Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

31.12.08 Lukas 12, 35-40

Predigt am 31.12.2008 über Lukas 12, 35-40

Pfarrer Matthias Bauschert


Quälend langsam rückt der Zeiger auf der Bahnhofsuhr vorwärts; vor der Nase ist ihr der Zug weggefahren, den sie hatte erreichen wollen. Und jetzt sitzt sie hier und wartet, langsam wird es kalt – aber es kommt ihr so vor, als würde die Zeit überhaupt nicht vergehen. Ob sie es überhaupt noch rechtzeitig schafft, zu dem Fest zu kommen, zu dem sie eingeladen ist?

Szenenwechsel:
Was, schon so spät? Erstaunt schaut er auf die Uhr. Eigentlich hatte er ja überhaupt keine Lust gehabt, zu dieser Theatervorstellung zu gehen. Aber dann hatte er sich doch aufgerafft – es wäre ja zu schade gewesen, den Gutschein für die Theaterkarten verfallen zu lassen. Und jetzt ist die Vorstellung um, der tosende Applaus holt ihn zurück in seine Welt. Die Zeit – sie ist vergangen wie im Flug.

Das, liebe Gemeinde, kennen wir alle.
Zeit ist nicht gleich Zeit. Eine Stunde kann verfliegen; sie kann einem aber auch unendlich lang werden.

Je nachdem, was unsere Zeit ausfüllt, erleben wir sie als langwierig oder als kurzweilig.
Auch im Rückblick auf das Jahr, das jetzt zu Ende geht, werden viele erstaunt fragen: Was, schon wieder ein Jahr vorbei? Es kommt mir so vor, als sei es erst gestern gewe-sen, dass das Jahr angefangen hat!
Anderen, die viel durchmachen mussten in diesem Jahr, die warten mussten auf Untersuchungen und Befunde, die ans Bett gebunden waren und das Haus nicht mehr verlassen konnten – denen ist dagegen die Zeit lang geworden.

Wir Menschen brauchen überschaubare Zeitabschnitte –
Minuten, Stunden, Tage; Wochen, Monate, Jahre.
So können wir unsere Zeit einteilen in das, was hinter uns liegt und können nachdenken über das, was kommt.
Mit dem Jahreswechsel verbindet sich das Gefühl eines Neuanfangs.
Wir wissen natürlich alle, dass das so nicht geht:
Vergangene Zeit ist unsere Vergangenheit; sie hat uns ge-prägt, hat uns werden lassen zu dem, was wir jetzt sind.
Und so nehmen wir immer auch mit, was war –
unsere Erinnerungen an glückliche Tage; die Freude, die uns erfüllt hat; alles Schöne und Lebendige.

Genauso wenig können wir einfach ablegen, was uns Angst gemacht hat; die Verletzungen, die uns zugefügt wurden; alles Schwere und Lähmende.

Mit dem Wechsel zum neuen Jahr wird nicht einfach alles neu.
Aber wir können den Jahrswechsel zum Anlass nehmen, über das Vergehen der Zeit nachzudenken – und das nicht ganz allgemein und theoretisch, sondern im Blick auf unser eigenes Leben; im Blick auf das, was wir erlebt haben an Schönem und an Schwerem in diesen Monaten, die hinter uns liegen.
Da werden verschiedene Bilder jetzt Gestalt gewinnen vor unserem inneren Auge –
Bilder, die – wenn wir sie malen könnten – auch für andere sichtbar machen würden, wie stimmig, wie richtig das Leben war – so, wie es war;
es gäbe aber auch Bilder, die nicht fertig wären – Bilder, an denen noch etwas fehlt; oder Bilder, die zerbrochen sind in viele Einzelteile – brüchiges Leben.

Ich möchte Sie einladen, sich in einer kurzen Zeit der Stille auf die Suche zu machen nach den Bildern, die für Sie ganz
persönlich zum vergangenen Jahr gehören – nach solchen, die Sie gern ablegen und hinter sich lassen wollen; aber auch nach solchen, die Sie begleiten sollen ins neue Jahr.


Neben diesen Bildern, die man jeweils persönlich vor Augen hat, begleiten uns heute Abend auch die Erinnerungen, die wir alle gemeinsam haben –
und da reicht es, wenn ich Stichworte nenne, um sie uns ins Gedächtnis zu rufen:
Die Finanzkrise mit ihren Folgen, die noch nicht abzusehen sind; Kriege und Bürgerkriege, so wie jetzt aktuell wieder in Israel; der drohende Klimawandel.
Aber auch Hoffnungen, die sich mit der Wahl des ersten schwarzen Präsidenten in den USA verbinden.
Geradezu messianisch muten die Erwartungen an, die manche an diesen neuen starken Mann im Weißen Haus haben.

Der Jahreswechsel – so willkürlich so ein Datum auch sein mag – regt uns an, Rechenschaft abzulegen über Erlebtes; uns Gedanken zu machen über das, was kommt.
Es gibt auch andere Anlässe in unserem Leben, wo wir das tun – Geburtstage, Jubiläen; aber da ist solches Nachden-ken

individuell, betrifft nur mich persönlich.
An Silvester, am Jahreswechsel, da verbindet uns alle dieses Gefühl des „Neuanfangs“ – des Rückblicks und der Erwartungen.
Und da ist es gut, wenn unser heutiger Predigttext die Frage der Erwartungen, des Wartens auch, aufgreift.
Er tut dies auf seine Weise; er tut es in einer Form, die mit „Jahreswechselromantik“ nichts, aber mit christlicher Er-wartungshaltung viel zu tun hat.

Ich lese aus Lukas 12 die Verse 35 bis 40:
„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter brennen und seid gleich den Menschen, die auf ihren Herrn warten, wann er aufbrechen wird von der Hochzeit, damit, wenn er kommt und anklopft, sie ihm sogleich auftun. Selig sind die Knechte, die der Herr, wenn er kommt, wachend findet. Wahrlich, ich sage euch: Er wird sich schürzen und wird sie zu Tisch bitten und kommen und ihnen dienen.
Und wenn er kommt in der zweiten oder in der dritten Nachtwache und findet's so: selig sind sie.
Das sollt ihr aber wissen: Wenn ein Hausherr wüsste, zu welcher Stunde der Dieb kommt, so ließe er nicht in sein
Haus einbrechen.
Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.“

Wir kommen von Weihnachten her, liebe Gemeinde.
Vom Fest der Geburt des Kindes im Stall.
Mit unserem Predigttext für diesen letzten Abend des Jahres werden wir in eine Zeit hinein genommen, in der der Evangelist Lukas den Menschen seiner Zeit Mut machen will.
Die Evangelien sind keine Augenzeugenberichte.
Nach Tod und Auferstehung Jesu versuchen sie zu verstehen und zu beschreiben, wer der war, der da gekommen ist.
Erst jetzt wird die Geschichte seiner wundersamen Geburt erzählt und aufgeschrieben.
Die Zeitgenossen des Lukas hoffen und vertrauen darauf, dass Jesus zu ihren Lebezeiten wiederkommen wird; dass mit seinem Kommen Gottes Reich anbricht – sichtbar vor aller Augen; erlebbar für alle, die jetzt noch unter der Last ihres Lebens stöhnen.
Doch die ersten aus der Gemeinde sterben, ohne dass sich diese Hoffnung erfüllt hätte.
Von Jesu Kommen – keine Spur.
Da wird sie kleiner, die Hoffnung.
Das Vertrauen schwindet.
Nur wenig fehlt, um das verglimmende Flämmchen „Glau-be“, das noch da ist, zu löschen.
Dunkelheit, Finsternis, Hoffnungslosigkeit würde sich dann wieder ausbreiten.
Jesus war doch nur einer von vielen, auf die wir umsonst unsere Hoffnung gesetzt hatten!

Gegen solche Resignation wendet sich unser Predigttext.
Lukas lässt hier Jesus selbst zu Wort kommen mit zwei kleinen Gleichnissen.
Seine Worte sind es, die vom Kommen, vom Wiederkommen des Menschensohns sprechen.
Zwei Aufforderungen stecken in diesen Versen, die beide etwas mit „Erwartung“ zu tun haben:
„Seid bereit zum Aufbruch“, und: „Seid wachsam!“

„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter bren-nen“ – das Bild erinnert an den Aufbruch der Israeliten aus Ägypten.
Diese Geschichte gehört zu einem Grundtext jüdischer Erinnerung – die Erzählung von der Befreiung aus Unterdrückung, der Herausführung aus der Sklaverei.
Das Gewand ist hochgebunden, „umgürtet“; das Licht
brennt. So kann ich jederzeit aufbrechen, ohne Gefahr zu laufen, über den Saum des langen Gewands oder in der Dunkelheit über herumliegende Gegenstände zu stolpern; ohne hinzufallen und möglicherweise liegen zu bleiben.
Jesus selbst ist in der Erinnerung und in dem Wissen um diese göttliche „Befreiungstat“ aufgewachsen.
Der Auszug aus Ägypten ist ein „Grunddatum“ jüdischer Geschichte, jüdischer Identität; und es hat auch Jesus geprägt: Unser Gott, mein Gott – „Abba, lieber Vater“ – ist ein Gott der Freiheit!

Seid bereit zum Aufbruch – das hören wir heute an der Schwelle zu einem neuen Jahr.
Auch wenn, was hinter uns liegt, sicher nicht Knechtschaft und Unterdrückung war – manch Be-drückendes, manch Nieder-drückendes wird dabei gewesen sein.
Und so wird das Bild, das Jesus verwendet, zu einer Einla-dung an uns, darauf zu vertrauen:
Gott will Neues mit uns beginnen.
Aufbruchbereit sein; das Licht gegen die Finsternis nicht verlöschen lassen: Darin liegt hoffnungsvolle Erwartung.
Eine Erwartung gegen die resignierende Feststellung:
Es bleibt ja sowieso alle beim Alten.
Ein Zukunftserwartung, die damit rechnet, dass etwas auf uns zukommt – dass Gott auf uns zukommt im Neuen, das uns erwartet.

Das müssen gar keine spektakulären Lebensveränderungen sein.
Aufbruchbereit sein heißt auch, kleine Schritte zu gehen; mitten im Alltag offen zu sein dafür, dass Gott uns begegnen will –
in der Stille an einem schönen Ort;
im Gespräch mit einem lieben Menschen;
in der Begegnung mit jemandem, der mir bisher fremd war.
Oder ganz anders, als wir uns das vorstellen.
„Lasst eure Lenden umgürtet sein und eure Lichter bren-nen“ – seid bereit, neue Wege zu gehen!

Das zweite, wovon unser Text spricht, ist das „Warten“.
Wartet wie die Knechte auf ihren Herrn, der zu einem unerwarteten Zeitpunkt zurückkommen könnte.
Mit Knechten, mit Mägden verglichen zu werden, die darauf warten, von ihrem Herrn in Dienst genommen zu werden, gefällt uns natürlich nicht.
Aber auf diese wachsamen Knechte wartet etwas ganz

Besonderes:
Der Herr, der nach Hause kommt und sie wachend findet, bindet sich die Schürze um und macht sich selbst zum Diener. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr; das mag ein Wechsel sein“ – so haben wir im Weihnachtslied miteinan-der gesungen, das über die Krippe hinaus schon einen Blick wirft auf diesen „Rollentausch“.
Wachsam bleiben, erwartungsvoll leben, das meint ein Le-ben voller Vorfreude, in dem wir damit rechnen, dass Gott etwas an uns tut; dass er uns dient.

Wer wacht, dem fallen die Augen nicht zu.
Wer das Licht brennen lässt, übersieht die dunklen Ecken nicht – im eigenen Leben und in unserer Welt.
Wer bereit ist zum Aufbruch, kann die nötigen Schritte tun – dann, wenn es darauf ankommt.

Auch wenn uns die konkrete Vorstellung des Wiederkom-mens Jesu Christi fremd geworden ist; auch wenn wir schon gar nicht zu unseren Lebzeiten damit rechnen oder darauf warten:
Mit dem Predigttext für den Jahreswechsel werden wir daran erinnert, wie wichtig es ist – für uns, für unsere Gemeinden

und für unsere Welt –, dass wir nicht „einschlafen“; dass wir wachsam bleiben und offen für das, was zu tun ist – allen Dunkelheiten zum Trotz!

„Allzeit bereit“ – so begrüßen sich Pfadfinderinnen und Pfadfinder bis heute.
Eine Losung, die aus unserem Text übernommen ist.
Ein Spruch mit Verheißung:
Der sie gesagt hat, war selbst „bereit“ – bereit dazu, für uns mit seinem Leben einzustehen.
Nicht, um uns zu Knechten und Mägden zu machen, sondern zu freien Menschen, die er an seinen Tisch einlädt.
Wenn wir jetzt dann gleich das Abendmahl miteinander feiern, dann sind wir Gäste dessen, der uns dienen will.

Im Vertrauen darauf, dass er es ist, der auf uns zukommt, können wir getrost die Schwelle ins neue Jahr überschreiten.
Es wird Zeiten geben die wie im Flug vergehen; es wird Stunden und Tage geben, die uns lang werden.
Doch all unsere Lebenszeit soll erfüllt sein von der Hoffnung auf den, der unsere Zeit in seiner Hand hält.

Amen.
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