
Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de