Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

20.12.09 Philipper 4, 4-9

Predigt am 20.12.2009 über

Philipper 4, 4-9

Pfarrer Bauschert

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“
Diesen zuversichtlichen, diesen tröstlichen Text von Diet-rich Bonhoeffer kennen viele, liebe Gemeinde.
Schon oft haben wir ihn gehört oder gesungen – nicht nur, aber auch bei Trauergottesdiensten.
Geborgenheit, Zuversicht, Hoffnung – all das vermitteln diese Worte; manchmal entspricht das dem, was wir erle-ben; ein anderes Mal steht es quer zu unseren Erfahrungen.

Von Freude, von überquellender Freude spricht unser heutiger Predigttext, ein Abschnitt eines Briefs des Apostels Paulus an die Gemeinde in Philippi.
Wir hören aus Philipper 4 die Verse 4 bis 9:
„4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! 5 Eure Güte lasst kund sein allen Men-schen! Der Herr ist nahe! 6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, be-wahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid be-dacht! 9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.“

Beide Texte, liebe Gemeinde – der Dietrich Bonhoeffers und der des Paulus – beide Texte voller Zuversicht, Hoffnung und Freude sind verbunden nicht nur durch den Glauben an Jesus Christus, auf den sie sich gründen, sondern auch durch den Ort ihrer Entstehung. Davon werden wir nachher noch hören.

Ich möchte heute – in einem fiktiven Brief an Paulus – Ge-danken formulieren, die einem in den Sinn kommen kön-nen, wenn man seine Worte heute hört. Ich fange einfach mal an zu schreiben – mal sehen, wie weit ich komme…

Lieber Paulus,
gestatten Sie mir, Sie so zu nennen; einen anderen Namen

von Ihnen oder gar einen Nachnamen kenne ich nicht.
Gerade ist mir ein Abschnitt aus Ihrem Brief zu Ohren ge-kommen, den Sie vor vielen, vielen Jahren an die christliche Gemeinde in Philippi geschrieben haben.
Das, was Sie damals zu sagen hatten, muss wohl so wichtig sein, dass wir es noch heute in unseren Gottesdiensten vor-lesen. Also muss es ja auch etwas mit uns zu tun haben. Und deshalb getraue ich mich, Ihnen einfach einmal darauf zu antworten.
„Freuet euch!“, rufen Sie uns zu. Und das gleich zweimal!
Das klingt für mich eigenartig.
Entweder ich habe einen Grund – oder vielleicht auch meh-rere –, mich zu freuen. Dann freue ich mich einfach, auch ohne Aufforderung.
Oder ich habe keinen Grund – dann hilft mir auch Ihr Aufruf zur Freude nichts. Sich freuen auf Befehl? Das geht doch nicht!
Wissen Sie, ich denke, heute haben bei uns viele keinen Grund, sich zu freuen. Zu viel steht dem im Weg:
Die Angst davor, wie es mit der Wirtschaft bei uns weiter geht; manche wissen nicht, ob sie ihren Arbeitsplatz auch
im nächsten Jahr noch haben werden.
Viele sorgen sich um den Klimaschutz; wir merken ja

schon, wie schwer es uns selbst fällt, unser Verhalten zu ändern – und die, die Großes zu entscheiden haben, finden auch keine Lösung!
Unsere Welt heute ist voll von Hass und Gewalt. Im Kampf gegen den Terror sterben viele Unbeteiligte – und selbst ein Friedensnobelpreisträger ist überzeugt davon, dass es ohne militärische Gewalt nicht geht.
Von anderem will ich gar nicht reden – von zerrissenen Familien; von Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder nicht mehr klar kommen; von Jugendlichen, die für sich keine Zukunft sehen.

Und da kommen Sie, lieber Paulus, mit Ihrer Aufforderung zur Freude – das klingt doch etwas hohl, finden Sie nicht?
Sie müssen sich schon in einer besonders guten und komfor-tablen Lebenslage befinden, dass Sie so schreiben können!
„Sorgt euch um nichts!“ Dass ich nicht lache!
Wie soll das denn gehen angesichts all dessen, was uns heu-te das Leben so schwer macht?

Hier müssen wir unseren Briefschreiber jetzt kurz unterbrechen, denn es fehlt ihm eine wichtige Infor-mation:
Zur Zeit der Abfassung des Briefs an die Gemeinde in

Philippi saß Paulus – im Gefängnis!
Also von wegen „gute und komfortable Lebenslage“.
Paulus weiß nicht, wie es mit ihm weitergehen wird; er weiß nicht, ob er das Gefängnis als freier Mann verlassen kann oder ob sein Leben hier zu Ende geht.
Und das ist es auch – vermutlich wissen Sie es schon längst – was ihn mit dem Theologen Dietrich Bonhoeffer verbin-det, einem Zeugen für Jesus Christus aus dem 20. Jahrhundert. Er war von den Nazis eingesperrt und später hingerichtet worden.
„Von guten Mächten wunderbar geborgen…“
„Freut euch, sorgt euch nicht…“
Das bekommt auf diesem Hintergrund einen ganz anderen Klang!
Die Sorgen und Nöte unserer Zeit, die unser Briefschreiber formuliert hat, haben ihr Gewicht und dürfen nicht verharmlost werden.
Aber sie erscheinen in einem neuen Licht, wenn Paulus und Bonhoeffer trotz ihres Gefangenseins, trotz der existentiellen Bedrohung ihres Lebens so reden können!

Hören wir, wie der Brief an Paulus nach diesen Informatio-nen weitergeht:

Lieber Paulus,
ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Das habe ich nicht gewusst! Mir ist dadurch jetzt zumindest eines klar gewor-den: Über das, was uns das Leben schwer macht, können wir manchmal nicht mehr hinaussehen. Wir sehen nur noch das Eigene, anderes nehmen wir gar nicht wahr!
Aber verstehen kann ich es noch nicht, wie Sie so reden kön-nen – ich muss mir Ihren Brief noch einmal genauer an-schauen. Was ist der Grund für Ihre Freude?
Ach ja, da finde ich etwas, einen ganz kurzen Satz:
„Der Herr ist nahe!“
Das wird es sein! Natürlich, das feiern wir doch gerade. Wir haben ja heute den 4. Advent, befinden uns also kurz vor Weihnachten. Die Geburt des Jesuskindes haben wir vor Augen – ja, er ist nahe! Und wir sollen uns freuen auf Weih-nachten mit allem, was dazu gehört: die Weihnachtsge-schichte und das Krippenspiel, der Christbaum und die Ker-zen, die Geschenke und das gute Essen.
Freut euch, der Herr ist nahe! Ja, das kann ich verstehen.

Jetzt müssen wir unseren Briefschreiber leider schon wieder unterbrechen. Denn da sitzt er einem Missverständnis auf.
Natürlich verstehen wir den Text so, wenn wir ihn heute am

4. Advent hören; selbstverständlich denken wir an die Menschwerdung Gottes im Stall von Bethlehem.
Dort wurde Gott einer von uns; einer, der das Leben mit all seinen Schattenseiten kennt – bis zum Tod.
„Der Herr ist nahe“ – Gott wurde ganz Mensch, damals in Bethlehem.
Aber geht es dem Paulus wirklich um Weihnachten?
Das Weihnachtsfest gab es zu seiner Zeit vermutlich noch gar nicht – sicher nachzuweisen ist es erst ab dem 4. Jahrhundert; und die für unsere Ohren so selbstverständliche Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas – „Und es begab sich aber zu der Zeit…“ – auch die dürfte Paulus noch nicht gekannt haben; zumindest erwähnt er sie nirgends.

Und wieder lesen wir weiter in unserem fiktiven Brief und hören darauf, wie unser Briefschreiber diese neuen Erkenntnisse verarbeitet:

Lieber Paulus,
das kann ich mir jetzt kaum vorstellen – dass Ihr damals noch nicht Weihnachten gefeiert habt!
Das ist doch für uns das wichtigste Fest im Jahr; da meint man dann, es war schon immer so.

Aber da fällt mir gerade ein: Der Christbaum und vieles andere, was für uns zu Weihnachten dazu gehört, ist ja auch eine viel spätere Tradition – und hat mit der Menschwer-dung Gottes ja nicht direkt etwas zu tun.
Aber wovon sprechen Sie dann, lieber Paulus, wenn Sie schreiben: „Der Herr ist nahe; deshalb könnt ihr euch freu-en, deshalb braucht ihr euch keine Sorgen zu machen!“?
„Der Herr ist nahe“ – richtig, da geht es doch noch um eine ganz andere Erwartung; um eine Hoffnung, die wir heute aus unserem Denken ziemlich ausgeklammert haben.
Da geht es doch darum, dass der, der als Mensch geboren wurde, der unser Leben geteilt hat und unseren Tod, der gestorben ist und auferstanden – dass der wiederkommen wird.
Ist das für Sie der „nahe Herr“, lieber Paulus: Christus, der wiederkommen wird?
Ich erinnere mich: Darauf haben Sie und die ersten Christen zuversichtlich gehofft; und als dann die ersten gestorben waren und Christus noch immer nicht wieder gekommen war, da gab es viele Zweifel; da haben sich nicht wenige vom Glauben abgewandt.
Wir blicken heute ja inzwischen auf viele Jahrhunderte Ge-schichte und Kirchengeschichte zurück.

Da gab es überaus fromme Männer, die meinten, das Da-tum der Wiederkunft Christi berechnen zu können.
Aber so nah war er dann doch nicht! Oder meinen Sie, lieber Paulus, noch etwas ganz anderes?

Noch einmal steigen wir hier aus dem Brief an Paulus aus.
Die Naherwartung des Paulus hat sich nicht erfüllt. Und doch hören wir bis heute seine Worte, weil wir die Hoffnung auf den kommenden, den wieder-kommenden Herrn nicht aufgeben wollen, nicht aufgeben können.
Aber da muss es doch noch mehr geben:
Allein die Erinnerung an Jesus von Nazareth, wie er damals gelebt hat als Mensch unter Menschen – das wäre doch zu wenig; da würden wir hängen bleiben in einer vergangenen Geschichte, die zwar schön ist (gerade an Weihnachten hört man sie ja immer wieder gern!), aber eben weit von uns weg.
Allein die Hoffnung auf den kommenden Herrn – das wäre auch zu wenig; es würde die Menschwerdung Gottes ignorieren, würde übersehen, dass der, der kommen wird, derselbe ist, der schon gekommen ist.
Da muss es doch noch mehr geben…
Wie ist es mit der Nähe Gottes mitten in meinem Leben?
Hören wir noch einmal auf unseren Briefschreiber:

Lieber Paulus,
jetzt bin ich mir fast sicher, dass für Sie der „nahe Herr“, der Grund Ihrer Freude, noch eine ganz andere Bedeutung hat.
Das wird mir deutlich, wenn ich mir Ihre Lebenssituation im Gefängnis vor Augen führe.
Der Herr ist nahe – das heißt für Sie: Auch in diesem dunk-len Loch. Er hat ja selbst Dunkelheit und Kälte in dieser Welt kennen gelernt – was anderes will uns denn die Geschichte von seiner Geburt in einem stinkigen Stall erzählen?
Der Herr ist nahe – das heißt dann für uns: Auch da, wo es in unserem Leben dunkel ist; gerade da lässt er uns nicht allein.
Meine Zweifel, meine Sorgen, meine Ängste – ich kann sie ihm anvertrauen; im Gebet kann ich mit ihm sprechen, als ob er neben mir sitzen würde in meinem „Gefängnis“, wie auch immer das aussieht.
Beten, Bitten und Danken können mich froh machen, froh und frei; frei davon, immer nur um mich selbst zu kreisen; frei davon, mich in mir selbst zu verfangen.
Jetzt verstehe ich Sie besser, lieber Paulus!
Der Herr ist nahe – ja, seine Menschwerdung feiern wir an Weihnachten.
Der Herr ist nahe – ja, so nahe, dass er wieder kommen
wird. Er kommt uns entgegen am Ende der Zeit; und auch am Ende meiner Lebenszeit wird er mir nahe sein.
Der Herr ist nahe – das gilt aber auch jeden Tag; er ist nur ein Gebet weit entfernt! Egal, wo ich bin; egal, wie es mir geht.

So weit der Brief an Paulus.
Vielleicht kennen Sie das ja auch: Manches klärt sich von selbst, indem man es aufschreibt – wie hier in unserem Brief sogar an eine Person gerichtet, mit der ich einen fiktiven Kontakt aufnehme. Ob ich diesen Brief dann abschicke oder nicht, ist eine ganz andere Frage.

Wir sind dem Grund der Freude des Paulus auf die Spur gekommen – einer Freude, von der er weiter erzählen musste, damit auch andere daraus Kraft schöpfen können.
So wie die Christenmenschen in Philippi, die seinen Brief aufbewahrt und immer wieder gelesen haben; und so wie wir heute!
„Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe!“
Paulus hat noch mehr geschrieben in diesem Briefabschnitt, wir haben es gehört.

Er hat von den Konsequenzen geschrieben, die sich aus die-ser Freude ergeben, von Taten der Liebe, von „Taten der Freude“.
Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was das für unser Leben heißt – nicht nur in der Weihnachtszeit, beim „Fest der Liebe“, sondern eben weit darüber hinaus.
Das ist der Vorteil von Briefen: Man kann sie immer wieder zur Hand nehmen und nachlesen.

„Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, be-wahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“

Amen.
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