Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

24.12.08 Lukas 2,1-14

Predigt am 24.12.2008, 18 Uhr, über Lk. 2,1-14
Pfarrer Matthias Bauschert


Weihnachten 2008 – was bringen wir alles mit in diesen Gottesdienst, liebe Gemeinde?
Was begleitet uns aus dem Alltag in die Festtage?
Etwas atemlos werden manche heute hier angekommen sein; da nimmt man sich vor, Jahr für Jahr, dieses Mal früher fertig zu werden mit allen Vorbereitungen – und doch ist wieder die Zeit knapp geworden.
Da ist die Erinnerung an die Nachrichten der vergangenen Monate, das Erschrecken über das „Verschwinden“ unendlicher Geldbeträge – Summen, die wir uns kaum vorstellen können; und damit zusammenhängend die Angst vor der Zukunft, die Sorge um den Arbeitsplatz.
Andere haben all das nur am Rand wahrgenommen, weil familiäre Probleme oder Sorgen um kranke Angehörige oder Freunde im Vordergrund stehen.
Dann gibt es aber auch die, die erfüllt sind von vielen guten Erfahrungen; für die das Leben „richtig“ ist, so wie es ist – ein Ziel, das man erreicht hat; eine große Liebe; Klarheit über den weiteren Lebensweg.
Nur weil Weihnachten ist, werden wir nicht zu anderen

Menschen; wir bringen mit, was uns beschäftigt – was uns mit Freude erfüllt und was uns Sorge bereitet oder das Herz schwer macht; wir bringen uns selbst mit. So verschieden wir sind, die wir hier miteinander Gottesdienst feiern, so unterschiedlich wird sein, was uns im Innersten bewegt.

Doch eins verbindet uns heute: Wir haben uns auf den Weg gemacht in die Kirche an diesem besonderen Abend, am „Heiligen Abend“, weil wir uns davon etwas erwarten.
Gut, man könnte jetzt natürlich sagen: Der Gottesdienstbesuch gehört dazu wie das gute Essen und die Geschenke.
Aber ich behaupte heute: Dahinter verbirgt sich mehr als nur Gewohnheit oder eine Familientradition.
Niemand „muss“ in den Gottesdienst gehen – jetzt mal abgesehen von den Konfirmandinnen und Konfirmanden; aber auch die haben sich ja freiwillig darauf eingelassen.
Niemand muss den Gottesdienst besuchen, auch nicht an Weihnachten. Und es sind ja nicht wenige, die tatsächlich zu Hause bleiben.
Aber es sind eben auch viele, die heute hier sind – mehr als an jedem Sonntag; wenn ich behaupten würde, es seien sonst auch nicht weniger da, dann würden Sie es mir sowieso nicht glauben.

Wer in den Gottesdienst kommt – davon gehe ich aus –, möchte etwas erleben, was ihn im Innersten anspricht.
Am Heiligen Abend, der so anders ist als alle anderen Ta-ge; an diesem Festtag, der eben nicht Alltag ist, sind wir eher bereit, uns einzugestehen, dass wir eine Sehnsucht in uns tragen, die wir selbst nicht stillen können –
eine Sehnsucht nach Geborgenheit, die nicht wieder verlo-ren geht; eine Sehnsucht nach Gemeinschaft, die nicht zerbricht; eine Sehnsucht nach Wärme, die alle Kälte aus unserem Herz vertreibt; eine Sehnsucht nach Liebe, die uns trägt und hält; eine Sehnsucht nach Licht, das der Finsternis keinen Platz mehr lässt; eine Sehnsucht nach Frieden, der dem nahe kommt, was in der Bibel „Schalom“ heißt – Vollständigkeit, Fülle, Heil.
Träume, Wünsche, Hoffnungen, Sehnsüchte gehen nicht immer in Erfüllung.
Aber wir wären arm dran, wenn wir deshalb darauf verzichten wollten.
Wer sich von seiner Sehnsucht nicht mehr bewegen lässt, wird bewegungslos – verharrt auf dem Platz, an dem er sich eingerichtet hat; kommt von seinem Standpunkt nicht mehr herunter.
Sie sind hier her gekommen in diesen Gottesdienst in der

Hoffnung, etwas daraus „mitnehmen“ zu können in den Alltag; was ist es, was ein Heiligabendgottesdienst anbietet als Antwort auf unsere Sehnsucht?

Da ist zunächst einmal – und was wäre dagegen einzuwen-den? – die besondere, die festliche Stimmung:
der Christbaum mit seinen glitzernden Lichtern und den Strohsternen; der Duft, der von diesem Baum ausgeht; die stimmungsvolle Beleuchtung der Kirche und ihre Wärme.
Und dann ist da die Musik – der feierliche Klang der Orgel und die alten, bekannten Lieder, die längst vergessen ge-glaubte Erinnerungen in uns wachrufen; Texte, die wir manchmal kaum verstehen (so würde heute keiner mehr reden!), und die doch „Weihnachtsgefühle“ in uns auslösen: „Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich bring euch gute neue Mär.“
Beides – der Raum mit seinem Duft und seiner Ausstrah-lung und die Musik – beides erreicht unser Innerstes bis hinein in Räume, die wir sonst gut verschlossen halten – vor anderen und vor uns selbst.

Wir sind heute offen dafür – offener als sonst, uns so erreichen zu lassen.
Es ist gut, wenn ein Gottesdienst uns auf dieser Gefühlsebene anspricht; aber das kann und darf nicht alles sein.

Wir erwarten – und auch das unterstelle ich jetzt – wir erwarten, etwas zu hören zu bekommen, was uns nicht nur heute zu denken gibt, sondern was uns begleitet über diese Festtage hinaus.
Was wir hören, ist heute wie in jedem Jahr am Heiligen Abend die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevange-lium, die in diesem Jahr auch Grundlage der Predigt sein soll – „Es begab sich aber zu der Zeit…“
Was, so habe ich mich gefragt, lässt sich zu dieser alten, bekannten Geschichte noch Neues sagen?
Und da mir auf diese Frage lange keine Antwort eingefallen ist, habe ich die Vorbereitung für diese Predigt aufgeschoben bis zum Schluss, habe mir am Freitag erste Gedanken dazu gemacht und wollte am Montag daran weiter arbeiten.
Aber dann – und da bitte ich Sie, mir jetzt ein paar persönliche Worte zu erlauben – ist alles ganz anders gekommen.
Am Sonntag bin ich krank geworden und lag mit Fieber im Bett und auch am Montag war ich noch nicht wieder fitt.
Am Telefon habe ich mich mit einer Kollegin darüber unterhalten, was wohl wäre, wenn der Pfarrer an Heiligabend

krank wäre, und über meine Sorge, mit den Vorbereitungen für die Gottesdienste nicht fertig zu werden.
Und sie sagte zu mir: „Du weißt ja, Weihnachten wird es auf jeden Fall – egal, wie wir vorbereitet sind!“

Mit diesem Satz im Kopf habe ich dann die Weihnachtsge-schichte noch einmal ganz anders gelesen – dass Weihnachten wird, dass Gott Mensch wird, ist nie und nimmer abhängig von unseren Anstrengungen!
Da können wir unsere Häuser noch so schön schmücken; da können wir wertvolle Geschenke einkaufen, können putzen und kochen und backen; da können wir stimmungsvolle Gottesdienste vorbereiten – all das „macht“ nicht Weihnachten.
Gott wird Mensch – dazu müssen (und können!) wir nichts beitragen.
Das ist heute so; und, wenn ich mir die Weihnachtsge-schichte anschaue und das, was davor oder an anderer Stelle in den Evangelien erzählt wird, dann war es auch damals so.

Da ist zunächst einmal Maria.
Sie weiß nicht, wie ihr geschieht.
Aus heiterem Himmel, völlig unerwartet, erscheint ihr ein

Engel, also ein „Bote Gottes“. Was er ihr ankündigt, sollte ihr Leben grundlegend verändern.
Sie wird schwanger werden, ein Kind bekommen.
Und als ob eine Geburt, dieses „Wunder neuen Lebens“, für die junge Frau Maria nicht schon Überraschung und Veränderung genug wäre, kündigt der Engel noch ganz Anderes an, was Maria nicht versteht:
„Sohn des Höchsten“ soll der genannt werden, den sie zur Welt bringt; ein ewiges Königreich soll er regieren.
Gott wird Mensch (und nichts anderes feiern wir an Weih-nachten!); dass sie selbst dabei eine wichtige Rolle spielt, kommt für Maria völlig überraschend.

Dann ist da Josef, Marias Verlobter. Von ihm wird am An-fang des Matthäusevangeliums erzählt, wie er auf die Schwangerschaft Marias reagiert: Er will sie verlassen.
Doch auch ihm erscheint im Traum ein Engel, der ihm mitteilt, was es mit diesem Kind auf sich hat.
Auf so eine Nachricht war auch Josef nicht vorbereitet –
die Frau, die er liebt, bekommt ein Kind, das nicht von ihm ist; und dieses Kind soll der sein, auf den alle warten – der Messias, der Retter.
Es wird Weihnachten; Gott wird Mensch – und auch für

Josef bedeutet das eine Veränderung seines bisherigen, seines gewohnten Lebens.
Darauf kann man sich gar nicht vorbereiten; von Josef wird jetzt eine Entscheidung erwartet – und er entscheidet sich für Maria und für das Kind.

Überhaupt nicht vorbereitet auf das Kommen Gottes waren die Menschen in Bethlehem.
Aber wie hätten sie es auch sein sollen – ihnen hatte ja niemand davon erzählt; kein Engel war irgendeinem Gastwirt erschienen, damit er ein Zimmer freigehalten hätte für das junge Paar.
In Bethlehem herrschte – ausgelöst durch die von oben angeordnete Volkszählung – Ausnahmezustand.
Die Hoteliers und Zimmervermieter machten gute Geschäfte; alles war belegt bis auf den letzten Platz.
Und da ließ sich sogar noch mit einem alten Stall etwas verdienen, den man sonst keinem Menschen zugemutet hätte.
Nein, nichts war vorbereitet in Bethlehem für „Weihnach-ten“ – und doch ist Gott Mensch geworden.

Dass Weihnachten keine Vorbereitung braucht – das sym-bolisieren in ganz besonderer Weise die Hirten auf den

Feldern vor Bethlehem.
Ihnen tut sich – ganz plötzlich und völlig unerwartet – der Himmel auf.
Hirten damals – das sind raue Gesellen, denen nichts so schnell Angst macht.
Aber dieses helle, überraschend fremde Licht mitten in der Nacht – das jagt ihnen einen gehörigen Schrecken ein.
Sie sind so wenig, so gar nicht auf Weihnachten vorbereitet, dass sie zuerst einmal erstarren.
Und so ist das erste, was der Engel sagt, der da im Licht Gottes auftritt, ein Wort gegen die Angst: „Fürchtet euch nicht!“
Mitten in der Nacht wird es hell.
Mitten in tiefstes Erschrecken hinein spricht der Engel von großer Freude.

So überraschend, so unvorbereitet wird Weihnachten.
Gott wird Mensch – und die, die daran beteiligt sind oder die zu Zeugen dieses Geschehens werden sollen, erfahren es aus heiterem (oder aus dunklem) Himmel.
Auf jeden Fall völlig unerwartet.

Gibt es für uns, liebe Gemeinde, für uns heute, noch etwas

„Überraschendes“ am Weihnachtsfest?
Ich meine jetzt nicht die Überraschungen, die in Geschenkpapier eingewickelt sind!
Oder wissen wir schon viel zu genau, was kommt, was uns erwartet, was wir erwarten?
Sind wir schon viel zu sehr auf das Weihnachtsfest so fixiert, wie wir es uns vorstellen, wie wir es planen und vorbereiten, um überhaupt noch überrascht werden zu können?

Nein, Weihnachten braucht keine Vorbereitungen.
Das gilt uns allen, das müssen wir uns sagen lassen, die wir doch Jahr für Jahr uns beklagen über den Stress, den die Weihnachtsvorbereitungen bereiten;
das gilt mir, der – trotz allem, was in den vergangenen Ta-gen war – sich heute nicht getraut hat, ohne Predigt vor ihnen zu stehen.
Aber Gott wird nicht Mensch, weil wir uns mehr oder weniger vorbereitet haben;
Gott wird Mensch, weil er uns nahe sein will.

Wenn es auf die Vorbereitung nicht ankommt, dann braucht es aber doch so etwas wie eine „Nachbereitung“; das, was wir an Weihnachten feiern, will Gestalt gewinnen mitten in

unserem alltäglichen Leben.
Maria lässt zu, was ihr geschieht; Josef geht seinen Weg mit Maria weiter; die Hirten brechen auf, um das zu sehen und zu erleben, was ihnen die Engel verkündet haben.

Und wir heute sind eingeladen, die Weihnachtsgeschichte nicht als stimmungsvolle Erzählung aus der Vergangenheit zu hören, sondern uns neu auf die Suche zu machen, was das für uns in unserem Leben – mit allem, was dieses Leben gerade ausmacht – heute bedeutet:
Gott wird Mensch, weil er uns nahe sein will.
„Euch ist heute der Heiland geboren – fürchtet euch nicht!“

Amen.


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