Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

17.07.11 Gen50, 15-21

Predigt am 17.07.2011 über Genesis 50, 15-21

Familiengeschichten haben es in sich, liebe Gemeinde.

Im Guten – und leider manchmal auch im Bösen.

Gemeinsame Erinnerungen; die Erfahrung, nicht allein zu sein; nicht nur auf ein Gegenüber angewiesen zu sein, sondern mal mit dem einen, mal mit der anderen reden oder etwas unternehmen können; manches auch, was sich gemeinsam leichter ertragen lässt.

Aber eben auch: Neid und Eifersucht; Streit und Verbitterung; alte Geschichten, die immer wieder ausgegraben werden; Unausgesprochenes, das unter der Oberfläche rumort und von da plötzlich hervorbricht.

Das alles und noch viel mehr – ja, Familiengeschichten haben es in sich.

 

In eine besondere Familiengeschichte werden wir heute durch unseren Predigttext mit hineingenommen – besser gesagt werden wir zu Zeugen des guten Endes einer Geschichte, die auch ganz anders hätte ausgehen können;

einer Geschichte, in der niemand mit diesem „Ende gut, alles gut“ hatte rechnen können – weder die Beteiligten selbst

 

noch diejenigen, die diese Erzählung zu hören bekamen.

Es ist die spannend erzählte Geschichte von Josef am Ende des 1. Mosebuchs. Unser Predigttext ist dem Schlussteil entnommen; wir hören aus 1. Mose 50 die Verse 15-21:

 

„15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17 So sollt ihr zu Josef sagen: „Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!“

Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

18 Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: „Siehe, wir sind deine Knechte.“

19 Josef aber sprach zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? 20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.“

Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.“

 

Die Josefsgeschichte erzählt davon, wie es dazu kam, dass die Israeliten in Ägypten sesshaft wurden – dort, wo sie später unterdrückt wurden und als Sklaven lebten.

Vom „Exodus“, von der für den jüdischen Glauben grundlegenden Befreiungserfahrung, wird dann im zweiten Buch Mose erzählt.

 

Aber zurück zum Beginn dieser Geschichte.

Von Anfang an geht es da um innerfamiliäre Spannungen, um Neid und Eifersucht unter Geschwistern.

Josef ist der zweitjüngste Sohn Jakobs, einer von zwölfen, die vier verschiedene Mütter haben.

Klingt kompliziert… – und ist es wohl auch!

Auch wenn es damals durchaus üblich war, dass ein Mann mehrere Frauen hatte – von Streit und Eifersucht zwischen diesen Frauen weiß schon die Jakobsgeschichte.

Der Vater Jakob, so wird erzählt, hatte Josef lieber als seine Brüder – Josef, den Sohn seiner Lieblingsfrau Rahel, der geboren wurde, als er selbst schon alt war.

Josef steigt das zu Kopf; und er verpetzt die Brüder beim Vater, wenn sie Unrechtes tun.

Als er dann auch noch ein besonders schönes Kleid vom Vater geschenkt bekommt und dadurch seine Sonderstellung offensichtlich wird, ist das der Tropfen, der bei den Brüdern das Fass zum Überlaufen bringt.

Wer wollte es ihnen verdenken?

Da ist einer, der immer bevorzugt wird, der mehr abbekommt von der Liebe seines Vaters.

Es ist doch verständlich, dass sie vergleichen – so sind Geschwister; und sie nehmen die Unterschiede genau wahr, auch die ganz feinen.

 

Und Josef, der sich offensichtlich wohl fühlt in seiner Sonderrolle, beginnt zu träumen – er träumt von einer großen Zukunft.

Er träumt von Garben auf dem Feld – die Garben der Brüder verneigen sich vor der Seinen; und dann auch noch von Sonne, Mond und elf Sternen – auch sie verneigen sich vor ihm.

Da wird es selbst dem Vater Jakob zu bunt.

 

Das Unheil nimmt seinen Lauf.

Eifersucht hat sich ins Herz der Brüder gefressen.

Ihr Hass ist gewachsen; sie wollen Josef nur noch los werden.

 

Wir wissen, wie es weitergeht:

Jakob schickt Josef zu seinen Brüdern aufs Feld; dort packen sie ihn und werfen ihn in eine Zisterne.

Ihn zu töten – davor schrecken sie dann doch zurück.

So wird Josef verkauft an eine vorbeiziehende Karawane.

Dem Vater erzählen die Brüder, ein wildes Tier hätte Josef gefressen.

 

Steigen wir hier kurz aus der Geschichte aus und erinnern uns an unseren Predigttext:

„Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben“ – wenn wir das alles hören, dann wird diese Angst verständlich!

Und ich versuche mir vorzustellen, wie die Brüder leben mit ihrer Schuld – Jahr um Jahr; wie sie an ihnen nagt, wenn sie sehen, dass ihr Vater nicht aufhören kann, um Josef zu trauern.

 

Sie können ja nicht wissen, wie es mit Josef weitergeht.

Für sie ist er einfach verschwunden, und sie müssen damit rechnen, dass er irgendwo als Sklave verkümmert oder dass sein Leben tatsächlich bald zu Ende gegangen ist.

Doch Josef kommt in Ägypten zu Ruhm, Ansehen und Macht.

Vom Sklaven des Potifar, des Obersten der Leibwache des Pharaos, steigt er auf zum Stellvertreter des Pharaos selbst.

Es ist kein gerader Weg „nach oben“; Josef erlebt immer wieder Situationen, in denen er gefangen ist wie damals tief im Brunnenschacht.

Doch Gott lässt Josef nie allein, lässt ihn nie fallen – das wird in der Geschichte immer wieder betont.

Und Gott ist es, der den Josef verstehen lässt, was andere träumen – so deutet er zuletzt dem Pharao seine Träume, was diesen veranlasst, Josef zum Aufseher über ganz Ägypten zu machen.

Er selbst soll dafür sorgen, dass in den „sieben fetten Jahren“, die im Traum des Pharaos angekündigt waren, Vorsorge getroffen wird für die sieben Hungerjahre, die danach kommen.

 

Und so kommt es später zur Begegnung Josefs mit seinen Brüdern, die nach Ägypten reisen, um Korn zu kaufen.

Er erkennt sie sofort; doch sie wissen nicht, mit wem sie es zu tun haben – wie sollten sie auch diesen reichen, mächtigen ägyptischen Herrn mit dem verhassten und fast vergessenen Bruder in Verbindung bringen?

Josef gibt sich nicht sofort zu erkennen.

 

Er „spielt“ zunächst mit seinen Brüdern.

Er verlangt von ihnen, noch einmal wiederzukommen und dann auch Benjamin, den Jüngsten mitzubringen.

Will er sie prüfen, ob sie ihrem Vater Jakob auch das noch antun werden? Will er ihnen Angst machen?

 

Doch dann gibt er sich zu erkennen und die Geschichte scheint schon hier ein gutes Ende zu nehmen.

Josef sagt zu seinen Brüdern: „Bekümmert euch nicht und denkt nicht, dass ich darum zürne, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn um eures Lebens willen hat mich Gott vor euch hergesandt.“ (Gen. 45, 5)

Da klingt schon die Deutung an, die dann auch in unserem Textabschnitt zur Sprache kommt: So schwer mein Weg war, er hatte einen guten Sinn.

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen…“.

 

Das kann Josef jetzt sagen, im Nachhinein, im Rückblick.

Im dunklen Loch der Zisterne, im kalten Keller des Gefängnisses, gefangen in Angst und Aussichtslosigkeit –

da kommen einem solche Worte wohl kaum über die Lippen!

Und wir wissen es alle: Es gibt Zeiten in unserem Leben, in denen wir mit dem besten Willen nichts „Gutes“ entdecken können.

Und wir wissen auch: Nicht alles kommt zu einem guten Ende; auch im Rückblick bleibt manchmal nur zu sagen:

Es war schwer – und es ist schwer geblieben.

Das gilt auch für Familiengeschichten, die es in sich haben.

 

Hier ist es anders.

Und ich verstehe die Josefsgeschichte auch als eine Einladung dazu, trotz allem Auf und Ab des Lebens das „Gottvertrauen“ nicht zu verlieren;

ich verstehe sie als eine Einladung dazu, den Traum von einem guten Ende nicht aufzugeben.

 

Die Geschichte hätte auch böse enden, Josef hätte seine Macht nützen können, um es seinen Brüdern so richtig heimzuzahlen. Das wissen sie; und das macht ihnen Angst.

 

Neid, Eifersucht, Streit können so weit gehen, dass eine Begegnung zwischen Menschen nicht mehr möglich ist.

Ihre Beziehung ist tot; man hat einander nichts mehr zu sagen und will mit dem anderen nichts mehr zu tun haben.

 

Auch Familiengeschichten enden manches Mal so.

 

Die Josefsgeschichte mit ihrem guten Ende zeigt aber:

Es geht auch anders.

Eigentlich hatte es dieses gute Ende ja schon gegeben, als die Brüder ihren Vater Jakob nach Ägypten geholt und sich mit ihm hier niedergelassen hatten.

Doch als Jakob Jahre später stirbt, bekommen es die Brüder erneut mit der Angst zu tun.

Sie leben ja jetzt in einem fremden Land.

Und ihr Bruder Josef, dem sie so übel mitgespielt hatten, hat alle Macht, sich an ihnen zu rächen.

Ihre Schuld holt sie ein.

Und sie fragen sich: Hat Josef bis jetzt nur um des Vaters willen nichts getan; kommt jetzt die Stunde seiner Rache?

 

Wir sind hier an einem entscheidenden Punkt unserer Geschichte angekommen.

Die Brüder werden von ihrer Vergangenheit, von ihrer

Schuld eingeholt.

Was verdrängt, was unter den Teppich gekehrt wurde, lässt ihnen keine Ruhe mehr.

Jetzt wäre die Zeit gekommen, reinen Tisch zu machen –

 

zur eigenen Schuld zu stehen und um Vergebung zu bitten.

Sie merken, dass sie nur so sich lösen können aus der Verstrickung ihrer Angst.

 

Schuld benennen und bekennen; zu eigenen Fehlern stehen – das ist nicht leicht!

Und auch die Brüder schaffen es nicht „direkt“; sie kleiden ihr Schuldbekenntnis in ein Vermächtnis des verstorbenen Vaters Jakob: „Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.“

Aber wie dem auch sei –

vor dem „guten Ende“ dieser Geschichte ist es nötig, dass auf den Tisch kommt, was nicht gut war; dass Fehler, dass Schuld, dass Verletzungen benannt werden.

Nur so kann Vergebung zugesprochen werden, die wirklich befreit – denn Vergebung ist mehr, als einfach zu sagen: War ja nicht so schlimm; ist ja noch mal gut gegangen!

 

Die Brüder stehen zu ihrer Schuld.

Und Josef?

Er beginnt seine Antwort mit einem „göttlichen Zuspruch“, mit einem „Engelswort“, das wir aus der Weihnachts- und aus der Ostergeschichte kennen: „Fürchtet euch nicht!“

Und er überlässt das Urteil über die Schuld seiner Brüder einem höheren Richter; er überlässt es dem Gott, den er in seinem eigenen Leben als gnädigen, als barmherzigen Gott erlebt hat.

Gottes Gnade lässt auch Josef gnädig sein.

Und so beruhigt er, so tröstet er seine Brüder.

 

„Josefs Edelmut“ steht als Überschrift über diesem Abschnitt in unserer Lutherbibel.

Ein altertümliches Wort, das heute wohl kaum noch verwendet wird.

Es ist ein Zeichen von Größe, die hier im Reden und Handeln Josefs deutlich wird.

Ich weiß nicht, ob ich solche Größe hätte.

Sie lässt mich staunen – so wie ich über die Worte Jesu am Kreuz staune, der für die bittet, die ihn quälen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

 

Zwei „Erkenntnisse“ sind es, die ich für mich aus unserer Geschichte mitnehmen möchte:

 

Zum einen: Ein gutes Ende ist möglich für den, der Schuld auf sich geladen hat; doch es braucht Kraft und Mut, zu dem zu stehen, was man falsch gemacht, wo man andere verletzt hat.

 

Und das andere: Ich möchte den Traum von einem guten Ende nicht verlieren – trotz allem Auf und Ab, in dem sich unsere Lebensgeschichte bewegt.

Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass Gott auch aus dem, was das Leben schwer macht, Gutes wachsen lassen kann.

 

„Fürchtet euch nicht!“

 

Amen.

 

 

 

 

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