Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

24.12.10 Weihnachtspyramide

Geschenke, liebe Gemeinde, gehören für uns ganz selbstverständlich zum Weihnachtsfest dazu.

Trotz aller elektronischen Medien werden Bücher immer noch gern verschenkt, und man kann damit vielen Menschen eine Freude machen.

Ich habe mich in diesem Jahr schon einige Wochen vor Weihnachten mit einem besonderen Buch beschenkt: einer Sammlung von Kurzansprachen, die die Höhepunkte des Kirchenjahrs auf ganz eigene, neue und ungewohnte Weise beleuchten.

Diesem Buch habe ich die folgende kleine Geschichte entnommen. Unter dem Titel „Flüsterpropaganda“ kann man sich zunächst noch nicht viel vorstellen.

Aber wenn man den Untertitel hört „Eine Weihnachtspyramide erzählt“, dann wird’s schon konkreter; und vor allem erklärt das auch, warum heute hier in der Kirche eine solche Weihnachtspyramide aufgebaut ist und sich dreht.

 

„Achtung, jetzt geht’s gleich wieder rund“, rief einer der

Heiligen Drei Könige, als er die Hand mit dem brennenden

 

Streichholz auf sich zukommen sah. Er hatte – zusammen

mit seinen beiden Kollegen, einem Diener und einem voll bepackten Kamel, mit einem Hirten und ein paar Schafen – seinen festen Platz auf der Drehscheibe einer Weihnachtspyramide. „Seit Tagen kommen wir aus dem Rotieren nicht mehr heraus“, brummte der alte Hirte, als die Kerzen angezündet waren und sich die ganze Mannschaft langsam in Bewegung setzte. „Immer derselbe Trott! Wie haltet ihr das bloß aus?“

„Ich versuche“, sagte wieder der König, „mit den Menschen,

die uns zuschauen, ins Gespräch zu kommen.

Wenn ich entdecke, dass einer still und nachdenklich wird, dann flüstere ich ihm zu: ›Schau mal, wir haben unsere Mitte gefunden. Alles dreht sich um die Krippe und das Kind, um Jesus, die Menschenfreundlichkeit Gottes in Person. Lass deine Gedanken doch auch einmal um ihn kreisen! Mach den Menschen, der so war, wie Gott sich den wahren Menschen vorstellt, doch auch zum Dreh- und Angelpunkt deines Lebens!‹“

Die Fahrt war schon ziemlich rasant geworden, da ergriff

der zweite König das Wort: „Auch ich habe mir etwas vorgenommen für die kurze Zeit, in der wir die Menschen mit unserem Spiel erfreuen. Wenn einer aufmerksam ist, dann

 

hört er bei jeder Runde meine zarte Stimme: ›Sieh her, wie wir in Schwung gekommen sind. Lass dich doch auch durch die Freude dieser Tage in Bewegung bringen! Spring über den Schatten deiner Sturheit, geh aus dir heraus und offen auf andere zu! Vergiss wenigstens für ein paar Stunden das Festgefahrene in deinem Leben!‹“

Der dritte König meinte: „Wenn jemand fasziniert ist von der unsichtbaren Kraft, die uns antreibt, dann sage ich ihm ganz leise: „Schau, es braucht nur ein bisschen Licht und ein wenig Wärme – und schon wird es bei uns lebendig. Unser Zug setzt sich in Gang, und die großen Flügel über uns zaubern die schönsten Schattenspiele an die Zimmerdecke. Ein bisschen Licht und ein wenig Wärme, eine Atmosphäre der Ehrlichkeit und Herzlichkeit – das könnte auch bei euch einiges bewegen!‹“

„Was diese drei Weisen bloß für Ideen haben“, dachte der brummige alte Hirte bei sich. Aber es blieb ihm gar nichts anderes übrig, als sich ihnen anzuschließen. Mit ihrem Schwung rissen sie ihn immer wieder mit.[1]

 

Vielleicht ging es ja manchem von uns, liebe Gemeinde, in den letzten Tagen und Wochen so wie dem alten Hirten:

Da hat man das Gefühl, man kommt aus dem Rotieren nicht mehr heraus!

Immer der gleiche Trott, wenn es auf Weihnachten zugeht; wie alle Jahre wieder steht das große Fest einfach viel zu überraschend vor der Tür – und es muss doch noch so viel erledigt werden:

die Geschenke eingekauft und eingepackt, der Weihnachtsmarkt besucht, die Wohnung geputzt, gebacken und gekocht, der Christbaum besorgt und aufgebaut – und nebenher soll auch noch schöne weihnachtliche Stimmung aufkommen!

Heute, am heiligen Abend, können wir aufatmen; wir haben lange auf dieses besondere Fest hingearbeitet und kommen nun zur Ruhe – ganz besonders jetzt im Gottesdienst zu dieser späten Stunde.

 

Neben dem „rotierenden Hirten“ auf der Weihnachtspyramide kommen die drei „Könige“ zu Wort – Forscher sind es eigentlich, Gelehrte; und es ist weise, was sie zu sagen haben. Hören wir noch einmal auf ihre Weihnachtsbotschaft!

 

„Schau mal, wir haben unsere Mitte gefunden“, sagt der erste König. „Alles dreht sich um die Krippe und das Kind,

 

um Jesus, die Menschenfreundlichkeit Gottes in Person. Lass deine Gedanken doch auch einmal um ihn kreisen! Mach den Menschen, der so war, wie Gott sich den wahren Menschen vorstellt, doch auch zum Dreh- und Angelpunkt deines Lebens!“

 

Ohne lange Vorrede wird unser Blick hier ins Zentrum gelenkt. Wir haben die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium gehört, die vom Kind in der Krippe erzählt.

„Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit“, schreibt der Evangelist Johannes. Und an anderer Stelle: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Das ist die Mitte, das ist das Zentrum des Weihnachtsfestes; das ist es, was wir heute feiern.

 

Mir gefällt der Hinweis dieses „Weihnachtspyramidenkönigs“ auf die Mitte, die er gefunden hat – denn diese Mitte liegt außerhalb seiner selbst!

„Du musst deine Mitte finden“, hören wir immer wieder oder sagen es uns selbst – wenn wir merken, dass uns die

 

Anforderungen und Ansprüche, die an uns gestellt werden – oder die wir selber an uns stellen – nicht mehr zur Ruhe kommen lassen.

Wir wollen unsere Mitte finden – und drehen uns doch immer nur um uns selbst!

Nein, darauf weist uns dieser Weise hin, in uns selbst können wir noch so lange suchen nach dem, was uns Halt und Hoffnung und Leben gibt – wir werden es nicht finden.

Unsere Mitte finden wir in der Menschlichkeit Gottes, im Mensch gewordenen Gott, der uns freundlich ansieht.

Unsere Mitte finden wir in der Begegnung mit diesem Kind in der Krippe.

„Ich steh an deiner Krippen hier“, hat der Pfarrer und Liederdichter Paul Gerhardt dieses „Weihnachtswunder“ in Worte gefasst, und in der 4. Strophe: „Ich sehe dich mit Freuden an, und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen. O dass mein Sinn ein Abgrund wär und meine Seel ein weites Meer, dass ich dich möchte fassen.“

 

Lasst euch wieder und immer wieder dazu einladen, dem Kind in der Krippe zu begegnen; dem Menschen Jesus, in dem Gott einer von uns geworden ist; seiner Botschaft, in

 

der Gottes Liebe Gestalt gewinnen will.

Lenkt euren Blick immer wieder auf diese „Mitte“, die sich außerhalb von euch befindet; Gott schaut euch freundlich an – und das nicht nur in der heiligen Nacht!

Das ist es, was uns der erste König zuruft, der um diese Mitte kreist, die er gefunden hat.

 

Der zweite erzählt davon, welche Folgen es hat, wenn man sich auf diese neue Blickrichtung einlässt:

Sieh her, wie wir in Schwung gekommen sind. Lass dich doch auch durch die Freude dieser Tage in Bewegung bringen! Spring über den Schatten deiner Sturheit, geh aus dir heraus und offen auf andere zu! Vergiss wenigstens für ein paar Stunden das Festgefahrene in deinem Leben!“

Wo wir dem Mensch gewordenen Gott, wo wir Gottes Menschenfreundlichkeit begegnen, wo er uns freundlich ansieht, da gibt es nichts mehr, was uns gefangen nimmt –

nicht die Sorgen, die wir uns machen und nicht unsere Trägheit; nicht die Standpunkte, auf die wir uns oft versteift haben und nicht die Sachzwänge, die uns angeblich keine Wahl lassen; nicht unsere Bequemlichkeit und auch nicht unser Bestreben, für uns selbst immer das Beste heraus zu holen.

 

Die frohe Botschaft der Engel – „Euch ist heute der Heiland geboren!“ – lässt die Hirten aufbrechen: „Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist…“

Nichts hält sie mehr zurück, voller Freude lassen sie sich in Bewegung setzen, um auf das Neue, das Unerwartete zuzugehen.

Die frohe Botschaft der Engel – sie will und soll auch unserem Leben neuen Schwung geben; sie soll uns herausreißen aus allem Festgefahren-Sein und aus aller Eintönigkeit; sie soll uns erfüllen mit Hoffnung, wo wir resigniert haben; mit Mut, wo Angst uns die Kehle zuschnürt; mit Offenheit, wo wir uns in uns selbst verkrochen haben.

Euch ist heute der Heiland geboren!“ – das müssen wir uns immer wieder sagen, daran müssen wir uns immer wieder erinnern lassen; ihr werdet mit neuem Schwung für euer Leben beschenkt und könnt offen aufeinander zugehen.

Und wenn es die Könige auf der Weihnachtspyramide sind, die uns das mit leiser Stimme in Erinnerung rufen!

 

Der dritte fehlt noch, auch er hat noch was Wichtiges zu sagen: „Es braucht nur ein bisschen Licht und ein wenig Wärme – und schon wird es bei uns lebendig.“

 

Von Ehrlichkeit und Herzlichkeit spricht er, um zu zeigen, wie Licht und Wärme bei uns aussehen könnten.

Ich denke, da fällt uns noch vieles ein, was unser Leben, was unser Zusammenleben „lebendig“ macht:

Wenn wir einander zuhören, anstatt alles besser zu wissen; wenn wir hinhören, wo andere unsere Hilfe brauchen;

wenn wir mitarbeiten an einer gerechten Welt – im Großen wie im Kleinen;

wenn wir dazu beitragen, dass Kinder in aller Freiheit die Welt entdecken können, und dass die Erfahrungen und Erinnerungen der Alten gehört werden;

wenn wir Begegnungen ermöglichen zwischen Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind;

wenn wir uns nicht beeindrucken lassen von denen, die Hass oder Fremdenangst predigen;

wenn wir uns mit Not, Hunger und Armut nicht einfach abfinden…

Ein bisschen Licht, ein wenig Wärme.

 

Aber, und auch das macht das Bild von der Weihnachtspyramide deutlich:

So wie wir die Mitte nicht in uns selbst finden, kommen Licht und Wärme nicht aus uns heraus.

 

Wir können allenfalls weitergeben, was wir selbst geschenkt bekommen.

Wir können uns bewegen lassen von dem Licht, von der Wärme, die „zur Welt gekommen sind“, die uns auch heute anstrahlen, weil Gott Mensch geworden ist.

 

Und dann geht es uns wie dem alten Hirten:

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als uns mitreißen zu lassen.

Gott schenke uns „bewegte Zeiten“, erfüllt von seinem Licht und seiner Wärme – über diese Nacht hinaus!

 

Amen.



[1] Wolfgang Raible, 100 Kurzansprachen, S. 46f.

 

Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de