Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

25.12.10 Joh. 8, 12-16

 

Predigt am 25./26.12.2010 über Joh. 8, 12-16

 

 

Warum zünden wir in der Advents- und Weihnachtszeit so viele Kerzen an, wozu brennen da so viele Lichter?

Das, liebe Gemeinde, wollte ich vor wenigen Wochen, in den ersten Adventstagen, von meinen Schülern im Religionsunterricht wissen.

Und ich hatte auch schon eine Ahnung, welche Antworten ich bekommen würde – weil Kerzen so ein schönes Licht machen, weil sie gut riechen, weil das halt zu Weihnachten dazu gehört, weil es im Winter dunkel ist… usw.

Aber dazu kam es gar nicht.

Denn ein Schüler – und das ist mit Sicherheit keiner von denen, die immer das sagen, was der Lehrer hören will – einer sagte gleich am Anfang voller Überzeugung:

Die Lichter stehen für die Liebe, die mit Jesus in die Welt gekommen ist.

Da war ich dann doch überrascht, wie kurz und knapp dieser Drittklässler auf den Punkt gebracht hat, was der Grund für die vielen Lichter ist, die in unterschiedlichster Form für uns zu Weihnachten dazu gehören – die Liebe Gottes, in Jesus Christus Mensch geworden!

Seien wir ehrlich – könnten wir uns Advent und Weihnachten ohne Lichter vorstellen?

Ohne Kerzen auf dem Adventskranz, ohne beleuchtete Christbäume, ohne Lichterketten?

Sicher, manchmal kann es einem auch zu viel werden; und manches Geblinke und Gefunkel ist schon einigermaßen geschmacklos – aber da sind die Geschmäcker eben verschieden.

Auch wenn ich kein großer Freund vom Trubel auf den Weihnachtsmärkten bin – die leuchtenden Ludwigsburger Engel finde ich von Jahr zu Jahr schöner.

 

Aber nach und nach verlöschen diese Lichter wieder: Die Adventskränze haben ausgedient, die Engel auf dem Marktplatz sind wieder „abgeschaltet“.

Die Lichter auf den Christbäumen werden uns zwar noch eine Weile begleiten.

Aber danach – was ist dann? Was bleibt?

 

Wenn all diese Lichter für die Liebe Gottes stehen, dann muss es da doch noch etwas anderes geben als das Licht, das  wir selber machen können.

„Wie schön leuchtet der Morgenstern“, heißt es in einem

Weihnachtslied; und gemeint ist damit eben der, dessen Licht nicht verlöschen wird – auch dann nicht, wenn längst alle Weihnachtsdekorationen wieder weggepackt sind.

Um dieses Licht, das Jesus selbst ist, geht es im heutigen Predigttext aus Johannes 8, die Verse 12 bis 16:

 

 „12 Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. 13 Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr.

14 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe.

15 Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand.

16 Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.“

 

Im Schulgottesdienst vor wenigen Tagen haben die Kinder die Geschichte vom „Sternenbaum“ vorgespielt. Da erinnert sich ein alter Mann daran, dass er als Kind immer Sterne

aus Goldpapier aufgehängt hat. Als er es jetzt wieder versucht, muss er feststellen, dass das Glitzern dieser Sterne im Lichtermeer der Leuchtreklame und der Weihnachtsdekoration der Stadt total untergeht.

Erst als durch einen Sturm die Stromversorgung ausfällt und die Stadt im Dunkeln liegt, sehen zuerst die Kinder die Sterne, die der Mann an einen Baum hängt.

„Wie Weihnachten“, flüstern sie.

 

Licht in dunkler Nacht – das erinnert an Weihnachten.

Es gehört ja schon zur Weihnachtsgeschichte selbst dazu, wie sie in den Evangelien erzählt wird – denken wir nur an das Licht, das mit den Engelchören die Nacht zum Tag macht; denken wir an den Stern über Bethlehem, der den Weisen den Weg zeigt.

Und auch in der hoffnungsvollen Ankündigung des Propheten Jesaja spielt das Licht schon eine große Rolle: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“

 

Doch wenn wir vom Licht reden, können wir die Dunkelheit nicht „ausblenden“.

 

Aber wissen wir überhaupt noch, was Finsternis ist? Oder geht es uns da wie dem Mann in der Geschichte, dessen Weihnachtssterne nicht leuchten können, weil es um ihn herum viel zu hell ist?

Ich erinnere mich an eine Reise nach Peru; mitten in der Nacht bin ich bei einem kleinen Dorf in den Anden aus dem Zug ausgestiegen. Es war nur ein kurzer Weg ins Dorf, aber weder die Straßen noch die Häuser waren beleuchtet. Es war wirklich stockfinster. Dafür hat der Sternenhimmel gestrahlt, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte.

Aber vor meinen Augen, um mich herum war es dunkel, und ich wäre dankbar gewesen schon für ein kleines Licht, das mir den Weg hätte ausleuchten können.

 

Finsternis – das kann ja auch ein Bild sein für anderes, für Orientierungslosigkeit mitten im Leben:

Wenn ich nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll; wenn ich nicht mehr ein noch aus weiß; wenn ich mir Sorgen mache; wenn Angst mir die Kehle zuschnürt vor dem, was kommt. Und da gibt es – das wissen wir alle – vieles, was uns das Leben verfinstern kann…

 

Da hinein möchte ich heute unseren Predigttext hören; und

dazu noch die frohe Botschaft der Engel aus der Weihnachtsgeschichte: „Fürchtet euch nicht! …Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln.“

Das möchte ich mitnehmen über diese Tage voller Licht hinaus; das möchte ich mit hinein nehmen in alles, was kommt; davon möchte ich mich tragen lassen in allem, was mir Angst macht und was mir vielleicht schon ganz konkret vor Augen steht – aber auch in dem, was unerwartet, ungeplant und vielleicht auch unerwünscht auf mich zukommen wird.

Solches Vertrauen soll mich begleiten:

Wenn Weihnachten vorbei ist, verlöschen zwar die vielen Lichter, die wir angezündet haben – aber das Licht, das in Jesus Christus gekommen ist, das Licht der Welt, leuchtet weiter: als Hoffnungslicht; als Licht, das Orientierung und Halt gibt.

Ich will es mir leuchten lassen in der Erinnerung an das Wort aus Kindermund: Das Licht steht für die Liebe, die mit Jesus Christus in die Welt gekommen ist.

 

Aber was heißt das jetzt konkret – für mich, für uns; für unser Zusammenleben hier am Ort, in der Kirchengemeinde? Was heißt das für unsere Welt?

 

Zunächst einmal sicher dies:

Der Finsternis wird ihr Recht bestritten; wo Finsternis herrscht, wo Menschen im Dunkeln tappen, da ist etwas zutiefst nicht in Ordnung.

Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt sollen nicht sein.

Sorge und Angst dürfen uns nicht gefangen nehmen, dürfen unser Leben nicht bestimmen.

 

Doch wir wissen, dass all das, was Leben verfinstern kann, nicht einfach aus unserer Welt verschwindet:

Da ist die große Finsternis der Zertrennung unserer Welt in arm und reich; der Irrsinn, dass die einen – gerade an Weihnachten – darüber nachdenken, wie sie die unnötigen Pfunde wieder loswerden, während andere nicht wissen, wovon sie am nächsten Tag satt werden sollen. Das ist und bleibt ein Skandal; und wir irren einigermaßen ratlos herum und finden keinen Ausweg.

Da ist die Finsternis, dass Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung einander nichts mehr zu sagen haben – schlimmer noch: dass einzelne Gruppen versuchen, ihren Glauben mit Gewalt durchzusetzen. Diese „Verfinsterung“ des Zusammenlebens ist mit nichts zu rechtfertigen; und wir wissen, wie sehr auch unsere christliche Geschichte

mit Hass gegenüber anderen, mit Gewalt verbunden ist – das sollte uns vor selbstgerechtem Urteilen gewarnt sein lassen.

Da ist und bleibt aber auch die Finsternis im eigenen Leben – wenn eine ärztliche Diagnose das ganze Leben verändert; wenn Beziehungen zerbrechen; wenn manches ganz anders kommt, als man es geplant oder sich gewünscht hätte; wenn Menschen endgültig Abschied nehmen müssen.

 

All das ist da und verschwindet nicht einfach.

Und doch scheint das „Weihnachtslicht“ mitten hinein in all diese Dunkelheiten.

Die „Menschwerdung“ Gottes, die wir an Weihnachten feiern – dass Gott Mensch wird, das kann doch nur heißen:

Er selbst ist dabei – in all dem, was uns das Leben verfinstert; so dunkel es auch ist – in unserer Welt, in unserem Leben – er steht an unserer Seite; wir sind Gott nicht los, wir sind nicht gottlos!

 

Das, liebe Weihnachtsgemeinde, lässt sich nicht beweisen.

Die Weihnachtsgeschichte, die Geschichte von der Menschwerdung Gottes ist und bleibt eine Glaubensgeschichte. Sie fordert uns immer neu heraus, vertrauensvoll zu glauben,

 

was da erzählt wird;

sie fordert uns heraus, das ernst zu nehmen, dass die Finsternis in unserem Leben, in unserer Welt – und wenn sie uns noch so sehr bedrängt – nicht sein soll und nicht sein darf!

 

Und das kann und wird unser Leben verändern.

Die Liebe Gottes, die mit Jesus Christus „zur Welt“ gekommen ist, ist eine „verzehrende“ Liebe.

Sie bleibt nicht für sich selbst, sondern sie verschenkt sich.

Und gerade das Weihnachtsfest lädt uns dazu ein, dieses Geschenk anzunehmen.

Eine Kerze besteht aus Wachs und aus einem Docht.

Erst wenn sie sich entzünden lässt, wird sie zum Licht, beginnt zu strahlen, zu wärmen und zu leuchten.

Und dabei verzehrt sie sich selbst.

Zu lieben und ganz bei sich bleiben, nichts von sich herzugeben, ist unmöglich.

„Ich bin das Licht der Welt“, sagt Jesus.

Und ich will dich „entzünden“, dass du „entbrennst“ für das Leben.

 

Auch so wird dieser Weihnachtstext für mich konkret:

 

Er enthält auch einen Anspruch, eine Herausforderung für mich.

Von „Nachfolge“ ist da die Rede:

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“

 

Es geht also auch darum, selbst dieses Licht weiterzugeben, es weiterzutragen, sich „entzünden“ zu lassen für die Sache Jesu, zu „brennen“ für seinen Weg der Liebe, des Friedens und der Gerechtigkeit.

Und auch wenn wir selbst nicht in der Lage sind, alle Finsternis zu vertreiben – schon gar nicht die in uns selbst! –, so sind wir doch aufgerufen, nicht müde zu werden, Schritte zu tun auf den Wegen des Lichts; Schritte zu wagen, die der Finsternis ihr Recht auf uns streitig machen.

 

Aber vor all unserem Tun und Lassen steht der weihnachtliche Zuspruch, der uns herausreißen will aus aller Finsternis, die uns gefangen hält:

„Fürchtet euch nicht! …Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht im Finstern wandeln.“

 

 

Der Text eines neueren Weihnachtslieds soll jetzt am

Schluss stehen:

„Es wird nicht immer dunkel sein – so klingt seit alter Zeit das Wort der Hoffnung heil hinein in Menschentraurigkeit. Und halten auch die Hirten noch im Finstern ängstlich Wacht, hat doch Gott schon den Himmel aufgemacht in der Nacht, hat doch Gott schon längst den Himmel aufgemacht.“ (Neue Lieder, 38)

 

Lassen wir uns diese Hoffnung nicht nehmen und wagen wir neue Schritte in seinem Licht, das uns auch über Weihnachten hinaus leuchten will.

 

Amen.


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