Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

27.07.08 Israelsonntag 08

10.Sonntag nach Trinitatis
- Israelsonntag
- Daniel 9, 15-19

Lektor Klaus Bendel

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Kein leichter Gang.

 

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

 

diesen Auftrag hatte er so richtig versemmelt.

Und das bei diesem wichtigen Großkunden.

Doch jetzt ist es passiert, der Auftrag ist verloren, der Großkunde verärgert; und sein Chef? Von dem wird er sicher gleich etwas zu hören bekommen …

Er öffnet die Türe zum Vorzimmer des Chefs. Die Sekretärin sitzt hinter ihrem Schreibtisch, schaut ihn mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid an und winkt ihn durch: „Herr Direktor Müllermaier wartet schon auf Sie!“

Seit mehr als 10 Jahren arbeitet er nun schon für diese Firma. Wie oft war er in dieser Zeit durch diese Türe gegangen um M&M, wie die Belegschaft Ihren Direktor Müllermaier nennt, wieder einmal eine gute Idee zu präsentieren.

Über die Jahre hatte er sich so viel Ansehen in der Firma erworben.

 


Als er jedoch diesmal die Klinke der Türe in der Hand hält wird ihm plötzlich heiß und kalt, seine Hände sind feucht vom Angstschweiß und die Knie zittern. Doch es hilft alles nichts, er muss da jetzt durch, muss seine Schuld vor seinem Chef eingestehen und die Konsequenzen tragen. Er tritt in das Chefzimmer und gesteht seinem Chef: „Ich habe vergessen die Bestellung weiterzuleiten. Jetzt haben wir den Großauftrag verloren und der Kunde ist so richtig sauer ..“

 


Vor rund 2500 Jahren war es ein ganzes Volk, das seine Schuld eingestehen und seinen Gott um Vergebung bitten musste.

Trotz der prophetischen Warnungen waren die Israeliten auf Konfrontationskurs gegangen - hatten sich nicht auf Gott, sondern auf irdische Verbündete verlassen.

Das Ergebnis: Babylonische Truppen hatten Israel erobert, Jerusalem und den Tempel zerstört und tausende von Menschen vor allem aus der Oberschicht des jüdischen Volkes ins Exil nach Babylon entführt.

Als Gläubige fragten sich die Verbannten:

„Warum hat uns Gott so gestraft?

Hat uns alles genommen was uns lieb und teuer war?“ –

Warum hat er uns nicht geholfen?

Und die Antwort gaben ihnen die Propheten:

Ihr selbst seid Schuld!

Durch euer gottloses Handeln, gegenüber euren Mitmenschen,

durch euer übertriebenes Selbstbewusstsein,

dafür dass ihr, die Ihr das auserwählte Volk seid, meintet den Bund mit Gott brechen zu müssen und euch lieber auf weltliche Hilfe verlassen habt.

Seht, wohin euch euer Handeln gebracht hat: Heimatlos seit Ihr geworden, eure Hauptstadt Jerusalem und der Tempel eures Herrn liegen zertreten im Staub.

Vor Trauer habt ihr euch die Kleider zerrissen und euch Asche auf euer Haupt gestreut. Doch Gott zeigt kein Mitleid mit euch, solange Ihr euch nicht ändert.

Tut Buße! Wendet euch wieder Gott zu, bekennt eure Schuld und bittet um Vergebung.

Der Prophet Daniel hat dies in ein Gebet gefasst. Dieses Gebet ist unser heutiger Predigttext.

 

Ich lese aus dem 9. Kapitel des Buches DANIEL die Verse 15-19:

 

Und nun, Herr, unser Gott, der du dein Volk aus Ägyptenland geführt hast mit starker Hand und hast dir einen Namen gemacht, so wie es heute ist: wir haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen. Ach Herr, um aller deiner Gerechtigkeit willen wende ab deinen Zorn und Grimm von deiner Stadt Jerusalem und deinem heiligen Berg. Denn wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter trägt Jerusalem und dein Volk Schmach bei allen, die um uns her wohnen. Und nun, unser Gott, höre das Gebet deines Knechtes und sein Flehen. Lass leuchten dein Antlitz über dein zerstörtes Heiligtum um deinetwillen, Herr! Neige dein Ohr, mein Gott, und höre, tu deine Augen auf und sieh an unsere Trümmer und die Stadt, die nach deinem Namen genannt ist. Denn wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
Ach Herr, höre! Ach Herr, sei gnädig! Ach Herr, merk auf! Tu es und säume nicht - um deinetwillen, mein Gott! Denn deine Stadt und dein Volk ist nach deinem Namen genannt.

 


Wir
haben gesündigt, wir sind gottlos gewesen. Nicht „unser König“ hat uns zur Sünde verführt und nun hat sich Gott von uns abgewandt. Sondern wir haben gesündigt.

Dabei ist es doch so einfach die eigene Schuld auf andere abzuwälzen.

 

Der Mann aus unserer Geschichte vom Anfang hätte auch sagen können: „Die Bestellung habe ich doch telefonisch weitergegeben. Da kann ich doch nichts dafür, wenn der Sachbearbeiter die Bestellung verschlampt…“

Doch er zeigt Charakterstärke überwindet sich und gesteht seine Schuld ein. Er gibt sich damit in die Hand seines Chefs. Es liegt nun beim Direktor, wie er mit diesem Schuldgeständnis und der Reue seines Mitarbeiters umgehen wird.

 

Auch das Volk Israel begibt sich ganz in die Hand ihres Gottes. Sie vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes. Sie wissen, dass Gott ein Gott der Gerechtigkeit und nicht der Rache ist.

„Um aller deiner Gerechtigkeit willen“ … so bittet Daniel. Er weiß wie schwer die Sünde seines Volkes wiegt.

Es bedarf einer Gerechtigkeit die sehr weit ausgelegt ist.

Er bittet Gott: suche alle Gerechtigkeit zusammen die du finden kannst – suche bis in den letzten Winkeln deines seins, denn groß ist die Sünde die auf uns liegt. Nur mit deiner göttlichen umfassenden Gerechtigkeit ist es möglich, dass du deinen Zorn von uns abwendest und uns vergibst.

 

Gott hat sich seinem Volk wieder zugewandt und es wie zuvor aus Ägypten auch jetzt von Babylon nach Hause geführt.

 

Die Geschichte zeigt uns, dass Jerusalem noch mehrmals zerstört und wieder aufgebaut wurde.

Heute gibt es wieder einen Staat „Israel“. Nach den Schrecken der Judenverfolgung im 3.Reich hat das jüdische Volk wieder Heimat gefunden im gelobten Land. Gott hat es nicht vergessen, sein auserwähltes Volk.

 

Heute ist der 10. Sonntag nach Trinitatis, heute ist Israelsonntag.

Die Juden gedenken zu dieser Zeit der Zerstörung des Tempels und Jerusalems … und wir?

 

Wir feiern heute unseren Gottesdienst am Israelsonntag und fragen uns,

haben auch wir uns versündigt?

Worin liegt unser Verschulden?

Im Handeln?

In Gedanken?

Müssen nicht auch wir um Vergebung bitten „wegen unserer Sünden und wegen der Missetaten unserer Väter“?

 


Ein schwieriges Thema.

„Was kann ich dafür, dass mein Großvater als SS-Offizier Juden verfolgt und umgebracht hat?

-         Bin ich dadurch schuldig?“

„Was kann ich dafür, dass die Nazis die Juden umgebracht haben – meine Großmutter hat sogar Juden auf dem Dachboden versteckt!

        Bin ich dadurch unschuldig?“

 


Schuld und Unschuld

Wem hilft es, wenn ich mich schuldig fühle – schuldig für die Missetaten einiger unserer Vorväter und – mütter und diese Schuld auch eingestehe?

 

Den Betroffenen selbst hilft es nicht. Die Körper der ermordeten Männer, Frauen und Kinder sind längst zu Staub zerfallen.

Den Nachfahren der Ermordeten vielleicht?

        Sicher, es tut gut, dass begangene Fehler eingestanden werden, dass man die Betroffenheit und auch das Schuldgefühl bei den Nachkommen spürt. Dass nicht nur das vorteilhafte Erbe angetreten wird, sondern auch das schlechte.

Doch was noch viel wichtiger ist:
Das Schuldgefühl hilft gegen das Vergessen!

Das Verdrängen der schweren Schuld führt letztendlich zum Vergessen der Verbrechen. Und das ist es, was es zu verhindern gilt.

 

Ein ganzes Volk ist schuldig geworden.  Doch diese Schuld macht nicht vor Landesgrenzen halt. In jedem Volk der Welt gibt es diese Gewalt -mehr oder weniger ausgeprägt.

Doch für uns ist  es wichtig, dass wir die Schuld unseres Volkes nicht einfach Beiseite schieben.

Durch das Wegschieben dieser Schuld vergessen wir mit der Zeit, die Untaten, die im Namen von Rassenreinheit und übertriebenem Nationalstolz begangen worden waren. Wir vergessen die Millionen ermordeter Familien und was am schlimmsten ist: wir vergessen wohin der pauschalierte Hass auf alle andersartige Menschen hinführen kann.

 


Eine Behinderung

Ein anderes Alter

Eine andere Hautfarbe

Eine andere Körpergröße

Eine andere Frisur

Eine andere Meinung

Eine andere Religion

 

Auch nur eines davon genügt, dass Menschen anderen Menschen Gewalt antun.

 

Häufig aus einem Machtgefühl heraus – Einem Machtgefühl gegenüber Schwächeren

– Ein Farbiger wird durch die Straßen gejagt und verprügelt.

- Ein Rentner wird krankenhausreif geschlagen

- Ein Kleinwüchsiger wird ausgelacht und hin- und hergeschupst.


Doch muss das Vergessen unserer Volksschuld sich nicht immer in Gewalt äußern. Viel häufiger sind die lästerlichen Worte und Gesten, die Andersartigen entgegen gebracht werden.

 


Das Tuscheln und Lästern hinter vorgehaltener Hand.

Das Anstarren,

das Wegschauen, wenn jemand Hilfe braucht.

 

 

Ich war letzte Woche mit der Bahn nach Berlin unterwegs.

Im ICE von Leipzig nach Berlin stieg ein junger Mann mit Rasterlocken in den Zug uns setzte sich zu einer jungen Frau und einem älteren Herrn im nachfolgenden Wagon.

An jeder Station wurden die Fahrscheine kontrolliert und so zeigte der junge Mann der Schaffnerin seinen Fahrschein. Alles OK. Der Fahrschein bekam seinen Stempel und die Fahrt ging weiter. Nach der nächsten Station kam ein weiterer Schaffner und bat darum Zugestiegene mögen bitte ihren Fahrschein zeigen. Doch in meinem Wagon war niemand zugestiegen und der Schaffner ging weiter in den nächsten. Auch dort rührte sich niemand, als der die neu zugestiegenen Fahrgäste um die Fahrkarten bat. Da fiel sein Blick auf den jungen Mann mit den Rasterlocken. Der Mann sah für den Schaffner allein durch sein Äußeres verdächtig aus. So verlangte er von ihm seinen Fahrschein. Bereitwillig gab der junge Mann Ihm die Fahrkarte. Der Schaffner nahm den Fahrschein entgegen, wandte sich ab, kontrollierte den Schein und gab ihn, ohne sich nochmals zum Fahrgast umzudrehen und ohne ein Wort des Dankes, den Fahrschein zurück.

Diese Geste der Verachtung hatte den jungen Mann getroffen.

Was hatte wohl den Schaffner dazu veranlasst, so zu handeln. Vielleicht hatte er ein negatives Erlebnis mit einem ähnlich aussehenden Fahrgast gehabt? Er hatte sicher seine Gründe, aber genau diese Verallgemeinerung, dieses „über einen Kamm scheren“, ist die Basis für den Hass auf alle Andersartige.

Und genau dies ist unsere Schuld.

Diese Verallgemeinerung

Ja, ja

-         immer diese Türken,

-         immer diese Farbigen

-         immer diese Ausländer

-         immer diese Penner

-         immer diese Punks

-         immer diese Moslems

-         immer diese …. Juden?

 

Wie oft ertappen wir uns selbst mit solchen Gedanken oder Äußerungen?

Dabei stecken doch hinter jeder dieser Gruppen einzelne Menschen.

Jeder und jede Einzelne hat einen eigene Lebensweg, eigene Wünsche und Hoffnungen, Stärken und Schwächen – Doch wie oft sehen wir immer nur die Gruppe.

 

Vor allem die, nennen wir sie  „nationalsozialistische Volksschuld“,
die ist es, die uns immer wieder daran erinnert soll und muss,
wohin es führen kann
– Dieses Gruppendenken und dieses Gruppenverachten.

 


Die Juden waren, sind und bleiben das auserwählte Volk Gottes!

Über jahrhunderte hinweg haben christliche Kirchen die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung unterstützt.

Dabei war der, dem die Christen nachfolgen ebenfalls Jude.

Dieses Kind das in ärmlichsten Verhältnissen das Licht der Welt erblickt hatte.

Dieser Junge der den Eltern ausgebüchst war, um im Tempel Gottes zu sein;

Dieser Zimmermann aus Nazareth, der den Menschen die „Gute Nachricht“ gebracht hatte und dafür am Kreuz gestorben ist.

Dieser Rabbi Jesus kam nicht als Römer auf die Welt, obwohl er so viel mehr Möglichkeiten gehabt hätte. Als mächtiger Römer hätte er seine „Gute Nachricht“ viel schneller und weiter verbreiten können. Doch Gott zeigt uns: weltliche Macht und der Reichtum sind unwichtig.

Er zeigt uns wie vergänglich all die von Menschenhand geschaffenen Dinge sind.

Jesus war als Jude geboren worden, weil die Juden das auserwählte Volk sind.

So verwundert es nicht, dass die Juden stolz darauf sind, in den Augen Gottes etwas ganz besonderes zu sein. – Das auserwählte Volk!

Die jüdische Glaubensgemeinschaft bleibt unter sich. Man kann nicht einfach so Jude werden. Als Jude wird man in aller Regel geboren.

 

Gott hat uns seinen Sohne gesandt, damit wir alle Gottes Kinder werden konnten.

Ohne Jesus finden wir Nichtjuden keinen Zugang zu Gott.

Jesus hilft uns dabei!

Mit einfachen Regeln zeigt er uns den Weg aus der Schuld.

„Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“

„Liebe deine Feinde!“

 


Was heißt das für uns heute?

-         Gehe auf die zu, die dir fremd sind, die abstoßend auf dich wirken.

-         Sei nicht voreingenommen gegenüber anderen – versuche zu vermitteln, wo sich Fronten verhärten.
Sei es auf der Straße, in der Firma, in der Schule oder in der Familie.

-         Lass nicht zu, dass Menschen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören verachtet oder gar beschimpft werden.

-         Tritt der Gewalt mit Liebe entgegen!

-         Ob Rasterlocken oder Glatze, sieh immer den Menschen – nie die Gruppe!

 

Der Jude Jesus hat uns bei sich aufgenommen.

Beim Abendmahl sitzen wir mit Ihm an einem Tisch.

Beim Abendmahl vergibt uns Gott all unsere Schuld.

 

Was können wir aus diesem Gottesdienst nach Hause und in die neue Woche mitnehmen?

Es ist die Erkenntnis, dass uns unsere Schuld von Gott vergeben wird – durch unseren Bruder Jesus Christus.

Wir müssen nicht wehklagend in der Ecke stehen.

Wenn dieser Gottesdienst vorüber sein wird, können wir befreit nach Hausen gehen. Gott hat uns vergeben!

Wir dürfen jedoch niemals vergessen, was diese Schuld verursacht hatte. Wenn wir das tun, werden wir erneut schuldig!

 


„Ein Mensch sieht was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“ – Diese Weisheit, die Jahreslosung 2003, soll uns Ansporn sein unsere eigenen engen Grenzen zu überwinden und auf andere in Gottes Namen zuzugehen, auch wenn Äußerlichkeiten uns davon abhalten möchten.

So kann aus Schuld und Trauer ein Fest des Lebens werden.

 


AMEN

 

Lektor Klaus Bendel -
Gottesdienst am 27.07.2008 in der Laurentiuskirche Ludwigsburg-Neckarweihingen
Interessante Links: http://www.meinekirche.de http://www.seelenfuetterer.de http://www.ekd.de http://www.elk-wue.de