Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

18.07.10 KSV-Jubiläum

Predigt am 18.07.2010 im ökumenischen Gottesdienst zum 100-jährigen Jubiläum der KSV Hoheneck unter dem Thema: Gib doch mal ab!“

(Psalm 25, 23 und 1. Petr. 5, 7)

 Pf. Matthias Bauschert

 Ein Jubiläum, liebe Festgemeinde, ist immer ein Grund, zu feiern – ein runder Geburtstag, bei dem eine Person im Mittelpunkt steht; ein Ehejubiläum, bei dem dann schon zwei miteinander feiern; oder eben auch ein Vereinsjubiläum, das all die zum Feiern einlädt, die sich dem Verein verbunden fühlen.

Anlässe zum Feiern gibt es für die KSV Hoheneck in diesem Jahr genügend; und alles steht unter der Überschrift „Die ersten 100 Jahre“.

 Ein „sportliches“ Motto haben wir für diesen Festgottesdienst herausgesucht: „Gib doch mal ab…!“

 Ein erstes Beispiel: Wir alle erinnern uns an die Spiele der Fußballweltmeisterschaft, die ja erst vor einer Woche zu Ende gegangen ist. Da gab es Spiele, bei denen es eine Freude war, zuzusehen. Und zwar immer und vor allem dann, wenn der Ball hin- und hergelaufen ist; eben wenn „abgegeben“ wurde. Aus solchem Zusammenspiel heraus haben sich dann auch die besten Torchancen ergeben.

Ganz anders war es aber, wenn mit einem der „Superstars“ doch mal wieder der Ehrgeiz durchgegangen ist; wenn er sich allein durchgekämpft hat bis kurz vors Tor, um dann zu schießen, obwohl er eingekreist war von Abwehrspielern. Die Lücke zu seinem Mitspieler, der ganz frei stand, hat er dabei übersehen.

„Mensch, gib doch ab“, hätte man ihm da zurufen wollen.

 Beim Fußball, bei allen Mannschaftsspielen versteht es sich von selbst: Nur, wo zusammengespielt wird; nur, wo einer dem andern „abgibt“, kann die Mannschaft insgesamt Erfolg haben.

 Ein zweites Beispiel: Es gibt viele Berufe und ehrenamtliche Aufgaben, die die Gefahr in sich bergen, dass man sich immer mehr und immer mehr auflädt – ohne dabei zu bedenken, dass der eigenen Kraft, der Belastungsfähigkeit Grenzen gesetzt sind.

Natürlich, vieles lebt vom Einsatz und vom Engagement einzelner – in der Berufsarbeit genauso wie im Vereinsleben.

 Was wäre ein Verein ohne einen Vorstand und einen Vorsitzenden, ohne die Abteilungsleiter, die sich Gedanken darüber machen, was als Nächstes dran ist; ohne die Übungsleiter, die sich selbst mit ihrer Zeit und ihrer Kraft einbringen und einsetzen für das, was ihnen wichtig ist?

Ja, es braucht Menschen, die von einer Sache begeistert und deshalb bereit sind, besondere Aufgaben zu übernehmen.

 Aber niemand kann auf Dauer immer nur Leistung bringen – das gilt im Ehrenamt genauso wie im Beruf; in einer Kirchengemeinde genauso wie im Verein.

Wenn sich niemand anbietet zum „Abgeben“, zum „Mittragen“, dann werden diejenigen, die besondere Verantwortung übernommen haben, irgendwann an ihren Aufgaben erliegen.

Eine Gemeinschaft, ein Team, eine Mannschaft lebt davon, dass alle sich einsetzen für die gleichen Ziele.

 Es gibt aber auch das andere, im Beruf wie im Verein – dass Menschen sich für unersetzbar halten; dass sie meinen: nur, was ich selbst mache, wird richtig gemacht; dass sie anderen nichts zutrauen; dass sie nichts von dem, was sie sich zur Aufgabe gemacht haben, mehr loslassen können.

 Das schadet ihnen selbst, weil sie irgendwann an der Fülle der Aufgaben erliegen werden.

Das schadet aber auch der Gemeinschaft, weil andere sich dann – zu Recht – fragen, wozu sie überhaupt gebraucht werden.

„Gib doch mal ab!“, möchte man auch hier rufen.

Gib etwas von deinen Aufgaben ab und auch von deiner

Verantwortung; und trau anderen zu, dass sie auch etwas auf die Reihe bringen.

 „Gib doch mal ab!“

Das ist doch eigentlich eine tolle Aufforderung.

Denn oft ist es ja so, dass andere immer noch mehr und noch mehr von einem wollen.

Wir hören eher: „Mach das doch auch noch“ als „Gib doch mal ab!“

Diese Aufforderung ermutigt uns dazu, andere mit einzubeziehen – eben nicht nur beim Fußball oder beim Handball, sondern auch im Leben.

Wie gut, dass es Gemeinschaft gibt, dass wir einander haben und andere mit hinein nehmen können in die Aufgaben, die uns täglich gestellt sind.

Wie gut, wenn ich etwas erledigt habe und es dann auch gut sein lassen und an andere abgeben kann. 

Aber manchmal gelingt es dann doch nicht loszulassen – weil kein anderer da ist, dem ich einen Teil von meinen Aufgaben abgeben könnte;

oder weil ich gar nicht abgeben will, weil ich das Spiel lieber selbst bestimmen will oder weil ich einfach überzeugt davon bin, selber sowieso alles besser zu können.

 So versuche ich dann eben, mit den Herausforderungen alleine fertig zu werden – allein und aus eigener Kraft.

Bis ich irgendwann merke: Es wird zu viel, ich kann nicht mehr.

Dann wird es höchste Zeit, die „Spieltaktik“ zu überdenken; dann wird es höchste Zeit, dem Leben eine neue Richtung zu geben.

Abgeben – zusammenspielen.

 

„Gib doch mal ab!“

Eine selbstverständliche Aufforderung auf dem Spielfeld; einleuchtend auch für das „Spiel des Lebens“, zwischen Mensch und Mensch – in Verein und Kirche, im Beruf und in der Familie.

 

Und darüber hinaus?

Für mich bringt diese Aufforderung etwas zum Ausdruck, was grundlegend und zutiefst etwas mit unserem christlichen Glauben zu tun hat; was etwas zu tun hat mit dem Zusammenspiel von Gott und Mensch.

 

Abgeben! Mensch, gib doch mal ab!

Das könnte so etwas wie eine moderne Übersetzung eines alten Psalmverses sein:

In Psalm 55, 23 heißt es: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen!“

In 1. Petrus 5, 7 wird dieses Psalmwort wieder aufgegriffen: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Und auch in der Schriftlesung vorher aus der Bergpredigt Jesu haben wir die Aufforderung zur Sorglosigkeit gehört, die damit begründet wird, dass Gott selbst es ist – so heißt es da –, der weiß, was wir brauchen.

 

Da gibt es also noch einen „Mitspieler“ in diesem „Spiel des Lebens“.

Und das ist einer, der nicht immer mehr und immer noch mehr von uns fordert, sondern der uns im Gegenteil diesen entlastenden Satz zuruft: „Mensch, gib doch ab!“

 

Ich denke, da wird uns so manches in den Sinn kommen, wo es uns gut täte, Belastendes abgeben zu können:

All die Sorgen, die wir uns machen – über unser eigenes Leben, wenn wir nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll; wenn Krankheit einen Strich macht durch alle unsere Pläne; wenn wir Angst haben vor einer ungewissen Zukunft.

All die Sorgen, die wir uns machen – im Blick auf die Menschen, die uns nahe stehen: die Kinder, die groß geworden sind und die jetzt ihre eigenen Wege gehen; die Eltern, die alt geworden und auf Hilfe angewiesen sind; die Freunde, deren Ehe zerbrochen ist.

All die Sorgen, die wir uns machen – über die Zukunft unserer Kirchen, wenn wir sehen, dass es immer weniger werden, die Halt finden im christlichen Glauben; und wenn wir nicht verstehen, dass es keinen Weg zur Einheit aller Menschen christlichen Glaubens geben soll.

All die Sorgen, die wir uns machen – beim Blick auf unsere Welt, in der so vieles nicht in Ordnung ist: Krieg, Hass und Gewalt in vielen Ländern; Ungerechtigkeit und Armut; Umweltzerstörungen ohne Ende.

 

Und dann gibt es noch die vielen „kleinen Lasten“, die uns immer wieder auf der Seele liegen und die uns das Leben

 

schwer machen.

 

Da hinein höre ich die Aufforderung: „Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen!“

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Da hinein höre ich die Ermutigung: „Gib doch mal ab!“

Bring vor Gott, was dich belastet.

Sprich aus, was dir auf der Seele brennt.

Lass los, was dich gefangen nimmt.

Leg ab, was dir zu schwer wird.

 

Und ich höre den Zuspruch Gottes:

„Ich habe ein offenes Ohr für deine Sorgen und Nöte. Wo du alleine nicht mehr weiter kommst, bin ich da. Wenn du müde bist, wenn du keine Kraft und keinen Mut mehr hast zum Weitermachen, dann will ich deine Lebensgeister wieder neu in dir wachrufen.“

 

Aber – und das müssen wir uns auch immer wieder klar machen: Gott will nicht nur dann für uns da sein, wenn uns das Leben schwer wird. 

Er wartet nicht nur dann darauf, von uns zu hören, wenn wir seine Hilfe brauchen.

 

Deshalb ist es gut, wenn wir, so wie jetzt bei diesem Jubiläum, voller Dankbarkeit und Freude miteinander einen Gottesdienst feiern –

aus Dankbarkeit darüber, dass auch durch schwere Zeiten hindurch etwas wachsen konnte, was jetzt schon seit 100 Jahren Bestand hat und weiter gedeiht;

aus Dankbarkeit darüber, dass in diesem Verein Menschen in verschiedenen Sportarten oder beim Singen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen konnten, die ihnen gut tut;

aus Dankbarkeit darüber, dass weit mehr als die Hälfte dieser 100 Jahre Friedensjahre waren.

 

Es ist gut, wenn Menschen Gemeinschaft erleben, im Sport oder beim Singen; wenn es engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, die miteinander etwas aufbauen, was auch für andere einladend wirkt.

Es ist gut, wenn Menschen zusammenkommen, die die gleichen Interessen haben; die Lust haben am sportlichen Wettkampf und die trainieren, um Erfolg zu haben.

 

Aber darüber hinaus – und das sage ich jetzt nicht, weil ich als Pfarrer halt so reden muss, sondern weil ich zutiefst davon überzeugt bin – darüber hinaus brauchen wir alle eine

 

Grundlage für unser Leben, die wir uns selbst nicht schaffen können; wir brauchen einen, der uns hält, weil wir sonst den Halt zu verlieren drohen.

Wir brauchen diesen göttlichen Zuspruch, den wir uns selbst nicht geben können:

Mensch, es ist genug, was du dir aufgeladen hast.

Nicht deine Leistung ist es, auf die es ankommt.

Gib doch mal ab, lass los.

 

Wer sich das zusprechen lässt, immer wieder, kann daraus neue Kraft schöpfen, neue Lebensenergie.

Wer das hört, wird manches vielleicht auch weniger verbissen sehen.

„Wirf dein Anliegen auf den Herrn, der wird dich versorgen!“

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

 „Gib doch mal ab!“

 

Amen.

 

 

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