Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

25.11.07 Markus 13,31-37

Predigt am 25.11.2007 (Ewigkeitssonntag) über
Markus 13,31-37 von Pfarrer Matthias Bauschert

Liebe Gemeinde,
am Totensonntag, am Ewigkeitssonntag, an dem wir uns an unsere Verstorbenen erinnern und uns unserer Hoffnung vergewissern wollen, von der wir leben –
an diesem Tag hören wir in unserem Predigttext Worte Jesu, die mit der Ankündigung des Endes beginnen:
Ich lese aus Markus 13 die Verse 31-37.
„Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“

„Himmel und Erde werden vergehen.“
Mit dieser ganz allgemeinen Aussage über die Endlichkeit

alles Geschaffenen beginnt unser Predigttext.
Die Frage nach dem „Wie“ und dem „Wann“ dieses Welten-Endes hat Menschen schon immer beschäftigt.
Immer wieder gibt es Menschen, die meinen, das Datum des Weltuntergangs berechnen zu können. Erst jetzt war wieder zu lesen von einer Gruppe, die sich, bis es Anfang nächsten Jahres so weit ist, in einer Höhle verkrochen hat!
Wenn ein – bis auf den Tag genau angegebenes – Datum für den Weltuntergang vorbeigegangen ist, dann scheint allen eine solche Vorhersage im Nachhinein als lächerlich.
Wenn ein solches Datum jedoch in der Zukunft liegt, dann gibt es immer wieder Menschen, die sich davon Angst ma-chen lassen.

Wir wissen um die Endlichkeit unseres Lebens.
Auch die Vorstellung der Endlichkeit unserer Welt als Gan-zes ist uns nicht fremd –
„Himmel und Erde werden vergehen“.
Aber es ist nicht unsere Aufgabe, Spekulationen über den Zeitpunkt dieses Ereignisses anzustellen – wenn im Zu-sammenhang des „Vergehens von Himmel und Erde“ über-haupt noch von „Zeit“ gesprochen werden kann.
Dass jedoch unsere Welt und unser Leben geborgen bleiben in der Hand Gottes, auch im Vergehen, darauf können wir vertrauen, wenn Jesus sagt:
„Von dem Tag aber und der Stunde weiß niemand, auch die

Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“
So viel sei gesagt zu allen „Weltuntergangspropheten“, die –erstaunlicherweise – immer wieder in der Lage sind, Men-schen Angst zu machen.

„Himmel und Erde werden vergehen“ –
dieser Satz hat aber noch eine ganz andere Dimension.
Und damit kommt er vielen von uns heute viel näher.
Die Namen der im zu Ende gehenden Kirchenjahr Verstor-benen haben wir vorhin auf dem Friedhof gehört.
Manche Erinnerung ist noch ganz frisch.
Für viele ist es noch nicht allzu lang her, dass sie Abschied nehmen mussten –
vom Mann oder der Frau, von Mutter oder Vater, von Sohn oder Tochter, von Freund oder Freundin.
Viele Wunden sind noch nicht verheilt.
Und manche oder mancher kann vielleicht sagen:
„Ja, genau so ist das für mich gewesen – als ob Himmel und Erde einstürzen.“
Das eigene Leben ist durch den Tod eines geliebten Men-schen leer geworden.
Die Endgültigkeit des Todes markiert ein Ende.
Für die, die trauernd zurückbleiben, ist eine Welt zusam-mengebrochen – nach so langer Ehe, nach all dem, was man miteinander erlebt und miteinander durchgemacht hat.

Schmerzlich hat man erfahren müssen, was das heißt:
„Himmel und Erde vergehen“ – nichts ist mehr, wie es war.

Aber stimmt das?
Hat wirklich nichts Bestand?
Im Predigttext hören wir etwas anderes:
„Meine Worte aber werden nicht vergehen“, sagt Jesus.
Das kann doch gar nicht sein, geht es einem da durch den Kopf. Alles vergeht – aber es gibt doch etwas, was bleibt?
Gibt es noch Worte, wenn Himmel und Erde nicht mehr existieren? Und wenn nichts mehr da ist – was nützen dann die Worte Jesu?
Man kann schon ins Grübeln kommen über diesen Bibel-text, der zunächst so einleuchtend klingt!

Aber vielleicht helfen auch hier die Erfahrungen derer wei-ter, die einen Menschen verloren haben:
Da sitzt man im Wohnzimmer, das einem plötzlich so leer vorkommt, und nimmt – zum wievielten Mal eigentlich? – ein Bild des geliebten Menschen zur Hand.
Vieles geht einem durch den Kopf.
Und dann kommen auch die Worte, die er, die sie gesagt hat:
„Uns geht’s doch gut miteinander.“
„Ich bin dankbar, dass ich dich habe.“
„Ohne dich wäre mein Leben leer gewesen.“

Man erinnert sich an die liebevolle Anrede, an einen Hän-dedruck, eine Umarmung.
Und dann ist es fast, als ob man die vertraute Stimme hören könnte.
Worte sind eben nicht „Schall und Rauch“.
Wenn sie einen Eindruck in unserer Seele hinterlassen ha-ben, dann bleiben sie.

Weil Worte bleiben, weil Jesu Worte nicht vergehen –
deshalb spricht aus diesem Text eine Hoffnung gegen alle Weltuntergangsstimmung.
Was Jesus gesagt hat, hört nicht auf.
Es klingt weiter.
Was er gesagt hat über die Liebe Gottes zu uns Menschen, das bleibt gültig. Die Hoffnung auf ihn hat Bestand – auch wenn alles andere vergeht.

Das Ende der Welt, das Ende unseres Lebens auch muss uns keine Angst machen, weil Gott derselbe bleibt – jetzt und in Ewigkeit. Das Ende, auf das wir zugehen, darf uns keine Angst machen, weil Gott selbst es ist, der auf uns zukommt.
Darauf vertrauen wir, wenn wir von seiner bleibenden Liebe sprechen.

Das Wissen um die Endlichkeit allen Seins gehört zu unse-rem Leben – und doch tun wir oft so, als ob wir ewig leben

würden. Wir sehen nicht, was vergeht – wollen es nicht se-hen. Der französische Schriftsteller Xavier de Maistre fasst dieses Nicht-Sehen in Worte:
„Ich werde also eines Tages sterben! Wie? Ich werde ster-ben, ich der spricht, ich der sich fühlt und berührt, ich könnte sterben? Es bereitet mir einige Mühe, das zu glau-ben: denn schließlich ist nichts natürlicher, als dass die an-deren sterben: man sieht es alle Tage: man sieht sie dahin-gehen und man gewöhnt sich daran; aber selbst sterben? Persönlich sterben? Das ist ein ziemlich starkes Stück.“

Wenn wir uns weigern, über die Vergänglichkeit nachzu-denken – auch über unsere eigene –, dann verlieren wir auch das Gespür für das, was bleibt.
Weil das so ist, deshalb fordert Jesus uns zur Wachsamkeit auf. Er spricht zunächst zu seinen Jüngern: „Seht euch vor, wachet!“ Aber er wendet sich auch an uns alle: „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“

Jesus erzählt das Gleichnis vom Herrn, der das Haus ver-lässt und von den Knechten, die er mit ihren Aufgaben zu-rücklässt.
Er erzählt es den Jüngern kurz vor seinem bevorstehenden Tod. Besonders betont wird die Aufgabe des Türhüters.

Er soll wach bleiben und nach der Tür sehen, damit er nicht schläft, wenn sein Herr zurückkommt.
Aber der Zeitpunkt des Kommens lässt sich nicht vorherbe-rechnen: „Ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.“
Ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen.“

Was heißt das – wachsam zu sein?
Was bedeutet das konkret für das je eigene Leben?
Wer wachsam ist, lebt im Wissen um die Begrenztheit des eigenen Lebens.
Und auch da gilt: Wir kennen weder Tag noch Stunde.
Wer wachsam ist, erkennt und akzeptiert seine Lebenszeit als begrenzte Zeit.
Von einer amerikanischen Nonne stammt der bekannte Satz: „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!“
Dieser Satz fasst beides zusammen:
Das Wissen um die Begrenztheit des Lebens, um den „Rest“, der uns noch bleibt.
Und er spricht auf der anderen Seite von der Lebensfreude, vom ersten Tag, der immer wieder neu gelebt werden will.
Denn jeder Tag ist dieser erste Tag.
„Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens!“

Wachsam sein heißt, in der Erwartung zu leben, dass Gott

„im Kommen“ ist. Die Tür steht offen.
Aufgabe des Türstehers ist es nicht, die Tür zu verschließen.
Der Türsteher des Gleichnisses ist kein Mitarbeiter der
„Wach- und Schließgesellschaft“.
Tür-Hüter Gottes sind vielmehr Tür-Öffner:
„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ – so werden wir es in der Adventszeit wieder singen.

Die Hoffnung auf den kommenden Herrn verändert Men-schen. Sie lässt sie schon jetzt im Vertrauen darauf leben, dass wahr werden wird, was verheißen ist: „Und Gott wird abwischen alle Tränen.“
Als wachsame Türhüter Gottes steht es uns gut an, an dieser Hoffnung festzuhalten und sie weiterzugeben.
Denn das Wort Gottes hat Bestand – auch dann, wenn Himmel und Erde vergehen.

Aber – und das muss auch betont werden - es ist eine Hoff-nung, von der wir reden.
Die neue Welt Gottes ist noch nicht Wirklichkeit geworden.
Wir leben in einer Welt, in der noch lange nicht alle Tränen abgewischt sind.
Wachsam sein heißt auch, vor der oft dunklen Wirklichkeit unserer Welt die Augen nicht zu verschließen.
Menschen leiden unter Krankheiten, auch unter Krankhei-ten der Seele.

Sie leiden an der Trauer über den Verlust eines geliebten Mitmenschen.
Menschen leiden unter dem Hass anderer.
Sie leiden unter der Ungerechtigkeit in unserer Welt.

Als Christen, als „Knechte“ des abwesenden Herrn haben wir die Aufgabe, wachsam zu sein und zu bleiben.
Wir müssen, so schrieb Dietrich Bonhoeffer, glauben und wachen, „wie wenn es Gott nicht gäbe“.
Der Herr ist nicht da, noch nicht da, so dass wir die Verant-wortung für das Haus nicht abgeben können.
Wer wach ist, sieht mehr – manches auch, vor dem man lieber die Augen verschließen möchte.
Manchmal wäre es leichter, die Nacht zum Schlafen zu nüt-zen. Wer vor der Dunkelheit der Welt die Augen verschließt, muss nicht mehr sehen, was weh tut.
Doch Jesus sagt nicht: Legt euch zur Ruhe mit der Hoff-nung, die ihr habt und schlaft den Schlaf der Gerechten.
Wer schläft, hat den Blick auch von der offenen Tür abge-wendet, durch die das Licht der Zukunft Gottes – als Hoff-nungslicht – schon jetzt in unsere Welt herein scheint.

Es ist nicht leicht, wach zu bleiben.
Das zeigt das Beispiel der Jünger Jesu, die immer wieder in Schlaf fallen – während Jesus selbst wacht und betet.
Weil es schwer ist, wach zu bleiben und den durch die Tür

fallenden Hoffnungsschimmer nicht zu übersehen –
deshalb ruft Jesus uns zu: Wachet!
Wir sind verantwortlich für das Haus, das er uns überlassen hat.
Wachsam leben heißt deshalb, sich nicht abzufinden mit dem Zustand und dem Leid unserer Welt.
Das heißt aber auch, dass wir diesem Leid keine letzte Macht über uns und unser Leben zugestehen dürfen.
Das, was wir sehen, das, was weh tut, ist nicht das Letzte!

Wir brauchen Träume, Hoffnungsbilder, Visionen – und die leuchten herein zu uns durch die Tür, die offen steht.
Wir brauchen Bilder, durch die sich für uns der Himmel öffnet. Wir brauchen sie gerade angesichts von Tod, Trauer und Leid.
Ein kurzer Dialog kann das verdeutlichen:
Zwei Töchter stehen am Grab ihrer Mutter:
„Da unten ist Mama“, sagt die Größere zu der Jüngeren.
„Dann hast du mich angelogen, als du gesagt hast, sie ist im Himmel.“
„Träumst du manchmal?“, fragt die Große.
„Ja.“
„Siehst du, dann bist du auch in deinem Bett und gleichzei-tig ganz woanders.“

Wir leben ganz und gar in dieser Welt mit all ihrem Leid.

Und gleichzeitig leben wir von der Hoffnung, dass Gott selbst alle Tränen abwischen wird.

Im 126. Psalm haben wir miteinander gesprochen:
„Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“.
Auch das ist ein Hoffnungsbild.
Wie viele Tränen wurden und werden in dieser Welt ge-weint!?
Ich denke an die Tränen, die vergossen werden über den Verlust eines geliebten Menschen.
Ich denke an die Tränen der vielen Opfer von Krieg und Gewalt.
Ich denke an die Tränen der Mutter, die ihrem Kind nichts mehr zu essen geben kann und hilflos zusehen muss, wie es verhungert.
Die Tränen sind nicht umsonst – sagen uns die alten Worte dieses Psalms.
Tränen sind die Saat, Freude ist die Ernte.
Leid ist nicht das Letzte.
Hoffnung leuchtet auf.
Ein Hoffnungsbild gegen das Leid!

Diese alten Hoffnungsbilder sind kein Traum.
Jesus selbst steht dafür ein – mit seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung.
Sein Wort der Liebe hat Bestand und vergeht nicht.

Es leuchtet herein in alle Dunkelheit unserer Welt.
Das Vertrauen auf das nicht vergehende Wort Gottes hat Jochen Klepper in einem „Trostlied am Abend“ in Worte gefasst:
„In jeder Nacht, die mich umfängt,
darf ich in deine Arme fallen,
und du, der nichts als Liebe denkt,
wachst über mir, wachst über allen.
Du birgst mich in der Finsternis.
Dein Wort bleibt noch im Tod gewiss.“

Amen.

Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de