Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

31.05.09 Johannes 14, 23-27

Predigt am 31.05.2009 über Johannes 14, 23-27 - Pfarrer Bauschert


Pfingsten, so hört man es immer wieder, liebe Gemeinde,
sei ein wenig anschauliches Fest, sei nicht so recht greifbar.
Ganz anders eben als die Erzählung von der Geburt Jesu, die sich ja so schön ausmalen lässt –
die Geschichte von der armen Familie ohne Unterkunft, vom Kind in der Krippe, den Engeln, den Hirten und den Weisen. Das Leben Jesu können wir uns vorstellen – seine Begegnung mit Menschen, die er aus ihrer Isolation herausruft. Und sein Tod am Kreuz als Konsequenz seines Redens und Handelns steht uns in seiner ganzen Grausamkeit deutlich vor Augen.
Schwieriger wird es schon mit der Ostergeschichte; aber die Erzählungen derer, denen der Auferstandene begegnet ist, lassen etwas spüren von neuer Hoffnung gegen alle Trostlosigkeit.
Danach dann die Himmelfahrtsgeschichte: Jesus ist nicht mehr da – und denen, die er zurück lässt, bleibt zunächst nur der ratlose Blick nach „oben“; bis sie dann wieder zu-rück geschickt werden in ihr Leben – dorthin, wo sie ge-braucht werden.

Und jetzt Pfingsten; wir haben die eigentlich doch recht anschauliche Geschichte gerade in der Schriftlesung gehört.
Wunderbar von Reiner Strunk in Reimform gefasst, findet sie sich im aktuellen Gemeindeblatt – ein paar Ausschnitte davon möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
„Als einst die Zwölf beisammen saßen
und Fladenbrot mit Trauben aßen,
erlosch urplötzlich mit Gezisch
das Licht auf ihrem großen Tisch. …
Da – ging es plötzlich wieder los,
was erst ein Hauch war, ward ein Stoß
und schien vom Dach herab zu führen:
man meinte, Zugluft zu verspüren.
Und einer warnte schon vor Schnupfen, –
als es begann, das Dach zu lupfen!
Ein Brausen war’s, ein Wirbelwind,
der raste um das Haus geschwind
und fuhr mit Macht und mit Gestöhn
vom Himmel abwärts gleich dem Föhn,
der niederfährt von Bergeshöhn.
Die Jünger wurden wild umbraust
und saßen reichlich sturmzerzaust.
Sie schauten sich verlegen an
und konnten in der Stille dann,
als sich verlaufen Wind und Böen,
im Raume Feuerzungen sehen:
wie’s flackerte und flimmerte
und glühend golden schimmerte
und flog umher und hat zuletzt
auf jedes Haupt sich hingesetzt.
Da wurde ihnen offenbar,
dass dies vom Geiste Gottes war. …“

So anschaulich, liebe Gemeinde, wird vom Pfingstereignis erzählt – vom Kommen des Geistes Gottes, der wie ein frischer Wind alles Verstaubte wegbläst; der Menschen be„geist“ert, so dass ihnen ein Licht aufgeht.
So anschaulich und lebendig – und dann doch wieder so wenig greifbar!

Ganz anders ist das bei dem Bibelabschnitt, der in diesem Jahr für den Pfingstsonntag als Predigttext vorgesehen ist.
Es ist – wie mehrmals an den vergangenen Sonntagen – ein Abschnitt aus den Abschiedsreden Jesu, wie sie im Johannesevangelium überliefert sind.
Jesus will die Seinen nicht einfach so zurücklassen; er will ihnen etwas mit auf den Weg geben.
Was jemand zum Abschied sagt, sind oft gewichtige Worte oder Gesten.
Mir ist der Song von Frank Sinatra eingefallen, den Gerhard Schröder im Zusammenhang mit seinem Abschied als Bundeskanzler hat spielen lassen: „I did it my way“ – Ich habe es auf meine Art gemacht.
So kann man Abschied nehmen: man erklärt nichts; was ich getan habe und was andere vielleicht auch nicht verstanden haben, ist in meiner Art, in meiner Persönlichkeit begründet.

Jesus wirft mit seinen Abschiedsreden weniger einen Blick zurück; wichtiger ist das, was kommen wird – er gibt sozusagen ein Vermächtnis für die Zeit danach.
Und darin kündigt er den Tröster, den heiligen Geist an, weshalb wir diesen Textabschnitt im Pfingstgottesdienst hören. Ich lese aus Johannes 14 die Verse 23 bis 27:
„Jesus antwortete und sprach: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.
Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht.
Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.
Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschre-cke nicht und fürchte sich nicht.“

Erzählt die Pfingstgeschichte, wie wir sie vorhin gehört haben, rückblickend und recht anschaulich von dem, was die Menschen damals begeistert hat, dann nimmt unser Text

eine andere Perspektive ein:
Die Zeit, in der Jesus nicht mehr da ist, wird erst noch kommen – die Zeit, in der weitergehen soll, was jetzt be-gonnen hat; die Zeit, in der Gottes Geist die Erinnerung wach hält an das, was Jesus gesagt hat und in der er „leh-ren“ wird, was das für das Leben dann bedeutet.
Natürlich schreibt auch der Evangelist Johannes erst in dieser angekündigten Zukunft – Jahrzehnte nach Tod und Auferstehung Jesu; er ist damit selbst einer, der sich erinnert, der die Lehre Jesu umsetzt für seine Zeit.
Aber ich möchte mich von ihm heute mitnehmen lassen an die Seite derer, die von Jesus Abschied nehmen müssen, ohne jetzt schon zu wissen, was kommt.
Ich möchte mich in die Reihe derer stellen, denen Jesus seinen Frieden verheißt für die Zukunft, denen er das Kommen des heiligen Geistes ankündigt.

Jesus verabschiedet sich.
Nichts wird mehr sein wie früher.
Das spüren sie deutlich, die Jesus so reden hören.
Zuerst ist da natürlich die Angst vor dem, was kommt, vor dem Unbekannten, dem Neuen.
Und dann natürlich auch die Trauer und der Schmerz

darüber, dass es nicht einfach bleiben kann, wie es bisher war – Jesus an der Seite der Seinen, der ihnen immer wie-der aufs Neue die Liebe Gottes vorlebt und nahe bringt.

Jesus geht.
Und das vorherrschende Gefühl derer, die zurückbleiben, ist jetzt: Alles, was bisher war und worauf wir so große Hoffnungen gesetzt hatten, ist aus und vorbei.
Was schön ist, was gut ist, was einmal Halt gegeben hat, das sollte doch immer so bleiben.
Das Neue, das kommt, kann nur schlechter sein!

Gegen diese letztendlich frustrierte Lebenseinstellung – und wer von uns würde eine solche Haltung nicht kennen:
„Früher war Vieles besser“, sagen manche Alte, zu denen ich aus der Sicht meiner Kinder auch schon gehöre, wenn sie mich mal wieder daran erinnern: „Du immer mit deinem Früher!“; oder: „Das kann ja nichts sein, was die da jetzt wieder vorhaben“, sagen manche, wenn neue Ideen und Gedanken ihre festgefahrenen Vorstellungen ins Wanken bringen – gegen solche Lebenseinstellungen, die nur am Althergebrachten festhalten wollen, wirft Jesus in seinen Abschiedsreden einen Blick nach vorn.
Er malt aus, was kommt; aber auch, was bleibt, obwohl Vieles anders werden wird.
Er spricht von der Liebe, vom heiligen Geist, der ein „Tröster“ ist und vom Frieden.

Er spricht von der Liebe:
Die Liebe ist wie ein Band, das ihn mit den Seinen zusam-menhält, das die Verbindung zwischen ihm und ihnen nicht abreißen lässt –
auch wenn alles anders werden wird, auch über die Grenze des Todes hinaus.
„Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Va-ter wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“
Jesus lieben und sein Wort zu halten, also in seinem Sinn zu leben, ist eins.
So wie Jesus – und das wird der Evangelist Johannes nicht müde zu betonen – so wie Jesus mit dem Vater eins ist.
Jesu Wort ist Gottes Wort; Jesu Liebe ist Gottes Liebe.
Und wenn es hier heißt: „Wir (also Vater und Sohn) werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“, dann verspricht Jesus die Gegenwart Gottes dort, wo Menschen aus seiner Liebe heraus leben und handeln.

Dort wird Gott „wohnen“.
Aber er lässt sich nicht einmauern; wir können ihn nicht „festmachen“.
Wo die Bibel davon spricht, dass Gott bei Menschen „Wohnung nimmt“, steht immer das Bild des Zeltes im Hintergrund, das Bild des wandernden Gottesvolks.
Gegenwart Gottes bei uns Menschen ist nichts Statisches.
Das Bild vom Zelt bleibt uns eine Warnung davor zu mei-nen, wir hätten mit einer – durchaus liebevollen – Tat Gottes Gegenwart ein für alle mal eingefangen.
Wer in der Liebe Jesu leben und bleiben will, muss immer und immer wieder neu definieren, was das für seine Zeit bedeutet.
Liebe und festgefahrene Standpunkte schließen einander aus; als „wanderndes Gottesvolk“ müssen wir – damals wie heute – in Bewegung bleiben und jeweils neu darüber nachdenken, was Leben nach den Worten Jesu heute bedeutet.

Heute vor 75 Jahren wurde die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet – ein gemeinsames Bekenntnis aller deutschen Landeskirchen gegen die nationalsozialistische Weltanschauung und die Irrlehre der Deutschen Christen.
(Es lohnt sich, nachher den Text einmal nachzulesen – er ist

abgedruckt in unserem Gesangbuch unter der Nummer 836.)
Was bedeutet es, so war damals die Frage, heute zu Jesu Wort zu stehen?
Die erste These lautet:
„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben die-sem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.“
Gegen den nationalsozialistischen Absolutheitsanspruch wird hier klar und deutlich darauf hingewiesen, woran allein die Kirche sich zu orientieren habe – am in Jesus Christus menschgewordenen Wort Gottes.

„Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“
Auch heute sind wir aufgefordert, darüber nachzudenken, was das für unsere Zeit heißt – für jeden einzelnen Chris-tenmenschen und für uns als Kirche.

Es sind andere Kräfte und Mächte als vor 75 Jahren, die heute Anspruch auf unser Leben erheben –
seien es die Macht des Geldes und der Gewinnmaximierung oder ständig steigender Erfolgsdruck, mit dem Menschen gemessen werden;
oder sei es unser lähmender Kleinglaube, der in der Kirche nur gebannt auf das starrt, was weniger wird und aus lauter Angst sich allem Neuen verschließt.

Jesus spricht von der Liebe und er spricht von Gottes Geist.
Gerade an Pfingsten sind wir eingeladen, diesem heiligen Geist viel zuzutrauen.
Als Tröster spricht er uns Mut zu, wo wir mutlos werden.
Er erinnert uns an Jesu Worte und an Jesu Leben und bindet uns so zurück an seine Liebe.
Und er hat auch heute die Kraft, uns neu in Bewegung zu bringen mit frischem Wind, der nicht nur Staub aufwirbelt und wegbläst, sondern der eben auch neue Luft zum Atmen bringt.

Jesus spricht zuletzt von seinem Frieden.
Vom Frieden, der gegenwärtig ist in seinem Geist, auch wenn Vieles immer wieder neu und anders wird.

Von seinem Frieden, den er uns geben will.
So ist er selbst es, der uns Mut zuspricht für alles, was kommen wird – auch für alle neuen Weg, die wir gehen werden, wenn wir heute darüber nachdenken, was es heißt, in Liebe und Treue zu ihm und zu seinem Wort zu stehen.
„Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Mit diesem „Abschiedswort“ Jesu feiern wir in diesem Jahr das Pfingstfest.

Amen.
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