Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

24.12.09 Engel

Predigt am 24.12.2009 um 22 Uhr über das Thema

„Engel“

Pf. Matthias Bauschert

Vor wenigen Stunden, beim Krippenspiel der Kinderkirche, standen sie wieder hier in der Kirche, liebe Gemeinde –
die weißgekleideten und goldgeschmückten Engel, die den Hirten auf dem Feld die Nachricht von der Geburt des Kindes im Stall überbrachten.
Vor unserer Weihnachtskrippe auf dem Taufstein steht ein kleiner Engel, der die Szenerie mit seiner Kerze ins rechte Licht setzt.
Zumindest an Weihnachten gehören Engel auch hier bei uns dazu; ansonsten ist unsere schlichte Wolfgangkirche ziemlich „engelfrei“; ganz anders als barock geschmückte Kirchen, in denen uns aus allen Himmelsrichtungen putzige Engelchen anstrahlen; ganz anders auch als die Ludwigsburger Friedenskirche, in der während der Vorbereitung zur „Nacht der Kirchen“ sage und schreibe 62 Engel gezählt wurden!

Wenn ich mich nicht täusche, dann sind Engel in den ver-gangenen Jahren wieder „hoffähig“ geworden – und das eben nicht nur zur Weihnachtszeit.
Da haben sie schon immer dazu gehört; da kennen wir sie in Ludwigsburg in übergroßer Form auf dem Markplatz, und schon im November ruft uns auf der B 27 ihr Engelskollege zu: „Siehe, ich verkündige euch: Der Weihnachtsmarkt beginnt bald.“
Die Schaufenster und die Ladenregale sind voll von mehr oder weniger geschmackvollen Engelsfiguren und in man-chen Modegeschäften oder Katalogen findet man Engelsflügel zum Umbinden als modisches Accessoire.

Darüber hinaus sprechen viele heute ganz selbstver-ständlich von ihrem Schutzengel, der sie begleitet.
Psalm 91, 11 ist das Bibelwort, das am häufigsten als Tauf-spruch herausgesucht wird: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Ein beliebtes Geschenk für Menschen, die Schweres durchmachen müssen, sind kleine vergoldete Engelsfiguren. Da bekommt man sozusagen etwas in die Hand, an dem man sich festhalten kann und das einem Halt geben soll.

Im Unterschied zu einem Talisman, einem angeblichen „Glücksbringer“, verbindet sich mit einem Engel eine ganz bestimmte Vorstellung: Engel sind Boten Gottes.

Um das zu vertuschen, wurden in der DDR, die sich ja als atheistischer Staat verstand, die Engel zur Weihnachtszeit umbenannt in „Jahresendflügelpuppen“ – ganz verzichten wollte man dann auf die Engel doch nicht!

Der Engel aus der Weihnachtsgeschichte ist geradezu ein Paradebeispiel dafür, was Wesen und Aufgabe eines Engels ausmacht: Im Namen Gottes tritt er auf; in seinem Namen
ruft er den Menschen im Dunkeln zu:
„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“
Mit dem Auftreten der Engel geht den Hirten auf dem Feld vor Bethlehem ein Licht auf; der Engel sorgt für Klarheit, ja sorgt dafür, dass überhaupt bekannt wird, was im unscheinbaren Stall geschah.
Der Engel ist also auch so etwas wie ein Übersetzer, ein Dolmetscher: Das Wort ward Fleisch, Gott wird Mensch – und der Engel verleiht diesem unaussprechlichen Wunder seine Stimme und verschafft ihm so Gehör.

Aber der Engel redet nicht nur – wie oft werden Worte (und

seien sie noch so richtig und wichtig!) einfach überhört; wie oft gehen sie unter im Lärm- und Stimmengewirr, das uns umgibt.
In der Weihnachtsgeschichte kommt zum „Verkündigungsengel“ der himmlische Engelchor noch dazu.
„Hört der Engel helle Lieder“ – so singen wir es im Weih-nachtslied.
Und wir kennen alle singende Engelsfiguren mit weit aufgesperrtem Mund und dem Notenblatt in der Hand.
Neben den singenden gibt es natürlich zur Begleitung, wie im „echten“ Leben, auch musizierende Engel – Engel mit Flöte, Geige und Cello – und natürlich auch mit Trompete oder an der Orgel!
Engel, die Musik machen – das ist für mich ein Bild dafür, dass Engel uns auf einer anderen, einer „sinnlichen“ Ebene erreichen.
Sie sprechen die Sprache unserer Seele; sie erreichen uns in der Tiefe unseres Herzens; sie bringen Saiten in uns zum Schwingen, die vielleicht schon lange keinen Ton mehr hervorgebracht haben.

Doch dabei sind die Engel, von denen in der Bibel erzählt wird, nicht einfach immer nur harmlos und lieb.
Manchmal verstellen sie einem sehr deutlich, sehr abwei-send auch den Weg – zum Beispiel der Engel, der den Ein-gang zum Paradies bewacht; oder der Engel, der sich dem Seher Bileam in den Weg stellt, um ihn vom falschen Weg abzubringen. Der Seher sieht nichts; er erkennt den Engel nicht, der ihm im Weg steht.
Sein Esel begreift schneller. Aber Bileam hält ihn einfach nur für störrisch und will ihn weiterprügeln.
Doch dann werden ihm die Augen geöffnet und er erkennt, was der Esel längst gesehen hat: den Engel, der ihn am Weitergehen hindert.

Engel sind Boten Gottes – Boten aus einer anderen Wirk-lichkeit – und bringen denen, zu denen sie kommen, eine Erkenntnis, auf die sie alleine nicht gekommen wären;
manchmal eine Erfahrung, die wie ein Geschenk ist.
Heute bringen sie uns eine ganz besondere Botschaft:
„Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der

himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

Dass da einer kommt, der als Heiland, als Retter bezeichnet wird – das muss den Hirten erst einmal gesagt werden.
Ja, erwartet hat man ihn schon – den Messias, der kommen soll im Namen des Herrn; man hat ihn ersehnt in einer Welt, die nach Frieden und Gerechtigkeit schreit.

Aber als Kind in der Krippe?
Als Kind armer Leute, geboren in einem Stall?
Nicht im Palast, nicht als Sohn eines Königs?
Nicht machtvoll, sondern ohn-mächtig?
Das ist zuerst einmal erklärungsbedürftig.
Diese Botschaft versteht sich nicht von selbst.
Da braucht es den Boten Gottes, der diese Nachricht ver-breitet!
„Fürchtet euch nicht! …euch ist heute der Heiland geboren!“
Um diese Botschaft geht es.
Und nicht um die Frage, ob es die Engel nun eigentlich wirklich gibt; wie sie aussehen und ob sie tatsächlich fliegen können.
Die Bibel erzählt von Boten Gottes; Menschen haben an-schaulich ausgemalt, wie sie sich diese „göttlichen Botschafter“ vorstellen.
Jede von uns, jeder von uns hat ein eigenes Bild davon im Kopf, wie sie oder er sich einen Engel vorstellt. Und viel-leicht trägt er ja das Gesicht eines Menschen, der für einen selbst zum Engel geworden ist.
Immer geht es um die Botschaft, die ein Engel im Namen Gottes bringt – sei es ein warnendes „Hier geht es nicht weiter“ oder ein ermutigendes „Fürchte dich nicht“.

Der Gottesbote vermittelt einem Menschen die heilende und liebende Nähe Gottes für einen Augenblick.
Er ist nicht etwas für sich, der Engel.
Keine eigene Person.
Wenn er gesagt hat, was zu sagen ist,
verschwindet er wieder oder tritt in die Unauffälligkeit des „normalen Lebens“ zurück.
Aber was er verkündet, das hinterlässt Eindruck.
Das rührt im Innersten an.
Und die Menschen, die er trifft, machen sich auf.
Sie machen sich auf die Suche – nach dem, der durch den Engel zu ihnen gesprochen hat.

„Fürchtet euch nicht! …euch ist heute der Heiland geboren!“
Das lassen wir uns zurufen in dieser Nacht.
Euch ist der Heiland geboren – nicht nur den Hirten in Bethlehem vor 2000 Jahren, sondern euch, den Menschen hier in Hoheneck.
„Gott wird Mensch, dir, Mensch, zugute“, dichtet Paul Ge-rhardt im Weihnachtslied – und wird damit zu seiner Zeit zu einem „Übersetzer“ der Weihnachtsbotschaft.
Gott wird Mensch, hören wir heute, einer von uns.
Gott überlässt diese Welt nicht sich selbst – und kommt doch ganz anders, als wir uns das vielleicht vorstellen wür-den: Er lässt sich keinen roten Teppich ausrollen und es gibt auch keine Böllerschüsse zu seiner Begrüßung; seine Geburt wird nicht auf Hochglanzprospekten bekannt gegeben, und die dabei sind, sind keine „Promis“, die dann ihre mehr oder weniger intelligenten Kommentare in unzählige Kameras abgeben.
Weder ins „Forum“ noch in die „Arena“ würde uns der Engel heute schicken, sollte er jetzt über den Weinbergen Hohenecks zu sehen und zu hören sein – eher ins Übernachtungshaus für Wohnsitzlose.
Der „Stall“ ist schon so gemeint – nichts Heimeliges, nichts Kuscheliges, nichts Romantisches; ganz am Rand kommt Gott zur Welt.
Und wir, wenn wir denn suchen würden, wüssten ohne Engelsbotschaft auch nicht, wohin!

Wenn es den Engel nicht gäbe – den Botschafter, den Übersetzer – dann würde niemand etwas von dieser Freudenbotschaft mitbekommen.
Es ist eine Botschaft, die auch uns heute gut tut; eine Bot-schaft, die wir in dieser besonderen Nacht bereit sind zu hören und die mit den Mut machenden Worten beginnt:
„Fürchtet euch nicht!“
Lasst euch nicht gefangen nehmen von dem, was Angst macht; legt eure Lebensangst ab; lasst euch nicht von Sor-gen zerfressen – „Fürchtet euch nicht!“

Wo der „Weihnachtsengel“ seine Aufforderung zur Furchtlosigkeit mit der Geburt Jesu, mit der Menschwerdung Gottes begründet, ruft der „Osterengel“ den Frauen am Grab sein „Fürchtet euch nicht!“ zu, weil das Leben den Tod besiegt hat.

„Fürchtet euch nicht!“
Das ist mir das liebste, das wichtigste Engelswort.
Diese „österliche Weihnachtsbotschaft“ möchte ich mit-
nehmen in diese Nacht, in die Weihnachtszeit und weit darüber hinaus.
Gott schicke uns immer wieder einen Engel, der uns das laut zuruft oder es uns ganz leise ins Ohr flüstert: „Fürchtet euch nicht!“
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