Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

26.08.07 Lukas 15, 11-32

Predigt zu Lukas 15, 11-32  - Vom verlorenen Sohn

26.08.07 - Lektor Klaus Bendel

Liebe Gemeinde,

Viele Menschen sind in dieser Sommerzeit zu Reisen aufgebrochen.

Die Motive der Touristen sind sehr unterschiedlich. Viele wollen einfach ihren Alltag hinter sich lassen. Andere sind voller Sehnsucht nach dem Unbekannten. Sie wollen ferne Länder, unbekannte Kulturen und andere Lebensweisen kennen lernen.

 

Wer in den Urlaub fährt, will erfahren, was im Leben noch möglich ist.

Der Handwerker träumt davon, sich einmal  in einem Hotel an der Costa Brava richtig verwöhnen zu lassen.

Eine Lehrerin sehnt sich endlich nach Stille, vielleicht in einem Kloster auf Zeit oder auf einer Reise zu den Fjorden Norwegens.

Andere setzen sich ins Wohnmobil, um völlig ungebunden zu sein und einfach dort Urlaub machen zu können, wo es ihnen gerade gefällt.

Kinder träumen, dass die Eltern endlich einmal Zeit für sie haben.

Andere suchen ihre eigenen Grenzen bei einer Fahrradtour über die Alpen oder einer Klettertour in den Karpaten. Nebenbei erfahren sie so den Sinn einer Seilschaft hautnah.

Für Manche ist der Urlaub so wichtig, dass sie sich  sogar verschulden sich sogar, um ihre Urlaubsreise zu finanzieren.

Doch nicht immer sind die Reisen, die wir Menschen unternehmen freiwillig. Manchmal werden wir gezwungen. Von anderen Menschen wie bei Josef, der nach Ägypten verkauft worden war oder aber von unserem Ego unserem inneren ICH.

 

Unser heutiger Predigttext erzählt von solch einer Reise. Ich lese aus Lukas 15, 11–32:

 

Vom verlorenen Sohn
11 Und er sprach: Ein Mensch hatte zwei Söhne.12 Und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Gib mir, Vater, das Erbteil, das mir zusteht. Und er teilte Hab und Gut unter sie. 13 Und nicht lange danach sammelte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land; und dort brachte er sein Erbteil durch mit Prassen. 14 Als er nun all das Seine verbraucht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er fing an zu darben 15 und ging hin und hängte sich an einen Bürger jenes Landes; der schickte ihn auf seinen Acker, die Säue zu hüten. 16 Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, die die Säue fraßen; und niemand gab sie ihm. 17 Da ging er in sich und sprach: Wie viele Tagelöhner hat mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe hier im Hunger! 18 Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir. 19 Ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! 20 Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. 21 Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heiße. 22 Aber der Vater sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße 23 und bringt das gemästete Kalb und schlachtet's; lasst uns essen und fröhlich sein! 24 Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. 25 Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er Singen und Tanzen 26 und rief zu sich einen der Knechte und fragte, was das wäre. 27 Der aber sagte ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiederhat. 28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn. 29 Er antwortete aber und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot noch nie übertreten, und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. 30 Nun aber, da dieser dein Sohn gekommen ist, der dein Hab und Gut mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. 31 Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein. 32 Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.

(Bibeltexte in verschiedenen Übersetzungen und Sprachen finden Sie unter www.bibelserver.com)

 

 

»ein Mensch hatte zwei Söhne.«

So beginnt die Geschichte, die wir eben gehört haben.

Man könnte auch sagen „zweierlei Söhne“, denn der eine macht eine große Reise in ein fernes Land

und kehrt als anderer Mensch wieder zurück.

Der andere bleibt zu Hause und arbeitet auf seinem väterlichen Hof und lebt seinen Alltag tagein, tagaus.

Was den jüngeren Sohn bewogen hat, sich von seinem Vater sein Erbteil auszahlen zu lassen, erfahren wir nicht. Sein „inneres Ich“ hat ihm wohl keine Ruhe gelassen und ihn dazu getrieben, (sicherlich gegen den Willen seines Vaters und seiner Familie) sich seinen Erbteil ausbezahlen zu lassen und sein Glück in der Fremde zu suchen. 

Ruhelos packt er seine Sachen, um in ein fremdes Land zu ziehen. Wenig wird uns über diese Erfahrungen, die der jüngere Sohn im Ausland macht, erzählt. »Er brachte sein Erbteil durch mit Prassen,« heißt es nüchtern und viel sagend. Dem Sohn gelingt es jedenfalls nicht, sich in der Fremde eine eigene Existenz aufzubauen. Als nun eine Hungersnot ausbricht und alles teurer wird, ist das Geld des Vaters schnell aufgebraucht.

Schweine sind nach jüdischem Gesetz unrein, nicht koscher und dürfen daher nicht gegessen werden.

Es haben sich im jüdischen Land jedoch zu allen Zeiten auch Nichtjuden angesiedelt. Menschen kamen aus den umliegenden Ländern - sogar ferneren Ländern wie Griechenland. Für diese Menschen war das Schweinefleischessen erlaubt. Vermutlich hatte er bei einem solchen „heidnischen“ Nichtjuden Arbeit gefunden.

Der Sohn eines freien und wohl recht wohlhabenden jüdischen Mannes muss bei einem Heiden als Schweinehirt arbeiten und unreine Tiere hüten.

Nicht einmal das, was die Schweine, zu fressen bekommen, darf er essen.

Nach jüdischem Verständnis kann ein Mensch nicht tiefer sinken. Der jüngere Sohn ist nun weniger  Wert als ein Schwein.

Der jüngere Sohn hat sein Ego, das ihn in die Fremde getrieben hatte genau dort verloren. Kein Stolz, kein Eigensinn, keine Unruhe ist mehr da – nur noch Demut, Verlassenheit und Hunger ….

Er ist am Ende.

So sitzt der jüngere Bruder, der sein Glück in der Fremde suchte, mit leerem Magen neben dem Schweinetrog. 
Er geht in sich und denkt über seine unglückliche Lage nach. Die Bilder vom Leben in seines Vaters Haus kommen ihm in den Sinn. Saat und Ernte, Arbeit und Ruhe prägten den Rhythmus des Jahres. Und er denkt auch an die Angestellten, die dort nach der Arbeit am Tisch ihr Essen bekamen. Als Sohn hat er nun kein Recht mehr, dort zu essen. Aber die Taglöhner haben es viel besser als er jetzt am Tiefpunkt seines Lebens. So beschließt er, heimzukehren in das väterliche Haus. Ein zweites Mal sucht er sein Glück im Aufbruch. War es zunächst das Fernweh, so packt ihn nun das Heimweh.

 

Daheim wird er auf das Sehnlichste erwartet. Als er noch weit vom Haus entfernt ist, erkennt ihn der Vater. Er läuft seinem Sohn entgegen und schließt den heruntergekommenen Heimkehrer in seine Arme. Eine bewegende Szene. Der Sohn bekennt seine Schuld. Und erwartet, trotz des herzlichen Empfangs nun die Strafpredigt des Vaters.

Doch kein Wort über die Fehler, die der Sohn begangen hatte, keine Ermahnung – Nichts als Freude!

Für den Sohn völlig unerwartet richtet der Vater ein Fest aus. Der Sohn bekommt neue Kleider, den Siegelring an den Finger, der ihn als Sohn geschäftsfähig macht. Kalbfleisch kommt auf den Tisch. Musik spielt auf.

 

Der jüngere Sohn hatte das Vermisste in der Ferne gesucht. Das Leben lehrte ihn, dass sein Glück im Vaterhaus zu finden war.

 

Der ältere Sohn war nie fort in seinem Leben. Im Gegensatz zu seinem Bruder war er nie auf den Gedanken gekommen, sein Glück in der Fremde zu suchen. Tag für Tag, Jahr um Jahr arbeitete er auf dem Hof des Vaters. Der jüngere Sohn hatte sich aus dem Staub gemacht. Den väterlichen Hof hatte er belastet, indem er sich sein Erbteil hatte ausbezahlen lassen.

 

Ich stelle mir den älteren Sohn fleißig, zäh und zielstrebig vor. Ausschweifungen und Events kamen in seinem Lebensentwurf nicht vor. Paul Gerhardt hat eine Liedstrophe gedichtet, die auf den älteren Sohn passen könnte:

 

»Was ist mein ganzes Wesen von meiner Jugend an

als Müh und Not gewesen? Solang ich denken kann,

hab ich so manchen Morgen, so manche liebe Nacht

mit Kummer und mit Sorgen des Herzens zugebracht.«                                                                   (EG 529, 2)

 

Und dann kommt der ältere Sohn eines Tages von der Feldarbeit nach Hause.

Bratenduft, Gelächter, der Geruch von Wein und Tanzmusik empfängt ihn. Als er sich erkundigt, was hier denn los sei, erfährt er, dass der jüngere Bruder zurückgekehrt sei. Weil der Vater so glücklich sei, dass sein Sohn lebt, habe er spontan ein Fest angesetzt.

 

Wut steigt in dem älteren Bruder auf. Die Rückkehr seines Bruders, der die Welt gesehen hat, wird überschwänglich gefeiert. Schreiende Ungerechtigkeit ist das. Der jüngere Sohn, der in der Fremde war, wurde vom Vater immer mehr geliebt, als er, der zu Hause war und sich täglich in die Pflicht nehmen ließ. Er will allein sein in seinem Zorn. Der Vater kommt ihm entgegen und will ihn zum Feiern dazuholen. Er sagt zu dem älteren Sohn: »Mein Sohn, du bist allezeit bei mir, und alles, was mein ist, das ist dein. Du solltest aber fröhlich und guten Mutes sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist wiedergefunden.«

 

Hier bricht die Geschichte ab. Wir erfahren nicht, wie der ältere Sohn geantwortet hat.

Hat er die Freiheit, das Leben seines Bruders mitzufeiern oder treibt ihn sein Zorn in die Einsamkeit, Herzenshärte und Grübelei?

 

Liebe Gemeinde, immer wieder berührt mich diese
Geschichte des Vaters mit den beiden Söhnen. In der Lutherbibel ist die Geschichte mit der Überschrift: »Vom verlorenen Sohn« überschrieben. Welcher der beiden Söhne ist mit dieser Überschrift gemeint? Beide Söhne suchen Glück. Beide sind – wie wir – voller Sehnsucht nach Nähe und einem nicht entfremdeten Leben. Vielleicht hat es der Sohn, der in der Fremde war, dabei leichter als der ältere Sohn, der sein Leben immer in der Nähe des Vaters geführt hat. Reisen können Menschen auf wundersame Weise verwandeln. Marie Luise Kaschnitz hat gedichtet:

»Und hören nicht auf zu wandern bis wir selbst verwandelt sind.«

 

Wer andere Orte gesehen hat und Erfahrungen in fremden Ländern gemacht hat, weiß: Es ist nicht überall auf der Welt wie zu Hause. Hier wie dort könnte manches anders sein.

 

Ob wir nun in der Fremde suchen oder an unserem Wohnort unser Leben meistern:

Wir sind unterwegs und leben unser Leben vor Gott.

 

 

»Ein Mensch hatte zwei Söhne.«

Beide waren unterwegs im Leben – wie wir – auf der Suche nach dem Glück.

Beide lebten IHR Leben – wie wir – unter den Augen und der Liebe Gottes.   Amen.

 

Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de