Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

21.11.10 Offenb. 21 1-7

Predigt am 21.11.2010 (Ewigkeitssonntag)

über Offenbarung 21, 1-7

 

 

„Ich bekomme die Bilder nicht aus dem Kopf!“

So, liebe Gemeinde, geht es vielen, die das Leiden und Sterben eines lieben Menschen miterlebt haben; die ihn vor sich sehen, von Krankheit und Alter geschwächt und zuletzt im Sarg liegend.

„Ich bekomme die Bilder nicht aus dem Kopf!“ – Bilder, die nicht vergehen wollen.

 

Daneben stehen aber auch andere Erinnerungen, andere Bilder – Bilder, die nicht vergehen sollen.

Ganz konkrete Bilder, die man als Fotografien in die Hand nehmen oder an die Wand projizieren kann; Erinnerungen an glückliche Tage und Stunden, an besondere Zeiten im gemeinsamen Leben – Bilder von der Hochzeit und von den Kindern, von Familienfeiern und großen Festen, von Reisen und gemeinsamen Urlaubstagen.

Und dann gibt es natürlich noch die anderen Bilder, die man in sich trägt; die nur für einen selbst sichtbar sind, wenn man an den Menschen denkt, den man verloren hat.

Bilder, die nicht vergehen sollen, weil man in der Erinnerung an miteinander Erlebtes Trost findet; weil man festhalten will, was schön war im Zusammenleben mit dem Menschen, der jetzt nicht mehr da ist.

 

Wer von einem lieben Menschen hat Abschied nehmen müssen, muss den Weg ins Leben wieder neu lernen.

Dabei kann dieser Blick zurück, können diese Bilder, die nicht vergehen sollen, helfen.

 

Durch den Seher Johannes wird uns im heutigen Predigttext ein ganz anderes Bild vermittelt – ein Bild, das seine Kraft nicht aus der Vergangenheit bezieht, sondern ganz und gar auf die Zukunft ausgerichtet ist; ein Sehnsuchtsbild, das auf die Verwandlung all dessen hofft, was jetzt das Leben so schwer und traurig macht; das darauf hofft, dass alles neu wird, dass Himmel und Erde – und dass auch wir selbst verwandelt werden.

 

Wir lassen uns dieses großartige Hoffnungsbild vor Augen malen mit den Worten aus Offenbarung 21, die Verse 1 – 7:

„1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,

 

und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.“

 

Ein neuer Himmel.

Eine neue Erde.

Der Tod wird nicht mehr sein.

 

Das sind kraftvolle Worte – Worte, die Sehnsucht wecken.

Worte, die Bilder malen.

Gegenbilder zu einer Wirklichkeit, die doch oft ganz anders aussieht.

So sollte es sein in unserer Welt, in meinem Leben:

Gott selbst wird abwischen alle Tränen!

 

Aber dann schieben sich wieder andere Bilder in den Vordergrund – die Bilder aus der Vergangenheit, die nicht vergehen wollen; für die einen ist es erst Tage oder Wochen her, dass sie haben Abschied nehmen müssen; für andere liegt es schon länger zurück – und tut doch heute noch weh.

Die Bilder, die nicht vergehen sollen, geben zwar Trost; aber sie wecken mit der Erinnerung auch immer wieder neu den Schmerz über das, was man verloren hat.

 

Neben diesen ganz persönlichen Verlusterfahrungen kommt mir aber noch anderes in den Sinn, das sich vor dieses Hoffnungsbild schiebt und es verdunkelt:

Ich denke an Menschen, deren Leben von Krankheit und Schmerzen geprägt ist – über viele Jahre hinweg.

Ich denke an Schwermütige, die gefangen sind in ihren dunklen Gedanken; geplagt von Ängsten, die sich nicht

 

greifen lassen.

Ich denke an zerstrittene Paare und Familien, die keinen Weg mehr zueinander finden.

Ich denke an Opfer von Hass, Gewalt und Krieg.

Ich denke an Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit; an Hunger und Armut.

Ein neuer Himmel? Eine neue Erde?

Ich sehe nichts davon.

Und doch merke ich, wie mich diese Worte, diese Hoffnungsworte nicht loslassen.

 

Sie ziehen mich in ihren Bann, sie halten mich fest, weil ich immer wieder erlebe:

Wir sind angewiesen auf solche Gegenbilder – gegen all das, was wir erlebt und gesehen haben; gegen all das, was wir an Leid selbst kennengelernt haben; gegen all das, was es in unserer Welt an Schmerzen und Ungerechtigkeit gibt.

Wir können nicht leben ohne eine solche Hoffnung, die über das hinausweist, was vor Augen liegt.

Wovon sollten wir reden – auf dem Friedhof, am Grab?

Die Zeit heilt alle Wunden?

Auf Regen folgt Sonnenschein?

Erinnern wir uns an den Verstorbenen, der doch ein guter

 

Mensch war, damit er nicht in Vergessenheit gerät?

Das ist alles nicht ganz falsch; aber wohl auch nicht ganz richtig.

Es klingt leer, es klingt hohl angesichts des Schmerzes, der trauernde Menschen ergriffen hat; und letztlich lässt es sie in ihrer Trauer allein – vor allem dann, wenn Zeit vergangen, und der Schmerz noch immer so unbeschreiblich groß ist.

 

Nein, da braucht es mehr: Ich hätte keine Worte auf dem Friedhof, am Grab, ohne solche Hoffnung, die mich aus den Versen unseres Predigttextes anspricht:

Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

 

Damals, in der Anfangszeit der Christenheit, waren diese Hoffnungsworte hineingesprochen in eine dunkle Wirklichkeit: In einer Zeit, in der Christen verfolgt oder gar getötet wurden, weil sie als Staatsfeinde galten im römischen Reich, wollten diese Worte Mut machen und die Hoffnung wachsen lassen.

Solches Leid, die Tränen, die da vergossen wurden, hat Johannes vor Augen, der – selbst verbannt auf die Insel Patmos – die Not der Gemeinden gut kennt.

Ihnen macht er Mut mit seiner Vision von einem Friedensreich; und da klingen auch Worte an wie die des Propheten Jesaja, die wir vorhin in der Schriftlesung gehört haben:

„Es soll geschehen: ehe sie rufen, will ich (der Herr) antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Schaf sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind.“ (Jes. 65, 24f)

Für Johannes verdichtet sich das alles in der tröstenden Nähe Gottes, die zum Hauptinhalt seiner Vision wird:

Gott wird alle Tränen abwischen.

Er macht alles neu.

Es gibt kein Leid mehr, keine Schmerzen, keine Verfolgungen, kein Geschrei und keine Trauer.

Es ist ein Gegenbild gegen alle Hoffnungslosigkeit, das Johannes uns ins Herz malt.

 

Einen Beweis für die Wahrheit seiner Vision erbringt Johannes nicht.

Das kann er nicht.

Und das muss er auch nicht.

Denn letztlich weist er ja nur auf das hin, worauf unser Vertrauen zu setzen wir als Christinnen und Christen immer schon eingeladen sind:

Mit seinem „Sehnsuchtsbild“, das wir oft als reine „Zukunftsvision“ missverstehen, erinnert er uns vielmehr an die Grundlage unseres christlichen Glaubens – Gott hat ja schon längst „Wohnung genommen unter uns“.

In der Weihnachtszeit werden wir den Vers aus dem Johannesevangelium immer wieder hören: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“

In Jesus Christus ist Gott Mensch geworden.

In ihm teilt er, was uns das Leben schwer macht – Schmerz und Angst, Leid und Trauer.

Er kennt den salzigen Geschmack der Tränen.

Der, der die Tränen abwischt, ist derselbe, der sie mit seinen Menschen, mit uns weint.

Der, der den Tod besiegt, hat selbst die Todesqual erlitten.

Dem tröstenden Gott, der alles neu macht, ist unser Leben nicht fremd. Er ist einer von uns!

 

Der Trost, der aus den Worten des Johannes spricht, ist

keine Vertröstung auf ein fernes Jenseits. Schon jetzt, hier,

 

mitten unter uns soll das erlebbar werden, spürbar.

Das „neue Jerusalem“, von dem Johannes spricht, ist nicht ein ferner Ort in einer fernen Zeit, sondern es ist der „Himmel“, der Wirklichkeit werden soll mitten unter uns.

„Der Himmel, der ist, ist nicht der Himmel, der kommt,

wenn einst Himmel und Erde vergehen“, schreibt der Schweizer Theologe Kurt Marti.

„Der Himmel, der kommt, das ist der kommende Herr,

wenn die Herren der Erde gegangen.

Der Himmel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid,

wo Gewalttat und Elend besiegt sind.

Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt

und der Gott mit dem Antlitz des Menschen.

Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist,

wenn die Liebe das Leben verändert.“

 

Der kommende Himmel grüßt schon jetzt die Erde, die ist, wie sie ist.

Da leuchtet etwas herein in unsere Welt von diesem neuen Licht – und das, obwohl wir hier in dieser Welt leben mit all ihrem Leid und Schmerz, mit all den Tränen, die geweint werden.

Das kommt uns heute besonders nahe.

Wir erinnern uns an die vielen Tränen, die auch hier bei uns vergossen wurden und werden.

Draußen auf dem Friedhof, hier in der Kirche oder zu Hause in aller Stille –

Tränen, weil ein geliebter Mensch gestorben ist;

Tränen, weil Hoffnungen und Pläne zerstört wurden.

 

Wir erinnern uns aber auch an die Tränen, die geweint werden – weil Schmerzen einem Menschen das Leben schwer machen;

weil eine Beziehung zerbrochen ist;

weil andere einen fertig machen;

weil es in Schule oder Beruf Misserfolge gibt.

 

Und wir erinnern uns an die Tränen, die Menschen vergießen, weil Krieg und Terror ihr Leben zur Hölle machen;

weil sie vor Hunger nicht einschlafen können;

weil sie ihren Kindern nicht geben können, was sie zum Leben brauchen.

 

All diese Tränen – und auch die, die wir nicht weinen wollen oder nicht weinen können –  sollen abgewischt werden.

Das „Abwischen der Tränen“ ist eine zutiefst zärtliche Geste.

Und es ist etwas Tröstliches, das nur da gelingt, wo man einander sehr nah ist.

Doch damit blitzt mitten im Leid, in der Trauer die Hoffnung auf, dass doch alles ganz anders sein kann.

 

Wem die Tränen abgewischt werden, dem sieht man noch an, dass er geweint hat.

Was einem das Herz schwer macht und die Kehle zuschnürt, das verschwindet nicht einfach oder löst sich in Luft auf.

Aber wer es zulässt, dass Gott selbst einem so nahe kommt – tröstend nahe –, der oder die wird jetzt schon etwas davon spüren, was das heißt: „Siehe, ich mache alles neu!“; wird jetzt schon den Gruß des Himmels hören mitten in seinem Leben.

 

Und dann kann man sie nicht mehr loslassen, diese Hoffnung – nein, andersherum: dann wird man nicht mehr losgelassen von dieser Hoffnung, dass einmal wirklich „alles neu“ wird; dass Gott nicht nur die Tränen abwischt, sondern alles Leid, allen Schmerz; dass letztlich auch der Tod weggewischt wird, weil er kein Recht auf uns hat.

 

Wo ich von solcher Hoffnung getragen bin, von solchen

 

„Gegenbildern“ gegen die Wirklichkeit, da werde ich das

Neue, das kommen soll und das jetzt schon „herübergrüßt“, immer wieder aufblitzen sehen; da werde ich mir nicht einreden lassen, dass das, was vor Augen liegt, alles sei; da werde ich mich auch mit kleinen Schritten für eine Welt einsetzen, in der Friede und Gerechtigkeit nicht nur schöne Worte sind.

 

Wir können den neuen Himmel und die neue Erde nicht herbeizwingen.

Wir leben unser Leben mit allem, was dazu gehört und was es manchmal schwer macht.

Aber niemand kann uns die Hoffnung darauf nehmen, dass wahr ist, was uns Worte wie die des Sehers Johannes ins

Herz malen.

Eine Hoffnung, die schon jetzt unser Leben verändern kann und die uns selbst zu Menschen macht, die diese Hoffnung weiter tragen.

Ein Bild, das nicht vergehen soll.

 

Amen.

 

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