Wolfgangkirche-Hoheneck
evangelische Kirchengemeinde Ludwigsburg-Hoheneck

31.12.10 Jes 30,15-17

Predigt am 31.12.2010 über Jesaja 30, 15-17

Pf. Matthias Bauschert

„Ist tatsächlich schon wieder ein Jahr vorbei?“

Immer wieder, liebe Gemeinde, höre ich diese erstaunte Frage – und ich stelle sie mir auch selbst!

Und so fragt man ja nicht nur am Jahreswechsel – auch Geburtstage sind solche Daten, an denen uns das Vergehen der Zeit ganz besonders bewusst wird – eigene Geburtstage oder die der Kinder oder Eltern.

 

Der Rückblick auf ein vergangenes Jahr hat immer verschiedene Facetten:

Da ist zum einen das – manchmal erschreckende – Gefühl, dass wieder ein Jahr des Lebens vergangen ist; verflossene Zeit, die endgültig der Vergangenheit angehört.

Was hinter mir liegt, kann ich nicht mehr zurückholen; und die Zeit, die vor mir liegt, wird kürzer.

Aber solche Gedanken blitzen meist nur kurz auf; die Tatsache, dass unser Leben vergänglich ist, tragen wir nicht als ständige Belastung mit uns herum – und das ist auch gut so! Es ist, wie es ist; daran können wir nichts ändern, und wenn wir noch so viel darüber nachgrübeln.

 

Unser Rückblick am Jahreswechsel wird überwiegend von anderen Fragen bestimmt:

Wie hat sich mein Leben im vergangenen Jahr verändert?

Welche Qualität hatte diese Zeit, die wir jetzt als „Vergangenheit“ bezeichnen; womit war sie angefüllt, meine Lebenszeit? War es für mich und für die Menschen, mit denen ich zusammenlebe, ein gutes Jahr? Oder hatten wir miteinander Schweres zu tragen?

Was ist aus unseren Hoffnungen oder gar aus den guten Vorsätzen geworden, die am Anfang dieses Jahres standen?

Und wie sieht es aus, wenn wir über unseren engsten „Lebenskreis“ hinausschauen, an dem Ort, in dem wir leben; in unserer Kirchengemeinde? In unserem Land und in unserer Welt?

 

In einem solchen Rückblick vermischen sich ganz persönliche Erinnerungen mit solchen, die man mit wenigen oder mit mehreren anderen teilt; und dazu kommen die Erinnerungen, die uns allen gemeinsam sind – so haben wir jetzt z.B. einen anderen Bundespräsidenten als noch vor einem Jahr; und wir müssen wohl auch in Hoheneck in absehbarer Zeit nicht mehr damit rechnen, dass das Präsidentenpaar einen Weihnachtsgottesdienst bei uns besucht.

 

Vor ein paar Jahren bekam ich tatsächlich an Heiligabend einen Anruf von der Stuttgarter Zeitung mit der Frage, ob ich wisse, dass der Bundespräsident am Abend zum Gottesdienst zu uns kommen würde. Erinnern Sie sich daran? Nein? Er ist auch nicht gekommen! Ich weiß bis heute nicht, wie es zu dieser Fehlinformation kam – aber Herr und Frau Köhler wären herzlich willkommen gewesen.

 

Zu unseren gemeinsamen Erinnerungen gehören in diesem Jahr die Auseinandersetzungen um den Umbau des Bahnhofs in Stuttgart. Und ganz egal, wie man zu Stuttgart 21 steht – wir sind alle erschrocken über die Gewalt, die da an diesem einen Donnerstag ausgebrochen ist.

Und uns verbindet die Hoffnung, dass ein guter Weg gefunden wird, den Menschen miteinander gehen können, auch wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.

 

Wir erinnern uns an Katastrophen, die von Menschen gemacht sind, wie Terroranschläge und nicht enden wollende Kriege; wir erinnern uns an Naturkatastrophen wie die Erdbeben in Haiti und in Chile, denen Menschen hilflos ausgeliefert sind.

So sehr uns das alles erschreckt – für die meisten von uns

 

bleibt das ein „Hintergrundrauschen“, das zwar auch irgendwie zu unserem Leben dazu gehört, aber eben doch weit weg ist.

 

Anderes liegt näher, ganz Alltägliches; das, was einen persönlich betrifft.

Ich möchte Sie jetzt einladen, in einer kurzen Zeit der Stille über Ihre eigenen Erinnerungen nachzudenken – über Schweres, das für Sie mit dieser Jahreszahl 2010 verbunden bleiben wird, genauso wie über das Schöne, das Erfreuliche, das Gelungene.

Wie war mein Jahr 2010?

 

 

Ich weiß nicht, was Sie mitbringen in diesen Gottesdienst, liebe Gemeinde.

Welche Erinnerungen Sie bewegen – Belastendes oder Erfreuliches; welche Hoffnungen Sie haben für das neue Jahr, das ja noch wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns liegt.

Aber ich vermute, dass wir alle mit dem Wunsch hier hergekommen sind, etwas Tröstliches mit auf den Weg zu bekommen; etwas, das Halt gibt und Zuversicht.

Danach klingt der Predigttext, der für diesen Altjahresabend vorgesehen ist, zunächst einmal gar nicht.

Da gilt es schon genau hinzuhören, um das Mut-Machende, das Aufbauende darin nicht zu überhören.

 

Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 30. Kapitel die Verse 15-17:

„Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: „Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen“ – darum werdet ihr dahinfliehen, „und auf Rennern wollen wir reiten“ – darum werden euch eure Verfolger überrennen.

Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.“

 

Dieser Text, liebe Gemeinde, ist jetzt eigentlich nichts, was man im Nachdenken über Vergangenes und beim Blick in die Zukunft, die offen vor einem liegt, erwarten würde.

Und dieses Prophetenwort soll uns heute also in unserem

 

Gottesdienst beim Nachdenken über das Vergehen der Zeit, über das, was war und was kommt, begleiten?

 

Bei diesem Jesaja-Text geht es um ganz konkrete militär-politische Fragen: Worauf und auf welchen Bündnispartner soll man sein Vertrauen setzen?

Gegen die Eroberungspläne Assyriens bietet sich für die politisch Verantwortlichen in Juda ein Bündnis mit Ägypten an. Jesaja ist strikt dagegen.

Doch sein Wort wird nicht gehört.

Lieber verlässt man sich auf die militärische Macht, die sich anbietet – auf Streitrosse und Rennpferde.

 

Demgegenüber fordert Jesaja eine Neubesinnung, eine Rückbesinnung auf den Gott, der das jüdische Volk begleitet hat, der es befreit hat aus der Knechtschaft und der durch die Worte der Propheten immer wieder Recht und Gerechtigkeit angemahnt hat. Für Jesaja gibt es keinen Lebensbereich, der da ausgenommen werden könnte.

Ihm geht es darum, alle Entscheidungen – eben auch die im gesellschaftlich-politischen Bereich – danach zu befragen, ob sie aus reinem Machtkalkül getroffen werden, oder ob sie Bestand haben vor dem Wort Gottes.

 

Die Menschen damals wollten die Mahnungen des Propheten nicht hören.

Doch Jesaja spricht offen aus, was er sieht:

„Ihr habt euch abgewandt von Gott und verlasst euch auf eure eigene Stärke! Das ist ein Weg, der ins Verderben führt!“

 

So viel in aller Kürze zum Hintergrund unseres Textes.

Doch damit ist natürlich die Frage noch nicht beantwortet, wie wir mit diesen Worten heute umgehen können; was sie uns sagen können auf unsere Suche nach Orientierung angesichts eines Jahreswechsels – wenn wir zurückschauen auf das, was war; wenn wir erwartungsfroh oder vielleicht auch ein bisschen ängstlich auf das schauen, was noch unbekannt vor uns liegt.

 

Ich vermute, dass dieser Textabschnitt vor allem wegen seines ersten Verses zum Predigttext für den Silvestergottesdienst geworden ist:

„Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

Umkehr, Stille, Hoffnung.

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was das für unseren eigenen Jahresrückblick und Jahresausblick heißen kann.

Zunächst jedoch eins vorneweg:

Wir dürfen die Worte des Propheten nicht missverstehen, als würde „umkehren“ und „auf Gott hoffen“ immer bedeuten, „stille“ zu sein – also vielleicht sogar „sich zu verkriechen“, nur ja nicht aufzufallen. Nein, ganz sicher nicht!

Das Stille-Sein hat hier seinen Platz im historischen Kontext. Für den Staat Juda wäre es, so die Überzeugung des Jesaja, angebracht gewesen, sich zurückzuhalten, sich eben nicht auf die Seite einer starken Militärmacht zu schlagen; Zurückhaltung, Stille wäre das Gebot der Stunde gewesen.

An anderer Stelle, in anderen Zusammenhängen kann „Umkehr“ und „Hoffen auf Gott“ dann aber auch bedeuten, dass es geradezu nötig ist, laut den Mund aufzumachen; die

Stimme zu erheben für die, die mundtot gemacht wurden; unangenehme Wahrheiten auszusprechen, auch wenn man keinen Beifall dafür bekommt.

Wir werden auch heute wieder das Lied mit dem Text Dietrich Bonhoeffers singen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag; Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Diese Glaubenshaltung hat bei Bonhoeffer das Gegenteil von Stille-Sein bewirkt; das Hören auf Gottes gute Macht hat für ihn dazu geführt, dass er „um Gottes Willen“ laut geworden ist; dass er seine Stimme erhoben hat gegen das Unrecht der Nazis.

 

Wir alle brauchen Zeiten der Besinnung, des Zur-Ruhe-Kommens; Zeiten, in denen wir anschauen können, was wie geworden ist.

Wir brauchen Zeiten der Stille als Voraussetzung dafür, neue Wege einschlagen zu können, „umkehren“ zu können, wie es in der Sprache der Bibel heißt.

Daran erinnert uns dieses Bibelwort.

Doch Umkehr ohne wirklich neues Ziel wäre sinnlos.

Wenn Jesaja hier von Umkehr spricht, dann meint er eine Richtungsänderung hin zu dem Gott, der sich schon einmal als „befreiender“ Gott erwiesen hat.

„Ich bin der Herr, dein Gott“, heißt es im ersten Gebot. „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“

Die Richtungsänderung weg von diesen anderen Göttern ist hier gemeint – wie immer sie damals geheißen haben, was immer sie heute bedeuten mögen.

Aus der Stille heraus ist Umkehr möglich, hin zu dem Gott,

auf dessen Nähe und Hilfe wir hoffen und vertrauen; hin zu dem Gott, dessen Menschwerdung wir in den vergangenen Tagen gefeiert haben.

 

Wenn wir das Prophetenwort Jesajas für uns heute hören, dann fordert es uns dazu auf: In unserem eigenen Leben danach zu fragen, worauf wir uns letztlich verlassen; danach zu fragen, welchen Platz in unserem Leben das Vertrauen auf Gott hat.

Wie war das im zu Ende gehenden Jahr?

Und wie wird, wie soll es im neuen Jahr sein?

 

Für uns als Kirchengemeinde ist vor wenigen Wochen die Zeit der „Visitation“ zu Ende gegangen – also eine Zeit, in der wir von Dekan und Schuldekan „besucht“ wurden; eine Zeit, in der wir uns miteinander Gedanken darüber gemacht haben, was unsere Gemeinde ausmacht, was hier geworden und gewachsen ist.

In der Abschlusssitzung kurz vor Weihnachten hat Dekan Speck uns einen Gedanken mit auf den Weg gegeben, der mir bei der Vorbereitung zu dieser Predigt heute wieder in den Sinn gekommen ist:

Für die nächste Zukunft soll es bei uns – neben all dem, was

es hier gibt und was auch weiter laufen wird – nicht darum gehen, neue Aktivitäten, neue Angebote zu entwickeln, sondern zunächst einmal darum – ich sage es jetzt mit den Worten des Predigttextes –, „still zu sein“.

In der Stille, in der Ruhe einen Schritt heraus zu tun und gemeinsam zu überlegen: Was sind eigentlich die Bilder von Kirche, die uns tragen, die uns vor Augen stehen? Was ist unsere Gemeinde, unsere Kirche für uns? Wie hätten wir sie gern?

 

Umkehr, Stille, Hoffnung.

Ja, liebe Gemeinde, das kann ein guter Vorsatz sein für das neue Jahr – für uns als Gemeinde, aber auch für jeden einzelnen und für jede einzelne: So zu leben, wie es das Wort des Propheten Jesaja uns heute ins Herz schreibt.

Und das hat Auswirkungen auf die Menschen um uns herum, mit denen wir zusammenleben; mit denen wir zu tun

haben Tag für Tag – bei der Arbeit, in der Schule; das hat Auswirkungen auf die Gesellschaft, in der wir leben – weil wir es sind, die sie verändern können.

„Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“

 

Hören wir den Zuspruch, der in diesem Anspruch steckt.

Und lassen wir uns ermutigen, getrost und bestärkt unseren Weg ins neue Jahr zu gehen.

 

Amen.

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