Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

24.10.10 Epheser 6, 10-17

Predigt am 24.10.2010 über Epheser 6, 10-17

 Dass unsere Sprache dringend „abgerüstet“ werden muss, liebe Gemeinde, habe ich kürzlich in einem Zeitungsartikel gelesen – ich weiß nicht mehr, ob es im „Württembergischen Gemeindeblatt“ oder in „Sonntag Aktuell“ war.

Da ist was dran – hier nur ein paar kleine Beispiele, wie manchmal in Zeitungen formuliert wird: Wenn Politiker ein Thema durchbringen wollen, versuchen sie, ihre „Truppen“ zusammen zu bekommen; und wenn etwas nicht geklappt hat, bekommen wir immer wieder zu lesen: Jetzt werden „Köpfe rollen“. Oder da wird jemand „ins Visier genommen“, um ihn dann „abzuschießen“.

Wir wissen alle, dass es bei solchen Formulierungen nicht um wirkliche Gewalt, nicht um den Einsatz militärischer Mittel geht. Aber die Sprache ist verräterisch; sie verrät zumindest, dass das Denken in militärischen Bildern nicht aus unseren Köpfen verschwunden ist.

 

Gut, dass ich als Pfarrer das Evangelium von Jesus Christus verkünden darf – dass ich von Liebe und Frieden, von Gerechtigkeit und Leben reden darf –

 

denke ich und nehme mir den Predigttext für den heutigen Sonntag zur Hand.

Aber hören Sie selbst, was da im 6. Kapitel des Epheserbriefs in den Versen 10 bis 17 steht:

 

„10 Zuletzt: Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. 11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, damit ihr bestehen könnt gegen die listigen Anschläge des Teufels.

12 Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.

13 Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. 14 So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit, 15 und an den Beinen gestiefelt, bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens.

16 Vor allen Dingen aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen, 17 und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“

 

 

Ent-rüstung, Abrüstung der Sprache?

Fehlanzeige, liebe Gemeinde!

In der damaligen Zeit – der Epheserbrief ist vermutlich am Ende des 1. Jahrhunderts entstanden, verfasst von einem, der im Namen des Apostels Paulus geschrieben hat – in der damaligen Zeit haben die Menschen vor Augen, wovon hier die Rede ist; sie wissen, wie ein römischer Soldat aussieht und ausgerüstet ist – mit Brustpanzer und teilweise auch Beinschienen, mit Helm, Schild und Schwert.

Das Bild eines gut ausgerüsteten, wehrhaften Kämpfers ist ihnen bekannt; und es ist ja immer gut, das, was man sagen will, den Adressaten bildhaft vor Augen zu stellen.

Doch so weit müssen wir gar nicht gehen, um uns vorstellen zu können, was da beschrieben ist: Diese Art der Ausrüstung – Helm, Schild, Beinschienen – trugen auch die Polizisten in Stuttgart bei ihrem Einsatz für „Stuttgart 21“.

 

Da hören wir also davon, es gehe darum, sozusagen als „Soldat Jesu Christi“ das Evangelium zu verkünden.

Mich erinnert das an die Heilsarmee, die ja – durchaus friedlich – den Menschen „Heilsames“ verkünden will.

Aber die militärische Sprache, das Auftreten in Uniform hat mich – ganz abgesehen von der Art ihrer Frömmigkeit –

 

schon immer befremdet.

Und, das muss ich gestehen: Ich „fremdle“ auch beim Nachdenken über die militärischen Bilder in unserem Text.

Das fällt mir nicht nur als Kriegsdienstverweigerer schwer,

der noch in einer „Gewissensprüfung“ darüber hat Auskunft geben müssen, warum er sich nicht in der Lage sieht, den Gebrauch einer Waffe zu erlernen.

 

Können und sollen wir mit diesem militärischen Vokabular von unserem Glauben reden?

Müssen wir so reden?

Ich kann für mich sagen, dass ich mich so bis jetzt nicht gesehen habe und mich auch nicht so sehen will.

Ich verstehe mich nicht als „Soldaten Jesu Christi“, sondern eher als Zeugen, als Boten der Friedensbotschaft Gottes; ich verstehe mich als einen, der mit anderen zusammen auf der Suche danach ist, wie das „Evangelium des Friedens“ – und davon spricht ja unser Text zum Glück auch! – Platz findet im Zusammenleben der Menschen.

 

„Kriegerische“ Bilder finden sich viele in den Texten unserer Bibel und in der Geschichte unserer Kirche. Ich möchte nur erinnern an Martin Luthers Reformationslied:

 

„Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.“

Durch die Jahrtausende hindurch – zur Zeit der Abfassung der biblischen Texte und im Verlauf der Kirchengeschichte – war für die Menschen ein Leben ohne kriegerische Auseinandersetzungen nahezu unvorstellbar.

Dass Menschen friedlich zusammenleben – ohne den Kampf „Mann gegen Mann“, Volk gegen Volk; ohne Angriff und Verteidigung – entsprach meist nicht der erlebten Realität.

Auch wenn wir wissen, dass das in vielen Regionen unserer Welt bis heute so ist – dass das Recht des Stärkeren gilt, dass Macht hat, wer Waffen hat; auch wenn unsere eigenes Land an Auseinandersetzungen mit Waffengewalt beteiligt ist, die man nicht „Krieg“ nennen darf, und wenn wir wirtschaftlich profitieren als einer der größten Waffenexporteure; auch wenn wir um die Bedrohung durch internationalen Terrorismus wissen – trotz all dem kennen die meisten von uns, die jüngeren (und das sind inzwischen die bis 65!) Krieg nur noch aus den Erzählungen der Älteren.

Es ist gut, das auch einmal dankbar wahrzunehmen!

 

Aber selbst wenn Krieg und Kampf und Waffengewalt uns näher vor Augen stünden – so, wie das für andere bis heute

 

der Fall ist oder wie es für Generationen vor uns Realität war – selbst dann hätte ich Probleme mit der Sprache unseres Predigttextes; selbst dann wäre mir eine „ent-rüstete“, eine „abgerüstete“ Sprache lieber.

 

Werfen wir doch einmal einen Blick darauf, was sich hinter dieser „aufgerüsteten“ Sprache verbirgt!

Und wir werden feststellen: Da ist einiges, was wir kennen; einiges, was für uns heute so wichtig ist wie für die Menschen damals.

 

Da ist zunächst einmal die Rede davon, die „Waffenrüstung Gottes“ sei nötig, um die listigen Anschläge des Teufels abzuwehren, die Angriffe böser Mächte und Gewalten, die unter dem Himmel herrschen.

Sich den „Teufel“ vorzustellen als Person, als Gegenspieler Gottes – dass will und muss uns heute nicht mehr gelingen. Doch das heißt nicht, dass das, was die Menschen früher in solchen Bildern ausgedrückt und verstanden haben, für uns heute keine Bedeutung mehr hätte.

Wir müssen nicht „den Teufel an die Wand malen“, um zu wissen, zu verstehen, was damit gemeint ist!

 

 

Zunächst einmal – und manche meinen, die Bedeutung des Textes darauf beschränken zu können – geht es sicher um die inneren Anfechtungen, mit denen Menschen zu „kämpfen“ haben, die mit Ernst Christen sein wollen; es geht um das, was wir von uns selbst, aus uns selbst heraus kennen und was immer wieder im Widerspruch steht zu den Idealen unseres christlichen Glaubens: Neid und Gier, Hass und Gleichgültigkeit, Angst oder auch Bequemlichkeit.

Manchmal kommt einem das vor wie „Gewalten“, gegen die man machtlos ist.

Dem widerspricht unser Text und erinnert an die Kraft, die sich im Vertrauen zu Gott finden lässt; aber er betont auch, dass diese Auseinandersetzung keine leichte ist; in den Worten unseres Briefschreibers ist es eben ein „Kampf“, für den es gilt, richtig „gerüstet“, ausgerüstet zu sein.

Die Deutung des Predigttextes als Beschreibung des inneren Kampfes des Christen ist nicht falsch, oder besser gesagt, nicht ganz falsch, aber eben auch nicht ganz richtig.

 

Als Christenmenschen leben wir in der Welt, wie wir sie heute vorfinden und mitgestalten. Wir können und dürfen uns aus dieser Welt nicht heraushalten – aus einer Welt, die in vielem aus den Fugen geraten ist.

 

Vom nötigen „Widerstand“ ist in unserem Text die Rede, wo es gilt, die „Ungeister“ unserer Zeit beim Namen zu nennen.

Dazu braucht es das „Umgürten mit der Wahrheit“, den „Panzer der Gerechtigkeit“, das gute Schuhwerk, mit dem man sich auf den Weg machen kann „für das Evangelium des Friedens“, „den Schild des Glaubens“, „den Helm des Heils“, „das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.“

Die Mächte des Bösen, die Mächte der Finsternis – das ist all das, was sich der Wahrheit, der Gerechtigkeit und dem Frieden in den Weg stellt.

 

Solcher „Ungeist“ macht sich da bemerkbar, wo Menschen nicht offen miteinander umgehen; wo sie Angst haben, ihre Meinung zu sagen, weil andere meinen, alles besser zu wissen; wo Menschen verstummen und sich nicht trauen, den Mund aufzumachen, weil andere sie „mundtot“ gemacht haben; wo Menschen auf ihre Schwächen und Fehler reduziert werden und keine Chance mehr bekommen, ganz anders wahrgenommen zu werden.

 

Dieser „Ungeist“ ist da lebendig, wo Gerechtigkeit mit Füßen getreten wird; wo Menschen nur den eigenen Vorteil, das eigene Weiterkommen, den eigenen Erfolg sehen – ohne

 

Rücksicht auf die zu nehmen, die unter die Räder kommen.

Wenn die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander geht – weltweit, aber auch hier in unserem reichen Land – und wenn das einfach so akzeptiert wird, dann hat sich der Ungeist der Ungerechtigkeit in unserem Denken und Handeln breit gemacht.

„Wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen“, sagt der Epheserbrief, „sondern mit Mächtigen und Gewaltigen“ – und manchmal breiten sie sich schleichend aus in unserem Bewusstsein, diese Mächte und Gewalten, so dass wir für „normal“ halten, was eigentlich ein Skandal ist.

 

Dieser Ungeist zeigt da sein Gesicht, wo es Denkverbote gibt gegen die wieder weit verbreitete Meinung, Gewalt sei ein angemessenes Mittel der Politik.

„Nie wieder Krieg“ – so war die Stimmung nach den beiden fürchterlichen Weltkriegen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Und heute? Da gilt es einer Logik zu widerstehen, die meint, mit Kriegen, mit Gewalt Probleme lösen zu können; da gilt es, einem Denken Einhalt zu gebieten, das bereit ist, Leid und Tod vieler Menschen als „Kollateralschaden“ hinzunehmen.

 

Ich weiß, wie schwierig diese Fragen sind; ich kenne die Argumente, die sagen: „Den anderen, den Terroristen, interessiert doch unsere friedliche Einstellung nicht.“

Aber ich wehre mich trotzdem dagegen, nur in Kategorien von Gewalt und Gegengewalt zu denken.

 

Auch deshalb bleibt mir die militärische Sprache unseres Predigttextes bis zuletzt fremd.

Aber ich beginne zu verstehen: Dem Briefschreiber geht es gerade darum, diesen „Ungeistern“– und jetzt verwende ich auch einen militärischen Ausdruck – nicht das Feld zu überlassen.

Es geht ihm darum, dass diejenigen, die sich als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Christi verstehen, sich auf die Stärke besinnen, die ihnen geschenkt ist: auf die Kraft des Glaubens, der ihr Vertrauen stärkt und wachsen lässt, dass Leben in Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden möglich ist; auf die Kraft des Glaubens, der ihnen Mut macht, den Mund aufzutun, wo es nötig ist; der sie in Bewegung setzt, um einzutreten für das Evangelium des Friedens.

 

Diesen Weg zu gehen ist unbequem – den Weg des kritischen Nachfragens, den Weg des Sich-Einsetzens für die

 

Schwachen, den Weg des Sich-Entrüstens.

Aber es gibt dazu, wollen wir den Schritten Jesu folgen, keine Alternative.

Er selbst, der „leidende Gottesknecht“, hat sich eingesetzt für Frieden und Gerechtigkeit, für die Menschen, die ihm am Herzen lagen.

Er selbst hat ihnen Kraft gegeben – und er gibt sie auch uns heute – weiterzugehen auf seinem Weg des Friedens.

„Seid (also) stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke.“

 

Amen.

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